Die alte St. Lambrechter Tuchfärberei

Im Gewölbekeller des Zunfthauses (siehe --->Zunfthaus) betrieben die St. Lambrechter Tuchweber einst ihre "Blaufärberei" zum Färben ihres Tuchs. Wahrscheinlich unmittelbar nach der Errichtung des Zunfthauses im Jahr 1607 bis zur Ablösung durch eine leistungsstärkere industrielle Tuchfärberei einer 1854 gegründeten Färbergesellschaft. Womit die Betriebsdauer der alten St. Lambrechter Tuchfärberei bis zu etwa 250 Jahre umfaßte.


  
Der Gewölbekeller des Zunfthauses - ehemalige Betriebsstätte der alten St. Lambrechter Tuchfärberei

  

Die Existenz dieser Tuchfärberei belegen, neben einer mundartlich "Zur Farbkipp" (hd. "Zur Farbküpe") benamt gewesenen und im Zunfthaus ehemals existierenden Wirtschaft, eine Anzahl Befunde, wie diese für das mittelalterliche vorindustrielle Färben von Tuch typisch erscheinen. Voran der "Gewölbekeller" selbst, mit seinen horizontal wie vertikal idealen Ausmaßen zur besten Eignung für das Praktizieren des alten Färberhandwerks.

Vor seiner Umgestaltung zum Ratssaal (2005/6) prägte diesen noch sein Originalzustand aus ganz natürlichem Sandstein, mit dem ursprünglichen "Sandsteinboden" darin. Durch absolut gleichförmige Sandsteinplatten geebnet, bot letzterer eine ideale Arbeitsfläche für den Umgang mit den zum Färben benötigten flüssigen Massen mit dem "Indigo" darin, dem Färbemittel der Blaufärber. Zweckgemäß verlief genau in seiner Mitte und über seine gesamte Länge eine "Rinne mit Ablauf" zur Gerberstraße hin. "Quadratische Abdrücke" markierten Stellen, wo die Füße "vierbeiniger Gestelle" auf dem Boden aufsetzten, als typische Unterbauten von "Farbküpen". Der Größe ihrer Abdrücke nach trugen sie Küpen, die eine "Färbeflotte" um 900-1000 Liter zu fassen vermochten.

Allen angeführten Befunden auf und im Boden wurden bei dessen Erneuerung im Rahmen der oben angeführten Umgestaltung leider ihre Sichtbarkeit genommen. Dagegen können wir an der Gewölbedecke des Kellers noch "eiserne Konstruktionen" erblicken, die als "Multifunktions-instrumente" der Handhabung des Färbens dienten. Als hier noch original erhaltene Relikte einer mittelalterlichen Färberei sind diese einmalig, insoweit sie in ihrer Art selbst bundesweit nirgendwo sonst noch vorfindbar erscheinen!

In ihrer Gesamtheit bieten die angeführten Befunde eine gute Grundlage für eine der Realität durchaus nahekommende Rekonstruktion der alten St. Lambrechter Tuchfärberei (siehe nachfolgend). Demnach standen im Gewölbekeller "mindestens fünf Küpen" zum Färben des Tuchs. Dieses wurde nach dem Walken und Waschen immmer am Montag (daher der "blaue Montag") gefärbt. Die wichtigste Handhabung bestand dabei im "Anheften des Tuchs" an die spitzen "Haken von eisernen Stern- und Küpenreifen", die an den eisernen Deckenkonstruktionen über den Küpen hingen. Über "Seile" konnten diese dann abgelassen werden und so mit dem Tuch daran in die Küpen eintauchen. Das Tuch kam somit in "Färbeposition" und konnte dann den Indigo in den Färbeflotten aufnehmen.

War das Tuch genügend vom Indigo gesättigt, zog man den Stern- und Küpenreifen mit dem Tuch wieder nach oben, wodurch "überschüssiges Färbebad" im Tuch in die Küpen zurückfließen bzw. abtropfen konnte. Ließ in dieser "Abtropfposition" das Abtropfen zusehends nach, wurde das Tuch "blau geschlagen" und so der Abtropfvorgang beschleunigt. Wo andernorts dafür mit einem Stock direkt gegen das Tuch geschlagen wurde, präferierte man in St. Lambrecht wohl eine adäquate "eigene Technik für berührungsloses blau Schlagen" des Tuchs, um dieses möglichst nicht zu verletzen.

Nach dem Abtropfen wurde das Tuch von den Stern- und Küpenreifen genommen, dabei über hölzerne Rundstangen gehängt, die dann mit dem Tuch daran in die "runden Enden der Ankereisen" zwischen zwei benachbarten eisernen Deckenkonstruktionen eingelegt werden konnten. Womit das Tuch in der "Nachtropfposition" hing, wo sich auch noch "letzte Farbreste" vom Tuch lösen konnten. Danach wurde das Tuch wieder abgenommen und auf die "Trockenwiesen auf dem Sommerberg" verbracht. Dort auf "hölzerne Gestelle" gehängt, erfolgte schließlich das "Trocknen", insbesondere aber das "Vergrünen" des Tuchs als eigentlicher Prozeß des Blaufärbens. Indem nämlich durch "Oxydation des Indigos" an der Luft das vom Färbebad - wegen dessen Anteil an reduziertem gelblichem Indigo - mehr "grün erscheinende" Tuch nun erst "in Blau umschlug" und so auch erst zu "blauem Tuch" wurde!

Rekonstruktion der alten St. Lambrechter Tuchfärberei (Abb. 1):


  
Die Abbildung zeigt den Gewölbekeller des Zunfthauses: in seinem ursprünglichen Zustand (in natürlichem Sandstein). In der Bodenmitte ist die "Rinne" mit "Ablauf" zur Gerberstraße (an der hinteren Wand mit dem Fenster) zu erkennen. Im Raum stehen fünf "Farbküpen" auf "Vierbein-Gestellen" mit jeweils einem "Feuerkorb" darunter, zur Erwärmung des Färbebades. An der vorderen Küpe rechts ist ein Färbermeister gerade dabei, an die Haken eines "Stern- und Küpenreifens", der über der Küpe an einer "eisernen Konstruktion" aufgehängt ist, ein Tuch zum Färben anzuheften. Nachdem das Tuch fertig angeheftet ist (siehe hinten links), ist das Tuch bereit, um mit dem Stern- und Küpenreifen in die "Küpe" mit dem "Indigo" darin zum Färben (="Färbepostion") abgelassen zu werden (mittlere Küpe rechts). Nachdem das Tuch genügend Indigo aufgenommen hat, wird es dann wieder aus der "Küpe" gezogen (hinten rechts), um über der "Küpe" hängend abtropfen zu können (= "Abtropfpostion"). Zur Beschleunigung des "Abtropfens" wird das Tuch dabei "blau geschlagen" (in der St. Lambrechter Tuchfärberei wohl nicht durch allgemein dafür üblich gewesenes dagegen Schlagen mit dem Stock, sondern mittels eigener "berührungsloser" Technik, zum Schonen des Tuchs). Nach Abnahme vom Stern- und Küpenreifen wird das Tuch dann an "Stangen" zum "Nachtropfen" aufgehängt und schließlich auf die "Trockenwiesen" verbracht, um dort zu trocken und insbesondere zu "vergrünen"!


Der Prozeß des "Vergrünens"
(Abb. 2)


  
Das Bild von einer Vorführung des "Blaufärbens" durch aktive Mitglieder einer IG Historisches Handwerk zeigt ein frisch gefärbtes und gerade aus der (Blau-) Küpe genommenes und daher noch tropfendes Tuch, das eindeutig "grün" erscheint, gemäß der "grünen Eigenfarbe des Färbebades", welche das Tuch zunächst übernommen hat (siehe Text oben). Erst durch die "Oxydation des "Indgo" an der Luft beginnt über das "erste Grünen" das "Grün" aus dem Tuch zu weichen und dafür "Blau" an seine Stelle zu treten, was dann im weiteren Fortschritt zum "Vergrünen" als deutliches "Umschlagen in Blau" führt, an dessen Ende das Tuch dann auch wirklich zu einem "blauen Tuch" wird (wie am Zelt dahinter!). Zum "Vergrünungsprozeß" sei an dieser Stelle auf die Bildsequenz auf der Homepage der IG Historisches Handwerk verwiesen, wo dieser sehr eindrucksvoll dargestellt ist.


Der "Stern- und Küpenreifen" zum Anheften des Tuchs (Abb. 3):


  
Ein original "Stern- und Küpenreifen" mit seinem mit Haken besetzten Rand aus einer Blaudruck-Färberei des 19. Jahrhunderts, wo das Tuch zum "Blaufärben" angeheftet wurde


Die "eisernen Konstruktionen" an der Gewölbedecke (Abb. 4) und ihre Funktionen (Abb. 5):

  
  
Die an der Decke des Gewölbekellers noch vorhanden "eisernen Konstruktionen", woran der "Stern- und Küpenreifen" angehängt wurde, sind nicht mehr komplett. Teils fehlen sie ganz oder sind mehr oder weniger unvollständig. Im linken Bild (Abb. 4) ist noch ein nahezu vollständiges Exemplar zu sehen, mit dem Ankereisen in der Decke und mit seinem runden Ende ähnlich einem Rinneneisen, daran an einem beweglichen Stück ein vertikal um 360° drehbarer Ring mit Haken an der Unterseite. In der rechten Abbildung (Abb. 5) wird die "Multifunktionalität" der eisernen Konstruktionen sichtbar. Der kleine "Haken mit der kurzen Schwinge" (ganz rechts) fehlt komplett. Mindestens ein Exemplar davon war noch bis zur Umgestaltung des Ratssaals (siehe oben) vorhanden und wurde dann wohl während der Umgestaltung oder kurz danach entfernt. Er befand sich gleich neben dem Hauptelement, so daß ein Stern- und Küpenreifen von dessen Haken leicht umgehängt werden konnte an den kleinen Haken daneben. Schlug man nun mit einem Stock gegen ein an seinem hinteren Ende befestigtes Seil (siehe Darstellung des kleinen Hakens mit dem Seil bei der Rekonstruktion oben über der vordersten Küpe!), dann löste dies einen "kurzen heftigen Ruck" aus, der sich über Haken, Stern- und Küpenreifen auch auf das Tuch daran übertrug. Und so dürfte dies die adäquate Art zum "berührungslosen blau Schlagen" des Tuchs gewesen sein, welche man hier dem direkten "blau Schlagen" gegen das Tuch den Vorzug gab.


Die Färbepflanzen zur Gewinnung des "Indigo" vor dem Gebrauch von synthetischem Indigo (Abb. 6):



Die Färbepflanzen: Färberwaid (links) und Indigo (rechts)


Bildernachweise (soweit nicht aus eigener Quelle):

Abb. 2: IG Historisches Handwerk (http://www.ig-historisches-handwerk.de);
Abb. 3: Paul Brockhoff, Nach den Regeln der Kunst: Altes Handwerk in Westfalen, Aschendorffsche
           Verlagsbuchhandlung, 2. Aufl. 1996;
Abb. 6: Lydie Nencki, Die Kunst des Färbens mit natürlichen Stoffen, Verlag Paul Haupt, Bern 1984;

(Beitrag 01.08.14, Vers. 1.1)

Zu den verwandten Themen auf dieser Homepage:

--->Die Wallonen - Gründer der Lambrechter Tuchmacherei

--->Die Lambrechter Tuchmacherei

--->Die Walkmühle an der Brücke (--->Mühlen)

--->Das Zunfthaus an der Wallonenstraße