Die Restauration "Zum Lindenberger Bahnhof"

Das heutige Lindenberg besitzt drei Bushaltestellen als Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz. Um mit dem Zug zu verreisen, müssen seine Einwohner allerdings zum nahen Nachbarort Lambrecht, wo dessen Bahnhof die erste Zustiegsmöglichkeit für Zugreisen bildet, oder nach Neustadt a. d. Weinstraße zum dortigen Hauptbahnhof. Einen eigenen Bahnhaltepunkt besitzt Lindenberg nicht. War dies vielleicht zu urgroßväterlichen Zeiten einmal anders, weil eine damalige Lindenberger Gaststätte sich als "Restauration 'Zum Lindenberger Bahnhof'" ausgab?

In der 1998 aus Anlaß der 600-Jahr-Feier herausgegebenen Chronik Lindenbergs finden wir keinerlei Hinweise dazu. Die Lindenberger Gastronomie ist dort nur sehr knapp behandelt. Für ihr Erscheinungsjahr führt sie fünf gastronomische Betriebe an, so 'Zum Hirsch', 'Lindenburg', 'Ratskeller', 'St. Cyriakus Stube' und 'Pension zum Schiff', von denen bis heute nur die 'Lindenburg' und die 'St. Cyriakus Stube', beide am Ortseingang von Lindenberg, überdauert haben. Über weitere einst existierende gastronomische Betriebe, wie 'Zur Luitpoldslinde', 'Zum Goldenen Adler' oder 'Eckwiesenhof', macht die Chronik keine Ausführungen, so daß die Erinnerung an diese schon allzusehr verblasst erscheint.

Noch viel mehr trifft dies wohl auf jene Gaststätte "Zum Lindenberger Bahnhof" zu, die nirgendwo noch eine Erwähnung zu erfahren scheint. Diese war, trotz der Eindeutigkeit ihres Namens, keine Bahnhofsgaststätte in eigentlichen Sinne. Denn schon garnicht bewirtete sie die Zugreisenden des Lindenberger Bahnhofs, weil ein solcher, seit dem Bau der an der Südtangente Lindenbergs vorbeiführenden Trasse der Pfälzer Ludwigsbahn, wo ein solcher Bahnhaltepunkt günstigstenfalls anzulegen gewesen wäre, noch nie existiert hat. Zumindest aber lag sie als Lindenberger Gaststätte dieser Schienentrasse am nächsten, was wohl der Grund für ihre sonderbare Namenswahl war (siehe auch noch Anhang unten).

Das Wohnhaus Staatsstraße 4 am Aufgang zum Dörrental und zur Karl-Rauch-Siedlung, wo einst Heinrich Sauerbrunn seine Gastwirtschaft "Zum Lindenberger Bahnhof" betrieb 

Noch heute verkörpert diese ehemalige Lindenberger Gaststätte das östliche Eckgebäude an der Staatsstraße 4, am Aufgang zum Dörrental. Obwohl jetzt Wohnhaus, ist dessen frühere Nutzung als Gaststätte heute noch gut erkennbar. Als darin noch Ausschank betrieben wurde, hieß der Wirt Heinrich Sauerbrunn. Dieser war ein ehemaliger Webmeister, der wie sein gleichnamiger Vater (1824 geboren) wohl in Lambrecht der Tuchmacherei nachging, bevor er zum Wirt umsattelte.

Allerdings bestand seinerseits keine direkte verwandtschaftliche Beziehung zu den Lambrechter Tuchfabrikanten gleichen Namens (Jakob und August Sauerbrunn), da Heinrich Sauerbrunns Familie einem anderen Zweig angehörte. Dieser soll auf den Geistlichen Jean Sureau zurückgehen, der 1594 die Pfarrei der französischen reformierten Gemeinde in St. Lambrecht übernahm. Durch die Eindeutschung dessen französischen Namens (frz. sur=sauer, frz. eau=Wasser) soll dann Sauerbrunn als deutscher Familienname hervorgegangen sein.

Heinrich Sauerbrunn wird nachgesagt, daß er mit Spitznamen auch "Bohl" genannt wurde, weshalb der Volksmund seine Gaststätte auch als "Wirtschaft an der 'Polnisch' Grenz'" bezeichnet habe. Nun, eine Grenze extistiert tatsächlich dort, wo er seine Gäste bewirtete, weil dort die Gemarkungen von Lambrecht und Lindenberg zusammenstoßen, und so scheint diese - auch mangels Alternativen - gemeint zu sein. Für ihre Bezeichnung als "polnisch'" werden allerdings überzeugendere Gründe angeführt:

Zum einen sollen zur Zeit der Befreiungskriege auf der damals offenen und unbebauten Au des Speyerbachs, die sich südlich der B 39, zwischen Kupferhammer und Kohlbrücke, einst groß und weit erstreckte, die gegen Napoléon kämpfenden Truppen Quartier genommen haben. Weil sich darunter  auch polnische Abteilungen befunden hätten, sollen diese besagter Grenze zu ihrer fiktiven Nationalitätsbezeichnung verholfen haben. Andererseits sollen bei Arbeitskämpfen in der Tuchindustrie, etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts, polnische Tuchweber aus Lodz als Streikbrecher im gleichen Bereich einquartiert worden sein, so daß diese den Grund für die "Polnisch' Grenz'" geliefert hätten.

Die letzte Version erscheint dabei am plausibelsten, da zum Zeitpunkt der angeführten Arbeitskämpfe die Gemarkungsgrenze auch in dem relevanten Bereich verlief, wo Heinrich Sauerbrunn seine Wirtschaft betrieb. Weiter existiert die Nachricht von einem ehemaligen Gebäude gegenüber der Wirtschaft, das Wandergesellen als Unterkunft diente, bevor diese dann in der stillgelegten Lambrechter Walkmühle an der Brücke, als "Herberge der Gerechtigkeit", eine neue Unterkunft fanden. Die polnischen Streikbrecher könnten demnach in der früheren Herberge der Wandergesellen ihr Quartier bezogen haben, das in unmittelbarer Nachbarschaft zur Wirtschaft lag.

Neben dem reinen Schankbetrieb ging Heinrich Sauerbrunn auch noch einer anderen rührigen Geschäftigkeit nach. Er betätigte sich nämlich auch als Bierkutscher und lieferte so den Gerstensaft in die nähere Umgebung auch frei Haus. Als Transportmittel diente ihm dazu ein kleiner Kutschwagen, den er von zwei Geißen (!) ziehen ließ. Auf einer alten Postkarte ließ er verewigen, wie er auf dem schmalen Kutschbock seines kuriosen Gefährts sitzend, mit den beiden gehörnten Zugtieren davor, abfahrbereit vor seiner Wirtschaft steht. Letztere hat er dann wohl 1922 aufgegeben, als er mit seinem Sohn Georg nach Schiltach in den Schwarzwald verzog.

Auf der alten Postkarte abgebildet: Der Wirt Heinrich Sauerbrunn mit seinem kuriosen Ziegengespann vor seiner Gastwirtschaft "Zum Lindenberger Bahnhof"

Anhang

Das Bahnsignal beim Dörrental als "inoffizieller Bahnhof"

Im Text zuvor wurde als mögliche Erklärung für die Bezeichnung "Restauration 'Zum Lindenberger Bahnhof'" die Nähe dieser Wirtschaft zum Gleiskörper der 1849 in Betrieb genommenen "Ludwigsbahn" angeführt. In der Tat reichte der "Biergarten" dieser Wirtschaft fast unmittelbar an den Bahndamm heran, von dem herab auch ein direkter Abgang zu diesem bzw. zur Wirtschaft bestand, wie auf einer altern Postkarte zu sehen.

Der Ausschmitt aus einer alten Postkarte (vor 1900) zeigt die "Restauration zum 'Lindenberger Bahnhof'" als "Restauration von Heinrich Sauerbrunn", wie diese noch einsam am Aufgang des damals noch unbebauten Dörrentals lag. Der "Biergarten" reicht fast bis an den Bahnkörper der "Ludwigsbahn" heran. Ein von Lambrecht kommender Zug überfährt gerade das Tunnel. Rechts davon ist ein "Häuschen" an den Gleisen zu erkennen, wo auf dessen Höhe ein schmaler Weg zum "Biergarten" und zur Wirtschaft abgeht.

Möglicherweise bestand aber noch ein anderer Grund für Heinrich Sauerbrunn, seine Wirtschaft in ihrer Namensbezeichnung mit einem "Lindenberger Bahnhof" in Verbindung zu bringen. Denn nach dem Bau der "Ludwigsbahn" erwies sich der in Lambrecht eingerichtete Bahnhof als wichtiger Verkehrsknotenpunkt mit starkem Aufkommen an Bahnverkehr für den Personen- und Gütertransport. Die Gründe dafür waren eine ab Mitte des 19. Jahrhunderts aufstrebende Industrie (Tuchproduktion), die vermehrt viele Berufspendler von auswärts nach Lambrecht zog, der anschwellende Gütertransport, etwa von Rohstoffen für die Tuchindustrie oder von Kohle (aus dem Saarland) für das 1862 eingerichtete Gaswerk (heute Stadtwerke), u.a. Womit es im Bahnhof Lambrecht sicherlich oft eng zuging und daher die Einfahrt von ankommenden Zügen meistens nicht immer gleich möglich war. Und so mußten diese Züge dann auch regelmäßig an "Haltesignalen" vor dem Lambrechter Bahnhof auf die freie Einfahrt in diesen warten.

Für aus Richtung Neustadt kommende Züge wurde das "Haltesignal" direkt beim Dörrental eingerichtet, wo bis heute immer noch Züge ihre "technischen Stopps" einlegen. Während diese dort aber heute wohl nur noch gelegentlich erfolgen, scheinen sie dagegen früher noch regelmäßig eingelegt worden zu sein. Denn wie mir ein Dörrentaler "Urgestein" berichtete, hielten bis in die 50er-60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts alle aus Neustadt kommenden Personenzüge noch regelmäßig am "Dörrentaler Signal" an, bevor sie in den Lambrechter Bahnhof einfuhren. Dies nutzten die im Dörrental und in Lindenberg wohnenden Bahnfahrer zum Ausstieg aus den Zügen, um dann über einen noch kurzen Fußweg nach Hause zu laufen. So ersparten sich diese den unnötigen "Umweg", den die Weiterfahrt nach Lambrecht und dann der Rückweg von dort nach Dörrental oder Lindenberg ihnen auferlegt hätte. Selbst wenn das "Haltesignal" beim Dörrental gar keinen Halt geboten hätte, so der Gewährsmann, hätten die Lokführer dennoch ihre Züge dort regelmäßig angehalten, so daß auf den Halt beim Dörrental immer Verlaß war.

Damit hatte das "Dörrentaler Signal" durchaus die Qualität eines "inoffiziellen Bahnhofs", so auch zur Zeit, als Heinrich Sauerbrunn seine Wirtschaft am Eingang zum Dörrenal betrieb. Und so könnte er auch von diesem "inoffiziellen Bahnhof" den Namen für seine Wirtschaft abgeleitet haben. In der dann auch die beim "Dörrentaler Signal" ausgestiegenen Lindenberger Zuggäste auch rasch eine Einkehr halten konnten, im Ausnutzen der durch den heimatnäheren Zugausstieg gewonnenen Zeit!


(01.01.2015, Vers. 1.5)

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