Lambrecht (Pfalz) - eine Salierstadt

Die Stadt Lambrecht (Pfalz) schmückte sich lange Zeit mit dem Prädikat der "Tuchmacherstadt", in  Anlehnung an ihre einst blühende Tuchindustrie. Auch nachdem der letzte Industriebetrieb (1966) seine Tore geschlossen hatte, hielt sie noch eine zeitlang an diesem Beinamen fest, bis dieser schließlich nicht mehr zeitgemäß erschien. So löste diesen als neues Prädikat die "Geißbockstadt" ab, in Bezug auf die über 600 Jahre alte Geißbocktradition. Dabei würde Lambrecht auch besonders das Prädikat "Salierstadt" gut anstehen. Stammen doch die Gründer seines ehemaligen Klosters, das zur Keimzelle der Stadt wurde, aus dem Geschlecht der Salier, das im Mittelalter als Kaisergeschlecht zu höchster Würde gelangt war. Weshalb dieses Geschlecht und die ihm entstammenden Gründer der Stadt Lambrecht in den nachfolgenden Beiträgen einmal näher beleuchtet werden sollen. Beginnend mit einer kleinen Exkursion zur Lambrechter Stiftungsurkunde, welche den Gründungsakt und die daran beteiligten Salier bezeugt.

Kleine Exkursion zur Lambrechter Stiftungsurkunde

Die Lambrechter Stiftungsurkunde ist handschriftlich in lateinischer Schrift und Sprache abgefaßt. Um sie in deutsche Sprache übersetzen zu können, ist zunächst ihre "Transskription", d. h. die Übertragung in lateinische Klarschrift, ratsam. Und schon hier offenbart sich, daß das Lesen mittelalterlicher Texte nicht ganz so einfach ist.



Abb. 1: Kopf der Lambrechter Stiftungsurkunde (Speyerer Klosterbüchlein)


So entspricht die lateinische Handschrift des MA nur bedingt dem heutigen Erscheinungsbild dieser Schrift. Dies liegt nicht nur an der individuellen Handschrift ihres historischen Verfassers, sondern auch daran, daß sich die Schreibweise einzelner Buchstaben geändert hat. Auch Sprachwandel und Änderung der Schreibweise spielen mit. Hinzu kommen weitere Eigenheiten. Weil etwa im MA Pergament als Schriftträger meist knapp und teuer war, wurden Wörter oder Wortsilben abgekürzt. "Abkürzungssymbole" kennzeichnen diese Stellen zwar, müssen aber erkannt und richtig gedeutet werden.

Wie etwa in der vierten Zeile die gegenüber dem übrigen Text deutlich vergrößerte Jahresangabe "ao . 977 .". Bei genauem Hinsehen ist über "ao" ein kleines kreisähnliches Gebilde erkennbar. Es zeigt die Weglassung von "nn" zwischen den beiden Buchstaben an, so daß das so abgekürzte Wort ausgeschrieben eigentlich "anno" lautet (=lat. im Jahr).

Das kreisähnliche Abkürzungssymbol stellt eigentlich ein "verunglücktes" griechisches Omega dar, wie man es klarer auch auf anderen historischen und in Latein verfaßten Texten finden kann, sogar in Lambrecht, nämlich auf dessen ältesten Grabstein der Brigitta von Armerstorff (siehe unter -->Lambrecht (Pfalz)). Schon in der Antike stand das griechische Zeichen als Symbol für "Anfang und Ende". Und so weist es in unserem Beispiel auf "a" als den Anfang des lateinischen Wortes "anno" hin und zugleich auf "o" als dessen Ende. Schon dieses kleine Beispiel zeigt auf, daß das Übersetzen von alten lateinischen Texten nicht nur lateinische Sprachkenntnisse erfordert, sondern darüber hinaus auch weitere spezielle Kenntnisse in der diplomatischen Semiotik.

Die ersten vier Zeilen des hier dargestellten Urkundenkopfes (Abb. 1) mit dem Ende "ao . 977 ." gehören übrigens noch nicht zur eigentlichen Urkunde, sondern stellen eine Überschrift dar. Der Verfasser hat diese der eigentlichen Urkunde, bei deren Übertragung ins Speyerer Klosterbüchlein, nur vorangestellt, um so in aller Kürze über den Inhalt des nachfolgenden, relativ umfangreichen Urkundentextes zu informieren.

Schon das erste Wort der ersten Zeile ist problematisch. Es beginnt anscheinend mit einem großen "L". Ein vergleichbares Zeichen findet sich im gesamten übrigen Urkundentext nicht, da in lateinischen Texten überwiegend die Kleinschreibweise herrscht, auch für Substantiva. Nur zu Beginn eines Satzes oder Absatzes wird das erste Wort groß geschrieben. Der zweite Buchstabe erscheint ebenfalls unklar. Als dritter Buchstabe folgt ein "a", darüber ein "Bogen" als Symbol für eine Abkürzung (bzw. Weglassung, vielleicht für "n"?). Das Wort bleibt so im Dunkeln.

Beim zweiten Wort sind die ersten drei bzw. vier Buchstaben nicht eindeutig zu entziffern, dagegen scheint es sich bei seinen letzten Buchstaben um "...sdam" zu handeln, was insoweit aber keinen Sinn ergibt. Wort Nummer drei lautet "oratori" (von lat. oratorium=Bethaus), Wort Nummer vier "constructi" (von lat. construere=erbauen, errichten; das mit dem Bogen am Wortanfang angezeigte fehlende "n" ergänzt). Das fünfte Wort wird nur mit einem "p" angegeben, in dessen Abschwung ein kleiner Querstrich gelegt wurde. Auch dieser Querstrich ist ein Abkürzungssymbol, nämlich für "er", so daß das so signierte "p" eigentlich für das Wort "per" (=lat. durch) steht, welches im Lateinischen auch als Silbe sehr häufig vorkommt und deshalb im gesamten Urkundentext, in der abgekürzten Form, auch häufig anzutreffen ist.

Während das folgende sechste Wort wieder etwas unklar erscheint, ist das siebente Wort klar als "ottone" (von lat. Otto, ~onis, hier Otto von Worms) und das ihm folgende achte als "Duce" (von lat. dux=Herzog) zu lesen (die Bogen über den "e" am Ende sind nicht klar zu deuten). Das neunte und letzte Wort scheint "in" (=in) zu lauten (möglicherweise mit anschließender Fehlstelle).

Die zweite Zeile beginnt mit dem Wort "loco" (von lat. locus=Ort), dann folgt als zweites Wort (mit Bogen über "q"=Auslassung) "qdicitur" (=lat. qui/quae/quod dicitur, hier qui dicitur=sogenannt), als drittes Wort erscheint "Gravenhus" (=Grafenhaus/Grevenhausen), ihm folgt "i pago Spiergob?" ("i" mit Bogen darüber=lat. in=in, lat. pagus=Gau, Bezirk, Spiergob?=Speyergau), dann "sito/u???" (lat. situs=liegend), dann als Ende der Überschrift "ao . 977 ." (s.o.).

Die so jetzt untersuchte Überschrift ergibt dem Sinne nach, daß Gegenstand der nachfolgenden Urkundenabschrift das "durch Herzog Otto von Worms erbaute Bethaus bei dem im Speyergau liegenden und sogenannten Ort Grevenhausen ist, im Jahr des Herrn 977". Womit wir uns begnügen wollen, um uns nun der eigentlichen Urkunde, allerdings nur ihrem Kopf und einer weiteren Stelle, zuzuwenden, deren Anfang das große Initial ihres ersten Wortes als typischer Beginn von mittelalterlichen Urkunden signalisiert.

Transskription (klarschriftliche Darstellung soweit eindeutig):

In nomine sancte et individue trinitatis monerit tam moderne stipulatio qua future posteritatis successio qualiter ego otto deigratia dux anime mee parentumque meor?? saluti prospiciens ???adente Judita ?tectali mea cum assensu tri??? filiorii ???? Henrici, Bru=nonis, Cunonis, exhortante et a??mente iii ottone imperatore ... 

Wie anhand einiger Fragezeichen zu ersehen ist, ist die klarschriftliche Darstellung in einigen ihrer Teile nicht eindeutig gelungen, zumindest was meine eigene Bemühung darum angeht. Da der überwiegende Teil jedoch eindeutig erscheint, ist die mit sinngemäßer Ergänzung nachfolgende Übersetzung möglich.

Übersetzung:

Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreifaltigkeit möge so die gegenwärtige Generation wie ihre nachfolgenden Nachkommen erinnert werden an das Gelöbnis, das ich, Otto, von Gottes Gnaden Herzog, abgelegt habe, in Vorsorge um meiner Heil und für meiner Eltern Seelen auf Anraten meiner Gemahlin Judith und mit Zustimmung meiner drei Söhne, Heinrich, Brun(o), Kuno sowie beipflichtender Ermunterung Kaisers Otto III. ...

Und so sind denn auch alle unmittelbar an der Gründung des St. Lambrechter Klosters beteiligten Salier hiermit aufgeführt. Was den Zeitpunkt der Gründung angeht, so hat die Stiftungsurkunde uns folgende Passage hinterlassen:

Abb. 2: Auszug aus der Stiftungsurkunde (etwa zu Anfang des letzten Drittels ihres Textes)

Transskription (mit dem dritten Wort der 1. Zeile beginnend):

... anno domini incarnationis . D . cccc . lxxvii . indictione . xv . imperante gloriosissimo imperatore ottone . iii .

Übersetzung:

... im 977. Jahr der Menschwerdung des Herrn, in der 15. Indiktion, als der allerruhm-reichste Kaiser Otto III. regierte.

Das Jahr 977 ergibt sich aus "D . cccc . lxxvii ." = DCCCCLXXVII wie folgt:

D=quingenti (aus quinque=5 mal genti [aus centi] = 100) = 500                                                   C=centum=100, 4 mal C = 400                                                                                                 L=quinquaginta = 50                                                                                                              X=decem=10, 2 mal X = 20                                                                                                      V=quinque = 5                                                                                                                       I=unus=1, 2 mal I = 2                                                                                                            Die Addition der Einzelsummen ergibt: 500 + 400 + 50 + 20 + 5 + 2 = 977

Zur Berechnung der Zeitangabe in Indiktionen siehe nachfolgend!

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Wann wurde Lambrecht wirklich gegründet?

Nach offizieller Lesart (=Lambrechter Chronik) wurde das Kloster St. Lambrecht im Jahr 977 gegründet. Von einigen Historikern wird dies zurückgewiesen und hierfür das Jahr 987 favorisiert. Die unterschiedlichen Auffassungen kommen zustande, weil die zugrundeliegenden Quellen z. T. widersprüchlich sind.

Als eine Quelle ist die "Lambrechter Stiftungsurkunde" zu nennen, die als Beilage (Abdruck) der Lambrechter Chronik mitgegeben wurde. Sie entstammt dem Speyerer Klosterbüchlein (Kopialbuch) und stellt nur eine Abschrift einer Urkunde dar, die wohl untergegangen ist. Ob es sich bei dieser um eine originäre Gründungsurkunde handelte, die zum Zeitpunkt des Gründungsaktes entstanden ist, wird schon angezweifelt, mit dem Hinweis, daß eine solche gar nicht erst erstellt werden mußte, insoweit die Gründung des St. Lambrechter Klosters allein Sache der salischen Stifterfamilie war, ohne daß Dritte beigezogen werden mußten, folglich auch keine vertraglichen Abmachungen zu treffen waren, die hätten beurkundet werden müssen.

Es wird bestätigt, daß Klosterstiftungen im Mittelalter häufig nicht schriftlich beurkundet wurden, insoweit die mündliche Bezeugung als ausreichend erachtet wurde. Erst später legte man immer mehr Wert auf die schriftliche Bezeugung. Weshalb die Erstellung von Gründungsurkunden für ältere Gründungen, bisher noch nicht schriftlich beurkundete Gründungen, oft auch nachgeholt wurden. Wahrscheinlich war dies auch bei der untergegangenen Urkunde der Fall, für deren Entstehungszeit man das 11. Jh. (auch das 12 Jh. wird genannt) vermutet. Von ihr blieben drei Abschriften in Kopialbüchern übrig, von denen die aus dem Speyerer Klosterbüchlein als unsere "Stiftungsurkunde" - nur punktuell - einmal näher beleuchtet werden soll.

Gleich zu Beginn taucht in ihrem Text die Formulierung "...Otto, von Gottes Gnaden Herzog..." auf. Der Genannte, unser Klostergründer Otto von Worms, wurde im Jahr 978 erstmals mit dem Herzogtum Kärnten betraut, war also zum Zeitpunkt des offiziellen Gründungsdatums, 977, noch gar nicht Herzog (=lat. dux). Weiter heißt es kurz danach "...mit Zustimmung meiner drei Söhne Heinrich, Bruno, Cuno...". Die genannten Söhne waren zum fraglichen Zeitpunkt gerade acht, sieben und fünf Jahre alt, also noch nicht volljährig, um dieser Stiftung zustimmen zu können. Nicht viel weiter danach folgt "...sowie beipflichtender Ermunterung Kaisers Otto III....". Kaiser Otto III. wurde erst 980 (!) geboren, lebte also noch gar nicht zum Zeitpunt der offiziellen Klostergründung. Erst 983 wurde er - noch unmündig - zum König gesalbt und erst 996 zum Kaiser erhoben.

Weitere Zweifel läßt die Beschreibung der dem Kloster überlassenen Waldmark aufkommen. Sie verwendet eine detaillierte Nomenklatur für die signifikanten Punkte ihrer Topographie, obwohl zum Gründungszeitpunkt unseres Klosters von einem menschenleeren bzw. von Menschen kaum berührten Raum ausgegangen werden muß.

Nicht weiter ins Detail gehend - dies ist Aufgabe von Fachleuten der Diplomatik - wenden wir uns dem in der Urkunde angegebenen Ausfertigungsdatum zu. Es wird dort mit "...DCCCCLXXVII..." angegeben, was korrekt das Jahr 977 wiedergibt. Bei mittelalterlichen Datumsangaben war dabei oft auch die zusätzliche Angabe der Indiktion üblich, einer römischen bzw. byzantinischen Form der Zeitrechnung, in der "Stiftungsurkunde" ebenfalls angegeben mit "...indicione XV....", d. h. 15. Indiktion.

Üblich war dabei die Angabe des aktuellen Jahres der laufenden Indiktion, die abgelaufenen Indiktionen wurden dagegen nicht angegeben. Geht man von einer Zeitspanne von 15 Jahren aus, die jede Indiktion umfaßte, so ergibt die Nachberechnung folgendes:

Dem Jahr 1 n. Chr. entspricht das 3. Jahr der zu diesem Zeitpunkt aktuellen Indiktion. Daher addiert man zu 977 die Zahl 3 und erhält so die Summe 980. Diese teilt man durch 15 und erhält als Ergebnis 65,33... D. h., daß 65 ganze Indiktionen abgelaufen sind, der Rest steht für das aktuelle Jahr der noch laufenden Indiktion. Rechnet man jetzt die Jahressumme von 65 abgelaufenen ganzen Indiktionen wieder hoch, so kommt man auf die Summe 65x15=975. Diese von der Ausgangssumme 980 subtrahiert ergibt 980-975=5, d. h. dem Jahr 977 entspricht das 5. Jahr der aktuell laufenden Indiktion, also die 5. Indiktion und nicht, wie in der Stifterurkunde angegeben, die 15. Indiktion! D. h. die Indiktionsangabe in der "Stiftungsurkunde" gibt mit einem "X" (lat.=10) zuviel 10 Jahre mehr an als die römische Zahlenangabe, so daß man hiernach auf das Jahr 987 kommt.

Schlußanmerkung: man wird die vor Jahren schon angekündigte Untersuchung dieser "Stiftungsurkunde" nach den wissenschaftlichen Regeln der Diplomatik (Urkundenwissenschaft) abwarten müssen, um hier mehr Aufhellung zu erhalten.

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Wo ist der Lambrechter Klostergründer bestattet?

Eine äußerst interessante Frage, allerdings ohne schlüssige Antwort, dies gleich vorweg. Die fraglichen Orte sind:

  • Kärnten
  • Bruchsal
  • Worms
  • Lambrecht
  • Limburg
  • Schifferstadt

Zu Kärnten: Otto war dort zweimal Amtsherzog (1. Amtszeit von 978-985; 2. Amtszeit von 995 - zum Lebensende). Dort (die angrenzenden Marken eingeschlossen) hielt er sich er sich noch zu Anfang des Jahres 1004 auf, wo er in Kämpfe in der Mark Verona verwickelt war. Danach reißen die Nachrichten über ihn ab. Es gibt Hinweise, daß er wohl altersbedingt (um die 50 Jahre alt, ein für die damaligen Verhältnisse biblisches Alter) seiner Aufgabe nicht mehr ganz gewachsen schien. Dies läßt den Schluß zu, daß er sich vor seinem Tod aus Kärnten zurückzog und sich in heimatliche Gefilde begab, um dort seinem Lebensende entgegen zu warten. Womit Kärnten als letzte Ruhestätte ausscheiden dürfte.

Zu Bruchsal: zuletzt war Otto in Bruchsal, wo er 1002 den dortigen Königshof erhalten hatte, "heimisch" geworden. H. Fell vermutet daher, daß er dort verstorben und bestattet ist. Wenn dies zuträfe, wäre sein Grab allerdings unauffindbar, da vom Königshof in Bruchsal nichts mehr existiert, noch nicht einmal ein Hinweis, wo sich dieser befunden haben könnte. Wenn sich diesbezüglich noch Spuren gehalten hätten, so wären diese spätestens durch die massiven Bombardierungen verwischt worden, die Bruchsal im Zweiten Weltkrieg zu erleiden hatte und nach denen die Stadt größtenteils wieder neu aufgebaut werden mußte.

M. E. geht diese These ganz an dem Aspekt vorbei, daß der mittelalterliche Mensch in seiner tiefen Religiösität nach dem "Seelenheil" strebend, nach Möglichkeit heilige bzw. geweihte Orte als letzte Ruhestätte ersehnte. Bruchsal liefert keinerlei Anzeichen dafür, ein in diesem Sinne erstrebenswerter Platz gewesen zu sein, auch war Otto dort nur eine kurze Verweildauer eingeräumt, womit auch diese Alternative ausscheiden dürfte.

Zu Worms: vor Bruchsal war Otto in Worms "heimisch" und zwar über den weitaus größten Teil seines langen Lebens. Er hatte dort seine Salierburg, Ausdruck dafür, daß Worms sein Lebens- und Kraftzentrum bildete. Die salische Grablege befand sich dort, wo seine nächsten Familienangehörigen, sein Vater Herzog Konrad der Rote, seine Gemahlin und Herzogin Judith, seine Söhne Heinrich und Konrad, wie auch weitere nahe Verwandte, zur letzten Ruhe fanden. Eigentlich der am naheliegendste Ort für seine Bestattung dort. Definitiv wurde Otto aber nicht in Worms zur letzten Ruhe gebettet, was triftige Gründe hatte, zu denen wir noch kommen werden.

Zu Lambrecht: Wenn Otto ein klares Zeichen zur Vorsorge für sein Seelenheil gesetzt hat, dann in Lambrecht mit der Stiftung seines Klosters. Somit steht hier Lambrecht eindeutig an erster Stelle. K. Lembach ist daher überzeugt davon, daß Otto in Lambrecht bestattet ist. Ein Nachweis gelingt jedoch nicht. Dennoch einige Überlegungen dazu, bei denen wir uns in die Anfangszeit des Klosters hineinversetzen müssen.

Mit der Aufrichtung des Klosters hatten die Benediktiner ein wahrlich gigantisches Werk übernommen. Zunächst mußten weite Teile des Talgrundes und der Bauplatz selbst vom Tal-Urwald befreit werden. Das bei der Rodung in Massen anfallende Holz lieferte, nachdem es zu Brettern und Balken gesägt worden war, dann wohl das erste Baumaterial für eine erste hölzerne Kirche, aber auch für weitere noch zu erstellende Bauten, die lebensnotwendig waren. Maßnahmen zur weiteren Existenzsicherung gehörten dazu, wie das Anlegen von Feldern und Gärten, Wasserversorgung, Fischteichen (!) etc. Es dürfte einige Jahre der Schufterei beansprucht haben, bis ein erstes Provisorium entstanden war, das die erste geistliche und existenzielle Grundsicherung für ein monastisches Leben lieferte.

Dieses hölzerne Provisorium war gewiß nur für eine möglichst kurze Anlaufzeit bestimmt, denn dem höchsten Herrn war von vornherein gewiß ein würdevollerer Gottesbau zugedacht gewesen. Sobald wie möglich dürfte dieser dann auch in Angriff genommen worden sein. Und so dürfte bald im Lambrechter Talkessel auf einer Großbaustelle tüchtig gebaut und gewerkelt worden sein. Wie lange an diesem ersten steinernen Kirchenbau gebaut wurde, damals noch ohne Maschinen mit reinem Muskeleinsatz, ist nicht bekannt. Für die Klosterkirche der Dominikanerinnen bedurfte es dreier langer Jahrzehnte, bis diese errichtet war. Bei dem viel kleineren ersten Steinbau war es gewiß um einiges kürzer, vielleicht nur halb so lang. Bis zu seiner Fertigstellung dürften somit - den Bau des Provisoriums miteingerechnet - um die 20 Jahre vergangen sein, eher noch ein paar Jahre mehr.

Rechnet man auf das Gründungsjahr 977 somit etwa 20 Jahre auf, so kommen wir um das Jahr 1000. Dies würde bedeuten, daß 1004, im Sterbejahr Ottos, das Kloster sich in einem ersten abgeschlossenen Bauzustand befunden haben dürfte, wo sicherlich auch eine Grablege als notwendiger Bestandteil mitangelegt war. Otto hätte also hier problemlos zur letzten Ruhe aufgenommen werden können.

Macht man die Rechnung unter Zugrundelegung des alternativen Gründungsjahres 987, so würde sich ergeben, daß das Kloster erst um 1010 zu einem ersten baulichen Abschluß gekommen sein könnte. Ottos Tod wäre demnach in eine Zeit gefallen, wo der erste steinerne Klosterbau sich noch mitten in seiner Entstehungsphase befunden haben könnte. Seine Bestattung unter diesen Bedingungen dort dürfte dann allerdings problematisch gewesen sein und daher vielleicht auch anders gelöst worden sein (s.u.).

Zu Limburg: 1025 entstand das Kloster Limburg anstelle einer zuvor dort befindlichen Salierburg. Das Kloster war als neue (repräsentative!) salische Grablege konzipiert, wohl in Nachfolge der salischen Grablege zu Worms. Es wird in Berichten darüber als sehr prachtvoll beschrieben, mit vielen prunkvollen Altären und schönen lebensgroßen Statuen darin, hinter dem Hochaltar, unter dem Convent-Chor, die mit drei Marmor-Altären geschmückte und von vier Säulen getragene Gruft der rheinfränkischen Herzöge.

Denkbar ist, daß wegen des in Lambrecht eventuell vorhanden gewesenen Problems, aber auch wegen der geringeren Prachtentfaltung seines Klosters dort, in Zusammenhang mit der Erlangung der Kaiserwürde der Salier durch Konrad II., verbunden mit neuen Zielsetzungen, auch was die Fürsorge um die verstorbenen Familienmitglieder und deren Seelenheil betraf, Herzog Otto auch in der Abtei Limbung bestattet worden ist (zunächst wohl in einem provisorischen Grab, dann nach Fertigstellung der Saliergrablege in dieser; für die "Kryptaweihe" dort wird 1035 angenommen).

Die Abtei Limburg wurde 1504 weitestgehend zerstört, ab 1566 erfolgte stufenweise ihre Aufhebung, ab 1574 war das Kloster leer. Die Rechte gingen an Kurpfalz über. Die Saliergrablege ging dabei nahezu spurlos ab.

Zu Schifferstadt: als "skeferstat" ist dieser ursprünglich salische Besitz auch in unserer Gründungsurkunde veraktet, denn das St. Lambrechter Kloster war dort seit seiner Gründung begütert. Am 17.1.1035 schenkte Konrad II. Besitz aus "Schiverstad" der neuen Abtei Limburg (vermutlich den Lambrechter Anteil). 1065 ging die Abtei - mit dem Kloster Lambrecht - an das Hochstift über.

Herzog Otto wird eine Waldschenkung von 4000 Morgen an Schifferstadt zugeschrieben, die auf das Jahr 983 datiert wird (sehr wahrscheinlich aus ehemaligem Weißenburger Besitz, den er in Ausübung der an ihn übertragenen Reichsexekution an sich gezogen hatte). Sie soll an ein Jahrgedächtnis für Herzog Otto gekoppelt gewesen sein, wofür 12 Messen zu lesen waren. Die Belegung ist problematisch.

Für das Jahrgedächtnis finden sich nur Belege um die Mitte des 15. Jh. und von 1501, wonach dieses auf der St. Laurentius-Kapelle beruhte und vom Kloster Limburg mit 12 Priestern abzuhalten war. (Die Kapelle soll übrigens auf Konrad den Roten, den Vater von Herzog Otto, zurückgehen, der 955 an "Laurentius" gefallen ist!). Vor 1501 ging die Verpflichtung dazu auf die Schifferstadter Pfarrei über, der später auch die Gemeinde mit Mitteln aushalf, um so das Jahrgedächtnis (auch als "Rechtstitel" für den umfangreichen Waldbesitz) bis ins 19. Jh. zu pflegen.

Aus Anlaß des 1000. Todesjahres Herzog Ottos hielt man 2004 auch in Schifferstadt mehrere Veranstaltungen ab. U. a. einen Vortrag, mit dem belegt werden sollte, daß Herzog Otto in Schifferstadt bestattet worden ist. M. E. nicht schlüssig erscheinend.

Das Schifferstadter Jahrgedächtnis erinnert sehr an die "Nekrologe", die üblicherweise Glaubensgemeinschaften, wie den Klöstern, oblagen und nicht unbedeutenden Kapellen oder Pfarreien. Dafür spricht auch die Anzahl der dazu benötigten Geistlichen, die in Glaubensgemeinschaften leichter aufzubieten waren, während etwa die Pfarrei Schifferstadt von mehreren Nachbarpfarreien darin unterstützt werden mußte, unter kontinuierlich zunehmenden personellen Problemen.

Daß die Verpflichtung ursprünglich der Abtei Limburg oblag, läßt die Vermutung erhärten, daß Herzog Otto dort auch bestattet wurde, insoweit Bestattung und Nekrolog üblicherweise miteinander gekoppelt waren. Der Nekrolog hatte nämlich zwei Seiten: er sollte zwar primär dem Seelenheil und der stetigen Erinnerung und Würdigung des Verstorbenen dienen, aber auch - indem er meist unter Aufbringung erheblicher Mittel gestiftet werden mußte und somit ein Einkommen für das Kloster bildete - für das Privileg in einem Kloster bestattet zu sein, das angemessene "Heilsgeld" bilden.

So möge unser Klosterstifter auch weiterhin seine ewige Ruhe halten, wo immer er sie auch gefunden haben möge.

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Wer waren die Salier und woher kamen sie?

Die Bezeichnung "reges salici" (lat.=dt. salische Könige) ist erst ab dem Anfang des 12. Jh. überliefert und reicht kaum weiter zurück. Als denkbare Ableitung kommt "sal"=Herrschaft in Betracht, bezogen auf die bei den Saliern deutlich hervortretende Tendenz zur "Befehlsherrschaft". Wahrscheinlicher aber ist der Bezug auf den vornehmsten Volksstamm der Franken, der diesen Namen trug. Die "lex salica" (lat.=dt. salisches Gesetz/-buch), das Volksrecht der Salier, hat das Bewußtsein davon über die Jahrhunderte erhalten.

Die salischen Herrscher waren (Rhein-) Franken, und da Wipo, der Biograph Konrads II., dessen Herkunft mütterlicherseits (=nach Adelheid von Metz) auf die fränkischen Königshäuser zurückführte, könnte es sein, daß man den Namen Salier auf das Geschlecht Konrads II. übertrug und schließlich dann auf dessen Vorfahren bis ins 10. Jh. So kam es, daß Konrad der Rote, der Vater des Lambrechter Klostergründers Otto von Worms, lange Zeit auch als der Stammvater der Salier galt.

In der weiteren Erforschung des salischen Geschlechts wurden zuletzt Erkenntnisse gewonnen, wonach die Vorfahren der Salier in einem genealogischen Verhältnis zu den Widonen standen, die bereits als Ministeriale unter Karl dem Großen dienten. Ihr Hauptverbreitungsgebiet war ursprünglich die Gegend um Metz und der nördlich angrenzende Bereich bis Trier. Ende des 8. Jh. hatte die Adelssippe mehrere Zweige ausgebildet, von denen nun einige in weit südlicheren Gegenden (West-Süd-Frankreich, Italien) auszumachen waren und es dort zu einiger Machtfülle brachten. So war ein Wido (Leitname!) als Herzog von Spoleto sogar zur Kaiserwürde aufgestiegen (891). In seiner Nachfolge ebenso sein Sohn namens Lambert.

Mit Lambert finden wir Bezug zu den Lambertinern, wie sich ein Zweig nach dem Leitnamen Lambrecht nannte, der sich im angestammten Gebiet um Metz herauskristallisierte. Aus ihnen gingen dann später, wie vor allem aus Besitz- und Amtsnachfolge sowie dem selben Hauskloster Hornbach geschlossen werden kann, die späteren (Pfälzer) Salier hervor, indem sich diese in einer östlichen Orientierung allmählich im Pfälzer Raum und seinen angrenzenden Gebieten niederließen.

Hier unternahmen sie zunächst den Versuch, in Speyer ein Lebens- und Kraftzentrum zu bilden, was mißlang. Gründe hierfür waren aufgetretene heftige Auseinandersetzungen mit dem Speyerer Bischof Einhard I. (895-913). Als dessen Gegner erwies sich hierbei ein Graf Werner, mit dem der Vater Konrads des Roten und Großvater unseres Klosterstifters greifbar wird. Dieser muß als recht rabiat beschrieben werden, denn er ließ sich dazu hinreißen, den Bischof zu blenden. Die Freveltat scheint noch lange danach ihren Schatten auf die salische Familie geworfen haben. (Weshalb auch vermutet wird, daß hinter der St. Lambrechter Klostergründung auch das politische Motiv Ottos gestanden haben könnte, die Kurie versöhnlich zu stimmen).

So wandte sich die salische Familie nun Worms zu und errichtete dort ihre Burg als salischer Stammsitz. Als Nachfolger seines Vaters geriet Herzog Otto dort in einen heftigen Streit mit der Wormser Geistlichkeit um die Stadtherrschaft. Die Verhältnisse in Worms entwickelten sich dabei so schlimm, daß darüber berichtet wird, die Bewohner hätten es vorgezogen, vor den Mauern von Worms zu leben und zu wohnen, weil wegen der ständigen Fehden das Leben innerhalb der Stadt unerträglich geworden wäre. Weshalb hieraus auch eine Reichsangelegenheit wurde, als Kaiser Heinrich II. Herzog Otto im Jahr 1002 dazu bewegte, seine Salierburg in Worms aufzugeben. Diese ließ der Bischof dann auch sofort schleifen und an seiner Stelle die Kirche des St. Pauls-Stifts errichten. (Spätestens mit dieser Mitteilung dürfte evident werden, warum Herzog Otto nicht in Worms bestattet wurde!).

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Die Schlacht auf dem Lechfeld im Jahr 955

(vormalig "Thema spezial" Nr. 1 v. 01.02.09)

Eine historische Dokumentation des "ZDF" als Anlaß

Im November 2008 strahlte das "ZDF" eine mehrteilige historische Dokumentation aus, die das Thema "Die Deutschen" zum Gegenstand hatte. Eine bewegende Zeitreise durch ein Jahrtausend wechselvoller Geschichte Deutschlands, die den historischen Bogen von den Anfängen unter Otto dem Großen im 10. Jh. bis zur Ausrufung der ersten deutschen Republik durch Philipp Scheidemann im Jahr 1918 spannte.

Zu einer ihrer frühesten Betrachtungen gehörte demnach der Aufstieg Otto I. zum mächtigsten Herrscher Europas nach Karl dem Großen. Die Entwicklung dazu erhellten notwendige Reflexionen über das Reich Karls des Großen und dessen Teilung, mit der Folge der Herausbildung der beiden Frankenreiche, aus denen später aus dem westlichen Frankreich und aus dem östlichen Deutschland auferstehen sollten.

Dabei vollzog sich die Prägung des östlichen Frankenreiches zum "regnum Teutonicorum" maßgeblich unter den Herrschergestalten Konrad I., Heinrich I. und Otto I., vor allem durch die Abkehr vom karolingischen Erbrecht und der Vereinigung der Stammesherzogtümer sowie auch aufgrund außen-politischer Erfolge, so etwa mit der Rückgewinnung Lothringens.

Die existenzielle Bedrohung des Reiches durch die Ungarn

Eine besondere Rolle spielten hierbei auch die Bedrohungen des Reiches wie etwa durch slawische Stämme, viel mehr noch aber durch die Ungarn, die mit ihren Einfällen von 900 an über ein halbes Jahrhundert lang das aufkeimende Reich der Deutschen zu ersticken drohten und dieses so vor seine größte Herausforderung stellten.

Zwar war schon unter Heinrich I. ein militärischer Erfolg gegen die Ungarn gelungen (Schlacht bei Riade an der Unstrutt, 933), doch konnte dieser nicht die gewünschte Wirkung erzielen. Die Ungarn fielen auch danach in das Reich ein und peinigten dieses auch weiterhin mit ihren Verheerungs- und Plünderungszügen. Erst unter Otto I. sollte es endgültig gelingen, den Ungarneinfällen den so lange ersehnten Garaus zu bereiten.

Zwangsläufig führte die Dokumentation dann auch zu dem hierfür entscheidenden Ereignis hin, das als "Schlacht auf dem Lechfeld" in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Dabei hielt sie sich in ihrer Darstellung darüber äußerst knapp, nur auf das Wesentliche bezogen, wie dies in den einschlägigen historischen Schriften darüber meist auch der Fall ist. Verständlich angesichts der Komplexität einer Gesamtschau der Geschichte der Deutschen, bei der nicht auf alle Details eingegangen werden kann, um den Rahmen nicht zu sprengen.

Für wichtig hielt die Dokumention immerhin das Faktum, daß Otto I. seine Streitmacht systematisch aufgerüstet hatte, um den Ungarn besser entgegentreten zu können. Als wichigstes Ergebnis der "Ungarnschlacht" hob sie natürlich den Sieg Ottos über die Ungarn hervor, durch den dieser - nach Karl dem Großen - zum mächtigsten Herrscher Deutschlands und Europas aufzusteigen vermochte. Damit ließ die Dokumentation schon wieder von der "Ungarnschlacht" ab, um in ihrer Zeitreise durch die Geschichte der Deutschen zügig fortzufahren.

Im Folgenden soll die "Ungarnschlacht" näher beleuchtet werden, als die Dokumentation dies konnte. Zum einen, weil sie das bedeutendste Ereignis der frühmittelalterlichen Geschichte Deutschlands darstellt, zum andern, weil an ihrem siegreichen Ausgang für Otto I. und sein Reich maßgeblich auch ein "Lambrechter" großen Anteil hatte.

Die Ausgangslage vor der Schlacht

Greifen wir diesbezüglich zunächst das schon oben angesprochene Faktum auf, wonach Otto I. seine Streitmacht durch systematische Aufrüstung auf das Treffen mit den Ungarn vorbereitet hatte. Es bezeugt, daß Otto schon lange vor der Schlacht diese planvoll ins Auge gefaßt hatte, um der Ungarnplage endlich herr zu werden. Er sah die Schlacht als unausweichlich voraus, weshalb er sie zum militärischen wie auch politischen Progamm erhoben hatte.

Weiter läßt sich daraus ersehen, daß Otto militärischen Weitblick besaß, den wohl die Erfahrungen mit den Ungarn aus den Jahrzehnten davor geschärft hatten. Die aus den Steppen Osteuropas stammenden Ungarn waren überaus gewandte Reiter und vor allem gute Bogenschützen. Mit der gefährlichsten Fernwaffe der damaligen Zeit, dem Kompositbogen, vermochten sie ihren Pfeilen einen solchen Effet zu verleihen, daß diese - bei günstigem Auftreffwinkel - sogar Harnische durchschlagen konnten.

Gewiß können wir bei der Streitmacht Ottos von einem Ritterheer ausgehen, bei dem sich die einzelnen Kämpfer durch eine Leibpanzerung (Helm, Brustharnisch, Kettenhemd usw.) zu schützen suchten. Allerdings verfügten die wenigsten darunter über einen vollständigen Körperschutz, insoweit sich die wenigsten eine Vollrüstung leisten konnten. Von daher waren die Kämpfer der Ritterheere - entgegen der heute oft verbreiteten Vorstellung - selten in voller Rüstung. Die Masse verfügte nur über partiellen Schutz, der oft mittelmäßig oder auch nur gering ausfiel und so war diese auch überwiegend einem ungarischen Pfeilhagel aufs übelste ausgeliefert. Otto I. hatte diesen Nachteil offensichtlich erkannt und daher auf eine verbesserte Körperpanzerung seiner Krieger hingewirkt.

Wann Otto I. die Ungarn angreifen würde, hatte er zeitlich nicht genau vorausgeplant. Sicherlich hing der Zeitpunkt vom Fortschritt seiner Vorbereitungen dazu ab. Diese hatten inzwischen wohl günstige Gestalt annehmen können, wohl auch dadurch, daß man die benötigte Zeit hierfür gewinnen konnte, indem man die Ungarn mit "Geschenken" von ihren Raubzügen hatte abhalten können. Gerade war eine ungarische Gesandtschaft mal wieder bei Otto, die dieser mit derartigen Gaben wieder in Frieden entlassen hatte, als ihn die Kunde erreichte, daß ungarische Gruppen in Bayern eingefallen seien und offensichtlich eine Schlacht vorbereiteten.

Das sich tatsächlich daraufhin nun entwickelnde blutige und opfervolle Szenario vermittelt unter seiner erst später gefaßten Diktion als "Schlacht auf dem Lechfeld" den Eindruck eines einzigen Schlachtenereignisses. In Wirklichkeit folgte es einer blutigen Dramaturgie, aus der sich drei Schlachtengeschehen herauskristallisieren.

1. Schlacht: Die Abwehrschlacht Augsburgs (7., 8. und 9. August)

In das besonders von ihnen heimgesuchte Bayern waren die Ungarn im Juli 955 eingedrungen, mit dem Ziel, Augsburg einzunehmen. Die Kämpfe darum führten schließlich zur Einschließung der befestigten Stadt am 7. und 8. August. Die Bürger Augsburgs leisteten einen erbitterten Abwehrkampf und wiesen so den Angriff der Ungarn zurück. Den Widerstand organisierte in heldenhafter Manier der Augsburger Bischof Ulrich persönlich. Dabei kam wohl sehr zustatten, daß Augsburg über eine größere Anzahl Panzerreiter (Ritter) verfügte, die mit Ausfällen aus der belagerten Stadt den Angreifer überraschten und ihn in seinem Vorhaben störten und banden. In seiner Not hatte Augsburg selbstverständlich König Otto um Hilfe ersucht und so hatte dieser beschlossen, in einem Eilmarsch die bedrängte Stadt zu entsetzen.

Er hatte es dabei so eilig, daß er die vollständige Versammlung seines Heeres nicht abwartete, sondern früher aufbrach. So mußte er auch auf einen Teil seiner Sachsen verzichten, die er wegen der Slawengefahr zurücklassen mußte, während die anderen Aufgebote aus Franken, Schwaben, Bayern und Böhmen später dazustoßen sollten.

So näherte er sich dem "Lechfeld", wie die Geschichtsschreibung später den Schlachtenort bezeichnen sollte, einer Ebene, die schon den Germanen als Versammlungsort diente, mit einem Thingplatz als Gerichtsstätte und Königstuhl in der Mitte, mit dem Namen "Gunzenlê". Der Lechfluß durchquerte diese Ebene und teilte sie so in zwei Teile. Im östlichen (=bayerischen) Teil lag nahe am Fluß der "Gunzenlê", dagegen breitete sich Augsburg auf dem gegenüberliegenden westlichen (=schwäbischen) Teil aus.

Berichtet wird, daß am dritten Tag der Belagerung, dem 9. August, die Augsburger Bürger auf den Zinnen ihrer Stadtbefestigung beobachteten, wie die Ungarn sich gerade zu einem erneuten Angriff formierten und schon loszustürmen begannen, dann aber unerwartet - vom Angriff ablassend - davonritten. Als Grund hierfür wird angeführt, daß die Ungarn zu diesem Zeitpunkt von dem herannahenden Königsheer erfuhren und sich daraufhin entschlossen, nun dieses anzugreifen.

2. Schlacht: Der Kampf beim Anmarsch auf und bei Augsburg (10. August)

Tatsächlich hatten es die Ungarn auf das Heer Ottos I. abgesehen. Dieses hatte wohl gerade erst den westlichen Teil des "Lechfeldes" erreicht und dort das Lager aufgeschlagen. Hier stießen die Bayern und Franken dazu, wobei die Ankunft Herzog Konrads (gen. der Rote) und dessen zahlreiche Reiterei das Heer besonders ermutigte. Und so entschloß man sich, den Kampf aufzunehmen.

Aufgeteilt in etwa acht Legionen bzw. Abteilungen rückte das Heer zum Treffen mit den Ungarn vor. Die erste, zweite und dritte Abteilung bildeten die Bayern. Als vierte Abteilung folgten die Franken unter der Führung Konrads des Roten, die stärkste "königiche Abteilung" mit König Otto folgte an fünfter Position, mit zwei Abteilungen schlossen sich die Schwaben an und den Schluß bildete die Abteilung der Böhmen mit allem Gepäck und Gut zur Versorgung des Heeres. Mit alles in allem um die 16000 bis 20000 Mann rückte das Heer am 10. August 955 so gegen Augsburg vor.

Die Ungarn querten vom östlichen Lechfeld aus indes unvermittelt den Lech, umgingen so das Heer, um dann unter "ungeheurem Geschrei" über die letzten Abteilungen der Böhmen und Schwaben herzufallen und diese dabei fast vollständig aufzureiben oder in die Flucht zu schlagen und all ihres Guts zu berauben. So erlitt das königliche Heer eine schwere Dezimierung und verlor schon alle Moral. Da sorgte der für seinen Mut und seine Tapferkeit schon zu Lebzeiten zu legendärem Ruf gelangte Konrad der Rote für neue Siegeszuversicht. Er organisierte Gegenangriffe, die die Ungarn empfindlich trafen, befreite von diesen gefangen genommene Streiter aus deren Gewalt und nahm ihnen ihre Beute weg. Der Triumph entfachte neuen Kampfesmut und ließ den königlichen Heerbann nun in größter Entschlossenheit auf den Feind eindringen. Der Ausgang des Kampfes lag noch auf des Messers Schneide, mit Vorteilen seitens der Ungarn, als diese sich plötzlich und unerwartet zur Flucht wandten.

3. Schlacht: Die Entscheidungsschlacht (11. August)

Wie überliefert wird, wurden die Augsburger Zeugen dieser überraschenden Entwicklung, indem sie beobachteten, wie das geschlagene Heer der Ungarn an ihrer Stadt vorbeizog. Ihre "Flucht" erfolgte demnach nicht wild und ungestüm, sondern in einem geordneten Rückzug. Das ungarische Heer war zwar geschlagen, vermittelte aber keineswegs das Bild besiegt zu sein, vielmehr signalisierte es seine Bereitschaft zu neuem Kampf!

So sollte die Schlacht auf dem "Lechfeld" am folgenden Tage (11. August) in die entscheidende Phase treten. Otto I. und sein Heer waren fest entschlossen, den Feind endgültig zu vernichten. Noch am Vortag hatte man dessen Fluchtwege abgeschnitten. Und so nahm man seine Verfolgung auf, dabei den Lech zum östlichen Teil des Lechfeldes querend. Der sich dort entfaltende Kampf gestaltete sich für die Ungarn unvermittelt in eine Zweifronten-Schlacht. Denn diesen eröffnete sich neben der Front zum königlichen Heerbann plötzlich noch eine weitere. Was war der Grund für diese überraschende Entwicklung?

Des Rätsels Lösung hatte wohl schon mit der plötzlichen Wende des Vortages zu tun, als die Ungarn - noch aussichtsreich - auf einmal den Kampf abbrachen und sich zum Rückzug entschlossen. Vermutlich war die Kunde von den schweren Verlusten des königlichen Heerbanns, insbesondere auch der eigenen Landsleute, sehr rasch nach Böhmen getragen worden, wo man in rasanter Schnelligkeit einen neuen böhmischen Heerbann ausheben konnte, der dann in Windeseile dem bedrängten königlichen Heer entgegen kam. Auf seinem Weg dorthin war dieser - ob zufällig oder nicht - auf das Lager (1) der Ungarn getroffen, wo diese ihr Gold und Silber sowie sonstige Schätze, Frauen und Kinder, nur wenig bewacht, zurückgelassen hatten. Als die Ungarn davon erfuhren, daß die Böhmen dieses Lager bedrohten, brachen sie also ihren Kampf am 10. August ab, um ihr Lager vor dem Zugriff der Böhmen zu retten.

Doch die Böhmen verwickelten die Ungarn in ein schweres Gefecht und nahmen dann zusammen mit dem königlichen Heer die Ungarn in die Zange, so daß die "Unbesiegbaren" das Schicksal ereilte. Sie wurden zersprengt, in die Flucht geschlagen und bis in alle Winkel verfolgt, gehetzt und vernichtet. Ihre Anführer wurden gehängt, die schändlichste Todesart für einen Ungarn!

Der große Triumph Ottos I.

Der große Triumph Ottos I. war vollkommen. Er hatte die größte Bedrohung des Reiches gebändigt. Nie mehr sollten die Ungarn für dieses zur Gefahr werden. Mit dem Rest ihres Volkes zogen diese in ihr heutiges Gebiet, wurden dort seßhaft und in der weiteren Entwicklung eine christliche Nation unseres Abendlandes. Für Otto I. hatte die Ungarnschlacht aber die Grundlage gesetzt, daß er zum unumschränkten Herrscher wurde und zum ersten Kaiser des jungen ostfränkischen Reiches als neue Hegemonialmacht, das später den so klangvollen Namen "Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation" annehmen sollte.

Daß dieser grandiose Sieg über die Ungarn möglich wurde, verdankte Otto I. vielen - z. T. glücklichen - Umständen. Vorausschauend, wie oben schon angesprochen, hatte er wohl die richtige Vorbereitung dafür getroffen. Erstaunlich zu nennen ist, wie schnell er den Entschluß faßte, die Ungarn anzugreifen und mit welchem Tempo er dies vorantrieb. Nur so konnte Augsburg gehalten werden, was ihm bei seinem Kampf gegen die Ungarn zum Vorteil gereichte.

So wird berichtet, als die Ungarn ihre Belagerung am 9. August aufgaben, um den Kampf mit dem Heer Ottos aufzunehmen, daß der mutige Bischof Ulrich zu der militärisch klugen Einschätzung kam, daß der Kampf gegen die Ungarn nur auf dem Schlachtfeld zu entscheiden sei. In genialer Eingebung entschloß er sich daher, die Stadt zu entblößen, indem er ihre wertvollsten Verteidiger, die tapferen Panzerreiter, dem königlichen Heer entgegensandte. Ein riskantes Manöver, denn in der Nacht- und Nebelaktion hätten diese leicht auf die überall herumwimmelnden Ungarn treffen können. Aber glücklicherweise konnten sie den königlichen Heerbann unbemerkt erreichen und diesen so verstärken (2).

Erstaunlich ist ganz und gar das unverhoffte Eingreifen der Böhmen, die ihren Verlusten eine blitzschnelle Mobilmachung entgegensetzten und mit den so gewonnenen Reserven die Ungarn an ihrer verwundbarsten Stelle packten. Mit ihrem Angriff auf ihr Lager verloren die Ungarn jegliche Initiative, ja verschenkten sogar den möglichen Sieg, als sie zu dessen Rettung den Kampf am 10. August abbrachen. Und indem sie so noch in die königlich-böhmische Zange liefen, mußte sie zwangsläufig der Todesstoß ereilen (3).

In der kritischsten Phase dürfte sich das königliche Heer Ottos aber befunden haben, als es sich in Marschformation auf Augsburg zubewegte. Im lindwurmförmigen Heerzug hatte es nämlich die ungünstigste Formation für eine Gegenwehr. Die Ungarn wußten um diese Schwäche, weshalb sie die hinteren Abteilungen angriffen und niederwarfen, so daß im königlichen Heer Demoralisierung und Mutlosigkeit sich breitmachen mußte. Wohl schon nahe, sich dem Schicksal zu ergeben, bot einer den Ungarn die Stirn: Herzog Konrad der Rote!

Mit seinen Kriegern, die übrigens als jung und ohne Kampferfahrung geschildert werden und dennoch unbändig und todesmutig den Kampf aufnahmen, stürzte er sich in verwegenen Parforce-Ritten auf die ungarischen Angreifer und versetzte diesen einen schweren Schlag nach dem andern. So mußten diese schließlich von ihren Angriffen ablassen, was nicht nur das ziehende Heer schonte, sondern in diesem neue Kampfes- und Siegesglut entfachte. Nur so konnte es sein Ziel, Augsburg, schließlich auch erreichen und dort in der effektiveren Schlachtenformation dem Gegner trotzen. Dies war die Grundlage zum Sieg überhaupt und sollte Konrad den Roten zum Helden dieser Schlacht emporheben.

Konrad der Rote - der Held der Schlacht

Konrad der Rote galt lange als der Stammvater der frühen Salier. In jüngerer Zeit wurden Erkenntnisse gewonnen, daß sein Vater ein Graf Werner war und die Familie in verwandtschaftlichem Verhältnis zu den Widonen stand, einem Geschlecht, das schon unter Karl dem Großen als Ministeriale diente und von dem Verzweigungen, die sich weit erstreckten, eine davon sogar zur Kaiserwürde gelangt war.

Als Graf in Franken (942-945) wurde ihm die Herzogswürde über Lothringen (944/5-953/4) übertragen. 947 heiratete er Liudgard, die Tochter Otto I. aus dessen erster Ehe mit Edgitha von England. Aus der Verbindung ging Otto von Worms, später Herzog von Kärnten, hervor, der 977/87 das Kloster St. Lambrecht gründete und somit die Urzelle der späteren Stadt Lambrecht (Pfalz).

Im Namen dieser Gründung kommt zum Ausdruck, daß die Familie Konrads des Roten St. Lambertus als ihren Hausheiligen und Schutzpatron verehrte und daher nach ihrem Leitnamen "Lambrecht" auch die "Lambertiner" genannt wurden. "St. Lambrecht" bzw. die "Lambrechter" drücken dies direkt aus. Somit kann Konrad der Rote als "Lambertiner" ebensogut auch als "Lambrechter" bezeichnet werden, ohne daß man dazu die Gründung seines Sohnes erst hätte abwarten müssen, die erst nach seinem Tod erfolgte.

Diesen hatte den so tapfer kämpfenden "Lambrechter" Helden ereilt, als er in der Hitze des Gefechtes wie auch unter Einwirkung der hochsommerlichen Witterung an jenen Tagen des Kampfes gegen die Ungarn es wagte, seine Rüstung etwas zu lösen, um Erleichterung zu finden. Da fand ein ungarischer Pfleil die Lücke und bohrte sich in seinen Hals. So fiel dieser große Held und sein Tod löste großes Wehklagen aus. Doch mit dem Mut, dem ihm dieser Held gegeben hatte und den sein Tod noch um so mehr verstärkte, erkämpfte sich das königliche Heer schließlich den triumphalen Sieg.

Seine überaus große Tapferkeit wird übrigens dahingehend interpretiert, daß er König Otto, seinem Schwiegervater, nicht immer so treu ergeben war. Schließlich hatte er sich der Rebellion des Liudolf, des Sohnes Ottos, gegen dessen Vater und König angeschlossen (953), die von König Otto niedergeschlagen wurde. Daraufhin verlor Konrad der Rote sein Herzogtum und unterwarf sich dem König. Mit seinem hingebungsvollen Kampf habe er seinen Willen bekundet, sich für seine Verfehlung zu rehabilitieren.

Der Held der "Ungarnschlacht", die als erste deutsche Nationalschlacht angesehen wird, in der das Reich mit vereinter Kraft erstmals einen von außen angreifenden Feind bezwang, wurde in Worms bestattet. Sein Sarkophag mit weiteren Sarkophagen von verstorbenen Familienmitgliedern findet sich heute in der salischen Grablege des Wormser Doms. [Zum Ganzen (4)]

Anmerkungen und Quellen zum Beitrag "Lechfeldschlacht":

  1. vermutlich der "Gunzenê", der im Laufe der Zeit vom Lech gänzlich weggespült wurde;
  2. möglicherweise erreichten sie den königlichen Heerbann auch nicht, griffen aber dann selbständig in das sich entwickelnde Schlachtengeschehen ein;
  3. es wird auch vermutet, daß Otto dies mit den Böhmen sogar so geplant haben könnte, was ihm dann als echter militärischer Geniestreich anzurechnen wäre;
  4. den obigen Ausführungen zur "Schlacht auf dem Lechtfeld" liegt im wesentlichen die Darstellung von Ernst W. Wies in dessen Werk "Otto der Große - Kämpfer und Beter" zugrunde, mit den darin wiedergegebenen Quellen des Widukind von Corvey, der Ulrich-Vita ("Vita Sancti Oudalrici Episcopi Augustani") des Augsburger Domprobstes Gerhard, der "Annales sancti Galli maiores" und des Tietmar von Merseburg (3. Aufl. 1998, Verlag Bechtle Esslingen München). Darüber hinaus sei auf Stefan Weinfurter, "Herrschaft und Reich der Salier - Grundlinien einer Umbruchzeit" (3. Aufl. 1992, Verlag Thorbecke) verwiesen. Zuletzt sei auch auf die Reihe "Lambrechter -->Heimathefte" (Heft 1, Herzog Otto von Worms - Gründer Lambrechts, von Dr. Kurt Lembach) noch hingewiesen.

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Quellen zum Nachlesen:

  1. 1000 Jahre Lambrecht - Chronik einer Stadt, Dr. Ernst Collofong und Hans Fell, Edeldruck-Verlag Lambrecht, 1978;
  2. Stefan Weinfurter, Herrschaft und Reich der Salier - Grundlinien einer Umbruchzeit, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen, 1992;
  3. Hansmartin Schwarzmaier, Von Speyer nach Rom - Wegstationen und Lebensspuren der Salier, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen, 1992;
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