Lindenberg im Jahr 1861 - Das Dorf und die soziale Situation und Lebensbedingungen seiner Einwohner Mitte des 19. Jahrhunderts

Einleitung: Die "statistisch-ethnographischen Physikatsberichte von 1861"

Im Jahr 2006 erschien von der STIFTUNG ZUR FÖRDERUNG DER PFÄLZISCHEN GESCHICHTS-FORSCHUNG (Herausgeber) in der Reihe A zu PFÄLZISCHE GESCHICHTSQUELLEN der Band 5 in Bearbeitung von Franz Schmidt, der "Die Sonderberichte der pfälzischen Kantonsärzte von 1861" thematisierte. Letztere hatte die bayerische Regierung unter König Maximilian II. beauftragt, um im Nachgehen der "sozialen Frage", speziell hinsichtlich des Medizinalwesens, die soziale Situation und Lebensbedingungen der Pfälzer Untertanen genauer zu untersuchen. Zur Erstellung dieser "statistisch-ethnographischen Physikatsberichte" wurden die jeweils zuständigen Kantonsärzte als Staatsbeamte verpflichtet. So daß auch für den Kanton Neustadt an der Haardt, zu dem auch Lindenberg gehörte, ein solcher Bericht (im angegebenen Werk abgedruckt Seite 479 ff.) erstellt wurde.

Dieser hebt an mit sehr ausführlichen topographischen, geologischen oder klimatischen Ausführungen über den ganzen Kanton Neustadt, auch differenziert hinsichtlich dessen drei prägnanten Landschaftsteilen, wie dem flachen Land, dem Hügelland und dem Buntsandsteingebirge. Doch wollen wir an dieser Stelle weniger die mehr "physikalischen" Dinge in den Mittelpunkt stellen, als vielmehr die konkreten Menschen, um die es bei dieser Untersuchung eigentlich ging. Und hier ganz speziell die Lindenberger, für die der betreffende "Physikatsbericht" uns einen sehr detaillierten und authentischen Einblick in deren soziale Situation und Lebensbedingungen vor 150 Jahren gewährt.

Die Lindenberger und ihre kleine Gemarkung als Lebensraum

Nach dem einschlägigen Bericht teilte sich zu dessen Erstellungsjahr die Gemarkung Lindenbergs ein in 492 Tagwerk und 23 Dezimalen Äcker, 61 Tagwerk und 55 Dezimalen Wiesen, 1 Tagwerk und 26 Dezimalen Gärten, 6 Tagwerk und 96 Dezimalen Ödungen, keinerlei Wald, d. h. zusammen 562 Tagwerk. Hierauf lebten 48 männliche und 77 weibliche, zusammen 125, unter 14 Jahren, 131 männliche und 144 weibliche, zusammen 275, über 14 Jahren, insgesamt also 400 Einwohner.

Unter diesen zählte man 95 Familien, 9 männliche und 30 weibliche, zusammen 39, Verwittwete, 99 Unverheiratete über 14 Jahren und 3 Uneheliche unter 14 Jahren. Innerhalb des Kantons Neustadt besaß Lindenberg von insgesamt 20 Gemeinden (plus dem Staats Aerar) nur die zweitgrößte Gemarkung (nur die von Frankeneck war kleiner) und ebenfalls nur die zweitgrößte Einwohnerschaft (vor Schlußlicht Neidenfels). Insbesondere auffällig ist der zu damaliger Zeit noch übliche Kinderreichtum, im Gegensatz zur heutigen "Kinderarmut".

Letzterer ist umso bemerkenswerter, als Lindenberg eine relativ hohe Kindersterblichkeit aufzuweisen hatte. So wurden in Lindenberg zum relevanten Zeitraum noch jährlich 16 Kinder geboren, von denen jedoch innerhalb des ersten Lebensjahres wieder 9 (!) verstarben. Im Vergleich zum benachbarten Lambrecht mit 84 Geburten jährlich und nur 18 Sterbefälllen innerhalb des ersten Lebensjahres war dort die Lebenserwartung für Kinder im ersten Lebensjahr gut doppelt so hoch als in Lindenberg!

Das Berufs- und Erwerbsleben

Für 1861 führt der "Physikatsbericht" unter den Lindenbergern 13 Gewerbsleute mit nur 2 eigenen Arbeitern auf. Als allgemeine Erwerbsständler nennt er Wald- und Fabrikarbeiter. Nachfolgend ein paar eigene Anmerkungen hierzu:

Fabrikarbeiter dürften zum fraglichen Zeitpunkt die mit Abstand größte Berufsgruppe in Lindenberg gebildet haben. Und diese dürften vor allem im damaligen nahen "Fabrikort Lambrecht" als Arbeiter in der Tuchmacherei in Lohn und Brot gestanden haben, bevorzugt wohl in den am nächsten liegenden Lambrechter Fabriken, wie der 1823 als Spinnerei errichteten "Alten Maschine" im Nonnental. (Die 1832 errichtete II. bzw. Mittlere Tuchfabrik, genannt "Neue Maschine", heute Industriebrache Knoeckel, Schmidt, existierte 1861 nicht mehr, da sie 1855, vermutlich durch einen Brand, bereits eingegangen war).

Hinsichtlich der gewiß viel kleineren Gruppe der Waldarbeiter ist davon auszugehen, daß diese nur noch einen Teil der alten Waldberufe, von denen die "Lindenberger Chronik" eine ganze Reihe aufzählt, auszuüben in der Lage waren, insoweit gegen 1861 etliche alte Waldberufe bereits ausgestorben gewesen sein dürften. So etwa der "Harzbrenner", der in Lindenberg mit dem Gewann "Am Harzofen" noch in Erinnerung gehalten ist. Ebenso der "Pottaschsieder". Beide Berufe dürften bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts durch die rasant zunehmende Konkurrenz einer rasch aufstrebenden chemischen Industrie ihrer Existenz beraubt worden sein.

Auch den Köhlern, die in Lindenberg das Gewann "Kohlplatzen" (man beachte die Mehrzahl!) nachweist, dürfte es nicht viel anders ergangen sein. Ihre "Holzkohle" produzierten diese einst hauptsächlich für die Schmieden zu deren Eisenbearbeitung (in Lindenberg existierten zwei Schmieden, und zwar in den Anwesen Lambrechter Straße 36 und Hauptstraße 85, in Lambrecht gab es fünf Schmieden). Die "Holzkohle" lieferte dafür die höchste Temperatur und das zudem rauchfrei! Als dann 1849 die Trasse der "Ludwigsbahn" gelegt wurde und so der Anschluß an das Saarland mit seinem Kohlevorkommen gelang, setzte sich die "Steinkohle" (Koks) anstelle der "Holzkohle".

Das noch in seiner Ursprünglichkeit bestehende Gebäude der ehemaligen Schmiede (Lambrechter Straße 36), mit den charakteristischen "Remisen" und deren großen, mit Rundbögen ausgeführten, Eingängen, wo einst Pferde und Wagen eingestellt wurden

Beschleunigend kam hinzu, daß mit dem Bahnbau auch eine Verlagerung des Gütertransports vom Pferdefuhrwerk auf die Bahn einherging, was speziell den Hufbeschlag stark reduziert haben dürfte, weil im alten Pferdetransportwesen so immer weniger Pferde zum Einsatz gekommen sein dürften. Dies läutete sicherlich einen Rückgang im Schmiedehandwerk ein, so daß nach allem für die Lindenberger Köhler im Jahr 1861 höchstwahrscheinlich keinerlei Bedarf mehr bestand.

Zu den noch übriggebliebenen alten Waldarbeiterberufen dürfte im relevanten Jahr noch der Flößer und Holzhauer gehört haben, dazu der Steinbrecher- bzw. Steinhauer. Die Flößerei oder Trift, 1861 noch in Blüte, beschäftigte nicht nur Flößer als Begleiter der auf dem Triftsystem von Speyer- und Rehbach vertrifteten Holzflöße, sondern auch Holzhauer, so allein 400 (!) im Elmsteiner Forst. Inwieweit Lindenberger hiervon profitieren konnten, darüber existieren keinerlei speziellen Nachrichten, vielmehr ist nur allgemein festgehalten, daß sich Lindenberger auch als Flößer verdingt haben. Dagegen dürften Lindenberger Holzhauer mit dem Hauen von Triftholz nichts zu tun gehabt haben, da dies allein eine Domäne des Elmsteiner Forsts und der dort lebenden Bevölkerung war. (Ob Lindenberger Steinbrecher bzw. Steinhauer für den Ausbau der Triftbäche Steine brachen und zurichteten, ist nicht bekannt).



Das Bild zeigt zwei Flößer beim Verrichten ihres alten Handwerks. Mit ihren Flößerstangen sorgen sie dafür, daß das Floßholz reibungslos im Bach zu seinem Bestimmungsort treiben kann. Mit Aufkommen der Eisenbahn (im Hintergurnd) stellte sich eine modernere und leistungsfähigere Transporttechnik vor, durch die das Flößen als rückständige Transportmethode schließlich völlig verdrängt werden sollte


Dafür dürften etliche Lindenberger Holzhauer in den nahen Wäldern Beschäftigung gefunden haben. Etwa in Lambrecht, wo mit dem einsetzenden Industrieboom ab Mitte des 19. Jahrhunderts immer wieder größere Waldflächen gerodet wurden, um so Bauland für den Fabrikbau, aber auch, angesichts einer stark anwachsenden Bevölkerung, für den Wohnbau zu schaffen. Und wenn auch die Steinkohle (siehe oben) zum ersten Energieträger aufstieg, so blieb Holz auch weiterhin eine wichtige Alternative, vor allem als Brennholz für das Heizen im Winter. Aber auch die Sägewerke benötigten eine Menge Holz als Rohware für dessen Zuschnitt zu Bauholz (Häuserbau), zu Werkholz (Möbelbau) oder zu rohem Gebrauchsholz für allerlei sonstige Holzprodukte (z. B. hölzerner Hausrat), so daß es für die Holzhauer weiterhin reichlich Arbeit gab.

Vor allem der in Lambrecht Mitte des 19. Jahrhunderts boomende Fabrik- und Wohnungsbau (siehe zuvor) erforderte raue Mengen an Baumaterial, vor allem Bausteine. Diese gewann man aus dem natürlichen Felsvorkommen in der Umgebung, wo mehrere Steinbrüche unterhalten wurden. Explizit auch in Lindenberg, wo allein einst deren Vier in Betrieb waren, zwei bereits früh wegen zu geringer Ergiebigkeit wieder aufgelassene und die beiden großen Steinbrüche bei der Kapelle und am Gerbers-Berg. Hier brachen zeitweise allein 100 Lindenberger Steinbrecher und Steinhauer den Sandstein aus den Felswänden und richteten diesen zu verbaufähigen Natursteinen zu.

   

Die zwei großen ehemaligen Lindenberger Steinbrüche unterhalb der Cyriakuskapelle (Bild links) und am Gerbers-Berg (Bild rechts), heute als Klettergärten genutzt

Dieses Handwerk war übrigens nicht nur anstrengend, sondern auch recht gefahrvoll. Letzteres nicht nur wegen der hohen Verletzungsgefahr, vielmehr auch wegen einer ganz besonderen Gefahr beim Steinbrechen. So wird im "Physikatsbericht" etwa zu den Wittwen (siehe oben) angemerkt, daß viele unter diesen noch recht jung waren, weil ihre Männer früh verstorben waren. Diese hätten fast ausnahmslos in Steinbrüchen gearbeitet und sich dabei "Staublungen" eingeholt, was ihren frühen Tod verursacht hätte. Ein Beispiel für das noch mangelnde Bewußtsein für Arbeitsschutz und -Sicherheit in der damaligen Zeit!

Über den Anbau von Acker-, Feld- und Gartenfrüchten

Nach Auskunft des "Physikatsberichts" gediehen 1861 im "gebirgigen Theile" des Kantons Neustadt und demnach auch in Lindenberg, Roggen und Hafer, neben Hülsenfrüchten und Kartoffeln. Hierzu kann näher präzisiert werden, daß zur Ernährung der Lindenberger im eigenen Anbau auf ihren kärglichen und nicht sehr ertragreichen Waldackerflächen hauptsächlich Getreide, voran Spelz, sowie Bohnen und Rüben beitrugen. Dazu lieferten angelegte Streuobstwiesen heimisches Baumobst (wie Äpfel, Birnen, Kirschen u.a.) sowie die Früchte hierauf wachsender Sträucher, während Gemüse in Gärten aufgezogen wurde.

Spelz, verwandt mit Dinkel und mit Einkorn und Emmer zu den ältesten Getreidearten zählend, wurde im nach Osten fallenden unteren Hang des Abrahams-Bergs angebaut, woran die dort verlaufende "Spelzenackerstraße" sowie das dort liegende Gewann "Spelzaecker" erinnern. Im gegenüber-liegenden, sich nach Westen neigenden, Hang des Langenbergs wurden Rüben angepflanzt, unterteilt in gute Rüben für den menschlichen Verzehr und Futterrüben für das Vieh. Die Äcker für den Bohnenanbau konzentrierten sich im Bereich des unteren Südosthanges des Gerbers-Bergs.

Aus dem "Physikatsbericht" geht hervor, daß zum relevanten Zeitpunkt in Lindenberg selbst kein landwirtschaftliches Gewerbe existierte. Das in der "Lindenberger Chronik" als bäuerlicher Betrieb angeführte "Neuhäusl" beim Nonnental war spätestens 1849 mit dem Bahnbau abgegangen, dem es im Wege lag, nachdem es bereits zuvor für den Ausbau der Talstraße Land aufgegeben hatte. Daraus ist zu folgern, daß jeglicher Anbau in Lindenberg im Zuge der Aufbesserung der eigenen Ernährung als die zweitwichtigste Existenzgrundlage erfolgte und im Nebenher zum eigentlichen beruflichen Erwerb als wichtigste Existenzsicherung.

Die Viehhaltung

Neben der pflanzlichen Nahrung durch Landanbau, lieferte die Viehhaltung wichtiges tierisches Nahrungsgut. Nach dem "Physikatsbericht" wurden im Kanton Neustadt allgemein vom Großvieh bis zu den Kleintieren (Rind, Schwein, Ziege, Gänse, Hühner usw.) alle möglichen Nutztiere gehalten, so auch in Lindenberg. Milchvieh lieferte wertvolle Milch, die überall immer morgens gemolken und dann auch frisch und taggleich in den Verzehr bzw. in den Verkauf kam (Anm.: weil die Vorhaltung durch Kühlung, da es "Linde" noch nicht gab, damals noch nicht möglich war). Die Milch diente hauptsächlich als Trinkmilch und zum Kochen, die gehaltvolle Kuhmilch aber auch zur Herstellung von Butter und Käse (Anm.: das "Butterfaß" zum Butterstoßen oder eine "Buttermaschine" zum Butterschlagen dürfte damals noch in jedem Haushalt gebräuchlich gewesen sein).

  
 
Zur Herstellung von Butter wurde etwa das "Butterfaß" (Bild links) oder die "Buttermaschine" (Bild rechts) verwendet (wie Originalstücke davon etwa im Heimatmuseum in Haßloch Pfalz zu sehen sehen sind)
 

Die gehaltenen Nutztiere lieferten dann auch Fleisch, das zur Ernährung wohl überall in genügender Menge zum Verzehr kam. (Anm.: in Lindenberg scheint insbesondere das Fleisch von Hasen ganz besonders begehrt gewesen zu sein. Weshalb hier wohl neben der gewiß üblicheren "Stallhaltung" auch noch eine besondere Art der Haltung von Hasen praktiziert wurde, nämlich die in einem "umzäunten Gehege". Ein Hinweis hierauf scheint uns die Waldabteilung "Hasengarten" zu geben, wo es wohl ein solches "Hasengehege" zur Hasenzucht gab. Wobei ich selbst einmal ein solches bei einem Bauernhof in Südfrankreich zu sehen bekommen habe).

Die häusliche Wohnsituation

Die Haltung der Nutztiere (Kühe, Schweine, Ziegen) erfolgte in Hausställen, so der Ersteller des "Physikatsberichts". (Anm.: womit dieser die für Lindenberg im 18. und 19. Jahrhundert typische Architektur des Hausbaus mit ebenerdigem Unterstellstall andeutet). Die Häuser, so derselbe weiter, waren (Anm.: wohl begünstigt durch die ortsnahen Steinbrüche) überwiegend in Vollsteinbauweise, seltener in Mischbauweise mit obergeschoßigem Fachwerk, erstellt. In der Wohnstube stand die Bettstatt (Anm.: einschlägige "Schlafzimmer" gab es noch nicht), das Unterbett in der Regel mit Stroh oder Spreu bzw., sofern man in einer Tuchfabrik arbeitete, mit Wollabfällen gefüllt. Wo größerer Bedarf an Schlafmöglichkeit bestand, gab es im Speicher auch "Giebelkämmerchen". Alle Wohnräume waren gebordet, d. h. mit Holzfußboden ausgestattet. Die Feuerstätten verfügten über einen "Abzug" nach außen. Zur Beleuchtung der Wohnräume verwendete man Kerzen aus Talg oder Öl (andernorts auch Kienspäne).

  

Die beiden abgebildeteten Wohnhäuser repräsentieren die typische Architektur des 18. und 19. Jahrhunderts in Lindenberg. Das rechte Bild zeigt das 1738 errichtete älteste Haus des Ortes, während das Haus des linken Bildes aus dem 1824 stammt. Beide Gebäude weisen den charakteristischen ebenerdigen Unterstellstall zur Viehhaltung auf, mit dem gedrungenen Eingang an der Trauf- bzw. Giebelseite und den kleinen Fenstern. Das Haus rechts ist mit Mansardendach errichtet, was für den Dachausbau mit "Giebelkämmerchen" optimal war. Beide Häuser zeigten ursprünglich ihr reines Sandstein-Sichtmauerwerk, das erst viel später unter Putz gelegt wurde

Immer wieder fällt in den Ausführungen der oft subtile oder auch direkte Blick durch die "medizinische Brille" seitens des Berichterstatters auf. So deutet er auch an, daß eine ordentliche und aufgeräumte Wohnung zur "Hygiene" beiträgt. So auch der "hölzerne Kasten" mit Sitzbrett ohne Deckel, sofern der "Unrath" über einen ordentlichen "Abzugs-Canal", möglichst durch eine verstärkte Strömung mit Brunnenwasser, erfolgt. Wenn auch am Ende in "die Bach"! So plädiert er auch für einen die Hygiene begünstigenden ordentlichen Zustand außerhalb des Hauses, so für Straßen, die durch gute Pflasterung auch in guter Sauberkeit zu halten waren.

Die örtliche Situation Lindenbergs

Diesbezüglich beschreibt der Berichtersteller die Lindenberger Straßen als gut gepflastert, aber auch als "chaussiert", was heißt, daß sie mit Fuhrwagen befahrbar waren. [Anm.: letzteres wohl wegen der Bedeutung des Lindenberger Tals als wichtiges Abfuhrtal für das im Deidesheimer Hinterwald geschlagene Holz. Dieses wurde in früheren Zeiten mittels Pferdefuhrwerk befördert, zunächst über die gewiß anstrengende Hürde der "Alten Schanze" nördlich Lindenberg hinweg und dann über den ursprünglichen alten Forstweg weiter, mit dessen Übergang in den "Mauerweg", als ein eigens für den "Schwertransport" sogar mit "Mauern" (Trockenmauern) stabilisierter Weg!].

Als weitere gute Errungenschaft für die allgemeine Gesundheit in Lindenberg betrachtet der Ersteller des "Physikatsberichts" das vorhandene Schulhaus mit seiner genügenden Anzahl an Abtritten. Auch die im Ort vorhandenen Begräbnisplätze zählt er zu dieser Kategorie. Besonders wichtig sind ihm aber die vorhandenen "Röhrbrunnen" zur Wasserversorgung, wo er allerdings deren wohl öfters vorgekommene Verunreinigung anprangert. Bedingt durch die oberirdisch verlegten Wasserleitungen, wodurch auch das Wasser seine "Quellfrische" einbüßte (Anm.: damals bestanden die Leitungen noch aus "Holzdeicheln", die undicht waren, so daß schädliche Eindringungen nicht auszuschließen waren).

  

Die alten "Röhrbrunnen" am unteren Ende der Joppenholzstraße (Bild links) und an der Hauptstraße (Bild rechts) dienten im 19. Jahhundert noch der Wasserversorgung (Trink- und Brauchwasser), neben weiteren, wie etwa noch dem auf dem ehemaligen Schulhof. Wie zu sehen, liegen die Brunnen an "chaussierten", gut gepflasterten, Straßen, was in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch nicht überall der Fall war, weil damals noch Straßen häufig auch nur "gestückt" waren.  


Gewohnheiten im Allgemeinen

Im gesamten Kanton Neustadt existierte 1861 nach Darstellung des "Physikatsberichts" kein Mangel hinsichtlich ausreichender Nahrung. Es gab genügend "Brod", das im "Gebirge" aus Roggen- und Gerstenmehl gebacken wurde, in aus Lehm oder Backsteinen gebauten Backöfen, über die jeder Ort verfügte (Anm.: auch in Lindenberg gab es solche Backöfen, wo wohl im kollektiven Zusammenschluß an bestimmten Backtagen Brot gebacken wurde, so daß sich an diesen Tagen ganz gewiß der genußvolle Duft von frischgebackenem Brot über das ganze Dorf legte). Kartoffeln kamen in mannigfacher Zubereitung auf den Tisch. Der Kaffee kam aus Amerika und war für die "unbemittelte Klasse" (zu der auch die Lindenberger zählten) mit Surrogat oder Chichorie versetzt. Man speiste zwar nicht im Überfluß, aber ausreichend und mehrmals täglich. Zum Essen trank man Wein (Tafelwein), allerdings nicht pur, sogar während der Vesperpause bei der Arbeit.



Ehemaliger Backofen in der Joppenholzstraße mit seiner über der Ofentür rußgeschwärzten Wand

Nach einem langen Arbeitstag von 14 (!) Stunden trieb es vor allem die Männer allabendlich zum Feierabendbier in die Wirtschaften. Hier überzog man wohl des öfteren mit dem Biergenuß, weshalb die Unternehmer ihren Arbeitern noch Überstunden zu höherem Stundenlohn anboten, um diese so von den Wirtshausbesuchen abzuhalten. Der Bierkonsum war trotzdem beträchtlich.

Nicht nur diesen moniert der Ersteller in seinem "Physikatsbericht", sondern vor allem auch die Ernährung der Säuglinge, weil man diese permanent "mit Mehlpapp vollstopfe" und dann so früh als möglich an die allgemeine feste Nahrung der Erwachsenen gewöhne. Auch daß bei deren Geburt zu sehr auf Hebammen gesetzt würde, anstatt hierfür Ärzte zu bestellen, die bei Komplikationen mit ihrer medizinischen Ausbildung zu besserem Beistand befähigt wären. Schließlich stört er sich sehr noch am Verhalten der Wöchnerinnen selbst, da diese allzu schnell wieder das Wochenbett verließen, um so rasch als möglich ihrer gewohnten Arbeit nachgehen zu können. (Anm.: hier kommt ein Konflikt zum Ausdruck zwischen medizinischer Versorgung, die sich weniger Betuchte oft nicht leisten konnten, und der Bewältigung der lebensnotwendigen Dinge im Alltag, um die eigene Existenzgrundlage nicht zu gefährden!).

Bei den alltäglichen Arbeiten band man schon recht früh die Kinder ein, so daß etwa schon Vierjährige "Butzeln" (Kieferzapfen) zum Feuermachen oder "Sträsel" als "Einstreu" für die Hausställe aus dem Wald holen mußten. (Anm.: auch schickte man Kinder mit dem "Essenkännchen" zur Fabrik, um dem Vater oder einem anderen Familienangehörigen ein frischgekochtes Mahl für die Vesperpause zukommen zu lassen. Und wenn es an Arbeitern mangelte, was öfters vorkam, zog man für einfache Verrichtungen auch stundenweise kräftigere Kinder hinzu. Dies noch bis über die vorletzte Jahrhunderwende hinaus!)

Gefahrvolle Arbeitswelt

Im "Physikatsbericht" wird von Unfällen berichtet, die sich vor allem in den Fabriken relativ häufig ereigneten und dabei auch oft zu schwersten Verletzungen führten. Dazu ein paar weitergehende Anmerkungen:

Bei diesen Unfällen dürfte es sich einmal um solche gehandelt haben, bei denen schwere Lasten außer Kontrolle geraten waren. Weil es damals noch häufiger an der erforderlichen und sicheren Hebetechnik fehlte und dafür dann die Muskelkraft vieler Arbeiter zum Einsatz kommen mußte. Verschätzen, falsches Abstimmen, Stolpern, fehlende Sicht und etliche Faktoren mehr konnten dann leicht zum Verhängnis werden, daß Lasten entglitten, zu Boden stürzten, wegrutschten oder wegrollten und dabei alle im Wege stehenden Arbeiter mehr oder weniger schwer verletzen. Dabei dürften Schürf- und Schnittwunden, Prellungen, Quetschungen, Knochenbrüche, Abtrennung von Gliedmaßen, sogar tödliche Verletzungen die Folge gewesen sein.

Weitere große Gefahr drohte von Mechanisierungen, wie von Transmissionsantrieben, wo etwa über große Riemenräder mittels breiter Lederriemen die Kraftübertragung auf die angeschlossenen Maschinen erfolgte. Hier fehlte noch zur industriellen Gründerzeit jegliche Schutzvorrichtung, so daß man leicht vom drehenden Räderwerk erfaßt werden konnte. Die Verletzungen dabei entsprachen der zuvor gemachten Aufzählung.

Neben dem reichlichen Verletzungspotenzial mit unmittelbarer Auswirkung war die frühindustrielle Arbeit auch von einem hohen Potential gesundheitlicher Beeinträchtigungen mit Spätfolgen geprägt. Die meisten Tuchmacher dürfte etwa der infernalische Lärm, welchen die laufenden Webstühle produzierten, in die Taubheit getrieben haben (in beeindruckender Weise nachvollziehbar bei der DASA - DEUTSCHE ANSTALT FÜR ARBEITSSCHUTZ UND ARBEITSSICHERHEIT - in Dortmund, wo Besucher bei Vorführungen die Arbeit von vier Holzwebstühlen in einem rekonstruierten Websaal des 19. Jahrhunderts nacherleben können, mit garantiert gehörigem Schrecken dabei!).

Auch die Staubbelastung war in den Tuchfabriken enorm, so daß auch hiervon "Staublungen" resultieren konnten. Und vielleicht wurde der vermeintliche Brand, der 1855 den Abgang der II. bzw. Mittleren Tuchfabrik bewirkt haben soll (siehe oben), durch die Selbstentzündung von Wollstaub ausgelöst (die Selbstentzündung von Staub beruht nachweislich auf der Reibung von Staubpartikeln, wo dabei so hohe Reibungshitze entstehen kann, daß sich die Partikel selbst entzünden, was dann sogar eine Staubexplosion auslösen kann!).

Die Arbeit in den in der industriellen Gründerzeit errichteten Fabrikenbauten litt häufig unter schlechter Sicht mangels ausreichendem Licht, was sich sicherlich auch auf das Sehvermögen der Arbeiter ausgewirkt haben dürfte. Als 1849 die "Ludwigsbahn" entstanden war, drängten die Unternehmer auf die Einführung von "Gasbeleuchtung". So enstand in Lambrecht als Vorläufer der heutigen Stadtwerke dort die "Gasfabrik", wo durch Vergasung saarländischer Kohle Gas erzeugt wurde, das dann in die Fabriken geleitet, nun dort den Betrieb heller Gaslampen ermöglichte.

Die typischen Krankheiten Mitte des 19. Jahrhunderts

Die Ausführungen im "Physikatsbericht" hierzu entsprechen der medizinischen Terminologie des 19. Jahrhunderts und dem damals vorherrschenden medizinischen Wissenstand. Kinder waren danach vor allem von der Darrsucht (krankhafte Quellung des Bindegewebes mit Verhärtung der Haut), von Convulsionen (friebrige Krämpfe), von Croups (zuvor Rachenbräune, später - echter - Krupp/-husten, dann Croup/s genannt), von der Brustentzündung, von Durchfällen und von Hirnentzündungen (meist tuberkulösen Ursprungs) mit häufig tödlichem Verlauf bedroht. Erwachsene dagegen mehr von der Lungentuberkulose, der Wassersucht (oedemhafte Alterserkrankung) - Brust- wie Bauchwassersucht -, dem Typhus- und Puerperalfieber (Kindbettfieber), als Krankheiten mit nicht selten tödlichem Ausgang. Im Jahr 1861 grassierten in epidemischer Form die Masern (nach etlichen Epidemien davor, wie 1853, 1854 und 1856 durch Typhus, 1854 durch Scharlach, 1856 und 1861 durch Masern, 1853 durch Keuchhusten, 1857 durch die Ruhr!), Unterleibsbrüche, Hernien, waren nicht sellten und die Arbeiten im Wald, in den Steinbrüchen und in den Fabriken, führten häufige und öfters schwere Verletzungen herbei (siehe oben).

Die medizinische Versorgung

Wir sehen, daß das Bedrohungspotential durch Krankheiten Mitte des 19. Jahrhunderts noch enorm hoch war. So muß dem "Physikatsbericht" als Grundlage für eine dringend gebotene Medizinal-Reform zu damaliger Zeit, um die medizinische Versorgung der Bevölkerung zu verbessern, auch größte Bedeutung beigemessen werden. 1861 war die Situation jedenfalls noch alles andere als rosig.

So gab es im gesamten Kanton Neustadt nur neun Ärzte, den kgl. Kantonsarzt als Verfasser des "Physikatsberichts" dabei eingeschlossen. Davon in der Ebene und dem Hügelland allein acht, mit fünf die meisten wiederum davon in Neustadt, und im Gebirge ein einziger (!) in Lambrecht. An Apotheken gab es drei in Neustadt und jeweils eine in Haßloch und Lambrecht (die "Rot-Kreuz-Apotheke"). Medizinische Behandlung sowie Medikamente mußten noch aus eigener Tasche bezahlt werden, was sich die Mehrheit der überwiegend ärmeren Bevölkerung kaum leisten konnte. Ganz Arme fanden medizinische Hilfe beim kgl. Kantonsarzt, der als Staatsbeamter über ein festes Gehalt verfügte und deshalb kein Behandlungshonorar verlangte. Für "conscribierte Arme" (offizielll für arm erklärte Bürger), deren 2 es in Lindenberg gab (der Berichterstatter schätzt die Zahl allgemein 4-5 mal höher), sprang die Gemeinde ein, indem sie etwa die Kosten für Medikamente übernahm. In Kranken- und "Nothfällen" existierte in Lambrecht eine Genossenschaftskasse der Arbeiterschaft, um die ärgste Not zu mildern.



Das Bild zeigt das ehemalige Gebäude der "Rot-Kreuz-Apotheke" in Lambrecht, einst an der östlichen Ecke von heutiger
Apothekergasse/Hauptstraße gelegen. Sie war im gesamten Talbereich (Lambrecht, Elmstein, Weidenthal) die erste und für lange Zeit auch die einzigste Apotheke, wo auch die Lindenberger sich mit Medizin versorgen konnten. Die 1892 von Theodor Schellbach erworbene und 1936 von Sohn Hans übernommene Apotheke  wurde am 18. März 1945 durch einen Bombentreffer völlig zerstört. An gleicher Stelle wurde 1949 das heutige Gebäude (Hauptstraße 32) errichtet, wo die alte "Schellbach'sche Apotheke" bis Ende 1978 weiter betrieben und dann Anfang 1979 in neue Räume an der Schulstraße schräg gegenüber verlegt wurde.

Abschließendes Resümee

Unseren Einblick in das Jahr 1861 wollen wir damit zum Schluß bringen und darüber noch einmal kurz resümieren: Allgemein waren die Lebensbedingungen zur Mitte des 19. Jahrhunderts noch sehr schwer, so daß sie etwa "starke Auswanderungen nach America" veranlaßten, als "unbestreitbares Zeichen, wie wenig die Bevölkerung in ihrer Heimath und ihrem Leben verharrt", so bringt es der Berichterstatter auf den Punkt. Speziell für Lindenberg waren die Verhältnisse, bedingt durch den Industrieboom im damaligen Lambrecht, gewiß etwas besser. Dennoch zählte Lindenberg zu den ärmsten Gemeinden im Kanton Neustadt. Ihren Lebensunterhalt mußten die Lindenberger noch sehr hart bestreiten. Durch schwere Arbeit, bei langen Arbeitszeiten, unter geringem Lohn. Ihr Leben war erheblich mehr als heute von Verletzungsgefahren bedroht sowie von Krankheiten, denen die damals noch rückständige Medizin wenig entgegenzusetzen hatte. Für Notlagen existierten noch keine Kranken- noch sonstige Sozialversicherung, um diese abzumildern, und so waren die unbemittelten Lindenberger diesen schutzlos ausgeliefert. Doch unsere Altvorderen trotzten diesen aus heutiger Sicht kaum erträglichen Lebensbedingungen und so sollten wir Heutigen uns an sie mit großem Respekt erinnern.

(Beitrag v. 01.07.14, Vers. 1.9)