450 Jahre Einzug der Wallonen in St. Lambrecht - Gründer der Lambrechter Tuchmacherei

Einleitung

Lambrecht blickt aktuell auf die 450ste Wiederjährung der Migration wallonischer Glaubensflüchtlinge aus deren angestammten Heimat, der Wallonie in der Südhälfte des heutigen Belgiens, nach St. Lambrecht. Als offizielles Datum hierfür nennt die Lambrechter Chronik (1), Seite 4 bzw. 198, das Jahr 1568, wonach folglich das Jahr 2018 den Anlaß für ein 450jähriges Jubiläum zm Gedenken an dieses Ereignis bieten würde.

Das relevante Jahr 1568 gilt dabei als Gründungsdatum einer protestantischen Gemeinde in St. Lambrecht und bezieht sich somit nicht auf den Beginn der wallonischen Einwanderung an sich. Diese dürfte höchstwahrscheinlich schon vor 1568 eingesetzt haben, wenn man davon ausgeht, daß der Gründung dieser Gemeinde ein längerer Migrationsprozeß vorausgegangen sein muß.

So gibt in früherer Terminierung eine Abhandlung im Magazin "HUGENOTTEN", 73. Jahrgang Jahrgang 3/2009 - Themenheft Frankenthal/Pfalz, Seite 72, über die Entstehung von "wallonischen Exilantengemeinden" in der Pfalz eine ebensolche schon für "1567 in St. Lambrecht" an. Und damit können wir abweichend von der Darstellung in der Lambrechter Chronik mit dieser Mitteilung auch auf dieses frühere Jahr 1567 als Zeitpunkt für eine Einwanderung von Wallonen in St. Lambrecht abstellen. Und uns so auch mit 2017 auf einen entsprechend früheren Anlaß für ein feierliches Gedenken an dieses Ereignis berufen.

Sogar einen noch früheren Zeitpunkt dafür scheint eine historisierende Zeichnung von Joseph Eschbach mit der Darstellung des "Einzugs der Wallonen", speziell als Dokumentation für die wallonische Familie Remacle (Marx), explizit andeuten zu wollen. Indem auf der Plane des darauf gezeichneten Planwagens eine Aufschrift das Jahr 1565 für das betreffende Ereignis anführt. Dieses Jahr erscheint nach der Geschichte der J. J. Marx GmbH (2), Seite 37ff., auch verifizierbar. So daß wohl schon 1565 Wallonen (vermutlich als Vorhut) in St. Lambrecht ihren Einzug hielten und so bereits mit 2015 ein Anlaß für ein entsprechendes - nun schon überfälliges - Jubiläum bestanden hätte (auch 1562 wird als relevantes, aber mehr spekulatives Datum hierfür genannt, siehe dazu noch unten!).



Ausschnitt aus der Zeichnung von Joseph Eschbach "Einzug der Wallonen", als Dokumentation für die wallonische Familie Remacle (Marx), mit Aufschrift auf dem Planwagen: "1565 von Leyden nach S. Lambrecht Fam. Remacle (Marx)", komplette Darstellung siehe unter --->Lambrecht (Pfalz) bzw. --->Tuchmacherei auf dieser Homepage
 

Wie dem auch sei, jedenfalls zwischen 2015-2018 (bezogen auf 1565-1568) ergibt sich ein Zeitfenster, um in jedem seiner (noch) vor uns liegenden Jahre sich dem so segensreichen Einzug der Wallonen in St. Lambrecht vor 450 Jahren in würdiger Weise feierlich zu erinnern. Denn mit diesem hielt auch die Tuchmacherei in Lambrecht ihren Einzug, deren Handwerk die Wallonen aus ihrer ursprünglichen Heimat mitbrachten. 400 Jahre lang prägte dieses die Wirtschaftsgeschichte Lambrechts, aber auch dessen Kultur. So daß der Einzug der Wallonen in Lambrecht für dieses ein historisches Geschehnis von epochaler Bedeutung war. Seine Würdigung sollte daher freudig angegangen werden und wozu dieser frühe, zeitlich absolut korrespondierende Beitrag dafür Erinnerung und Anstoß sein möge.

Die Wallonen und die Wallonie im Spiegel der Geschichte Belgiens

Zuvor wollen wir uns aber noch etwas ausführlicher der Geschichte der Wallonen und der Wallonie zuwenden (3, 4). Als völkischer und regionaler Teil von Belgien spiegelt sich in dessen Geschichte auch die Geschichte der Wallonie und ihrer wallonischen Bewohner. Somit erscheint es unumgänglich, sich auch mit der Geschichte Belgiens insgesamt einmal ausführlicher zu befassen, um der Geschichte der Wallonie und der Wallonen einmal näher zu kommen und so besser ergründen zu können, woher die Wallonen stammen, welche ethnischen Wurzeln sie haben, wo ihr Stammland liegt, was sie prägte u.a. Letzteres ist in Teilen zwar auch schon Gegenstand der Lambrechter Chronik, was aber hier durch angebrachte Ergänzungen bzw. weitere Fakten noch einmal eingehender betrachtet werden soll.

Das frühgeschichtliche Belgien als Teil der Benelux-Länder

Das sich über die heutigen Benelux-Länder (Belgien, Niederlande, Luxemburg) erstreckende Gebiet, wo auch im Südteil Belgiens die Wallonie als Lebensraum der Wallonen zu orten ist, bewohnten einst keltische Stämme. Um 50 v. Chr. wurde deren Gebiet von Julius Cäsar erobert, wobei ihm die ansässigen Stämme dabei heftigsten Widerstand leisteten. So sehr, daß ihre starke Aufzehrung dabei die spätere Infiltration germanischer Stämme in ihr Gebiet begünstigen sollte.

Über die Eroberung schrieb Julius Cäsar in seinem Werk "Bellum Gallicum" (Gallischer Krieg) und hob - dabei andere Stämme wie Eburonen, Nervier, Atuacer oder Menapier u.a. unerwähnt lassend - den keltischen Stamm der "Belgae" (Belgen) heraus. Und so wurde nach diesem das neu eroberte Gebiet des heutigen Westbelgiens - Ostbelgien war der Provinz "germania inferior" zugeordnet - als "provincia belgica" (allg. Belgische Provinz) bzw. "belgica secunda" (Zweite Belgische Teilprovinz) benannt, wovon sehr viel später, erst Ende des 18. Jahrhunderts, dann auch der Name des heutigen Belgiens abgeleitet werden sollte.



Karte 1: Darstellung der Provinzen Germania und Belgica im spätrömischen Reich mit Westbelgien als Provinz Belgica bzw. Belgica secunda (Territorium des heutigen Belgiens als helle Fläche hervorgehoben)
 

Über vier Jahrhunderte blieb das betreffende Gebiet unter römischer Herrschaft. Aber schon im 3. Jahrhundert schmälerte sich diese mit der Folge, daß mit Rom verbündete germanische Franken sich zwischen den Flüssen Rhein und Waal (zum Fluß Waal noch einmal unten!) niederlassen durften, um sich von dort dann weiter nach Flandern und Brabant ausbreiten zu können. Damit wurde eine größere Expansion von fränkischen Stämmen über das gesamte ehemalige (franko-) gallische Gebiet ausgelöst, infolge dieser am Ende des 5. Jahrhunderts das fränkische Reich der Merowinger auferstehen sollte, das, nach Unterwerfung und Vertreibung benachbarter Stämme, im Jahr 560 unter seinem König Chlodwig von der Elbe bis zu den Pyrenäen reichte.

König Chlodwig war es dann auch, der nach seiner Bekehrung auf dem heutigen Gebiet Belgiens das Christentum förderte und festigte, das dort für das Jahr 343 erstmals bezeugt ist. So entstanden dort bedeutende Kirchenzentren wie Maastricht, wo um 700 Bischof Lambert, der Kloster- und Ortspatron von Lambrecht, wirkte, und Lüttich als die spätere bedeutendste Kirchenmetropole.

Während des 8. Jahrhunderts wurden die Merowinger durch die der Maasgegend entstammenden Karolinger verdrängt. Unter ihrem ersten König Pippin entstand deren Königreich, das unter seinem 742 bei Lüttich geborenen Sohn Karl zum europäischen Großreich aufstieg und diesem zur Kaiserwürde verhalf. Nach dem Tod Karls des Großen (814) wurde im Jahr 843 sein Reich geteilt und so zerfiel die Macht der Karolinger. Aus dem Westteil sollte das Westfrankenreich und aus dem Ostteil das Ostfrankenreich als Vorläufer von Frankreich und Deutschland hervorgehen. Das Mittelreich dazwischen fiel einer späteren Aufteilung zum Opfer. Dabei kam der Nordteil zum Ostfrankenreich, wodurch der größte Teil Belgiens nominell bis 1648 auch dem Heiligen Römischen Reich angehörte.

Die Grafschaften Flandern und Brabant entstehen und erstreben große Macht

Der Zerfall der karolingischen Macht wurde von einigen "Großgrundbesitzern" genutzt, insbesondere um Brügge, um größere Selbständigkeit zu erlangen. Aus ihnen ragte Balduin mit dem Eisernen Arm hervor, der sich erdreistete, des Westfrankenkönigs Tochter zu entführen und zu ehelichen und so vom Schwiegervater wider Willen zum Grafen von Flandern erhoben zu werden. Als solcher bewährte er sich erfolgreich bei der Abwehr von Normannen. Seine Nachfolger erweiterten ihre Macht erheblich, insbesondere auch südwärts zur Somme hin, wodurch sie seit dem 11. Jahrhundert auch Lehensmannen des französischen Königs wurden.

Neben der Grafschaft Flandern entwickelten auch benachbarte Ardennengrafen als vom Kaiser eingesetzte Herzöge des südlich angrenzenden Niederlothringens große Macht. Als Herzöge von Limburg und später von Brabant bildeten sie bald mit den Grafen von Flandern die wichtigsten Machthaber im heutigen Belgien, dabei die kaiserliche Gewalt zurückdrängend. Auch das Bistum Lüttich erwies sich durch seinen Aufstieg zum Fürstbistum gegenüber Kaiser und Reich als sehr standhaft wie ebenso die den Grafen und Herzögen Luxemburgs gehörenden Territorien im südlichen Belgien.

Die weitere Geschichte Flanderns war vor allem durch große Machtfülle und höchstes Ansehen der flämischen Grafen bestimmt, was in ganz Europa seinesgleichen suchte. So führte ein flämischer Graf für den minderjährigen französischen König sogar die Regentschaft. Allerdings kam es auch zu Krisen, als etwa 1127 Graf Karl der Gute von Gegnern ermordet wurde und die Städte an seiner Stelle Dietrich von Elsaß zum Nachfolger ausriefen, welcher den Thronstreit für sich entschied. Mit ihm und seinem Nachfolger Pippin von Elsaß erlangte die flämische Grafschaft ihren Höhepunkt.

Nachdem Pippin von Elsaß 1191 auf dem Dritten Kreuzzug fiel, besetzte der französische König den Südteil der Grafschaft und als dann auch 1205 Balduin IX. von Flandern, der zum Kaiser des "Lateinischen Reiches" in Konstantinopel gekrönt worden war, fern der Heimat den Tod gefunden hatte, griff Frankreich immer stärker in flandrische Belange ein. So sehr, daß der Eindruck entstand, der französische König erstrebe die Einverleibung ganz Flanderns in sein Königreich. Aber als er die Grafschaft schon in höchste Not gedrängt hatte, erwuchsen ihm mit den Städten, wie Gent, Brügge, Ypern und Kortrijk, überaus mächtige Gegner.

Diese waren im Zeichen der städtischen Freiheit zu wichtigen Handelsplätzen und Zentren des Weltmarkts, mit stärkstem Wirtschaftspotential vor allem durch die flandrische Textilindustrie, zu Machtfaktoren geworden. Die Weber und Färber, wie alle Handwerker auch, waren in Gilden bestens organisiert, die sogar militärische Schlagkraft zu entwickeln vermochten.

So etwa als Graf Guy von Flandern sich mit Rückendeckung des englischen Königs Anfang des 14. Jahrhunderts von König Philipp dem Schönen von Frankreich lossagte. Der französische König nahm daraufhin Guy von Flandern gefangen und annektierte Flandern, wobei er sich dagegen erhebende Aufständische in Brügge aus der Stadt vertreiben ließ. Am 18. Mai 1302 kehrten diese jedoch unter Führung des Webers Pieter de Coninck und des Schlachters Jan Breydel in die Stadt zurück und machten alle Franzosen nieder, soweit sie bestimmte flämische Worte nicht korrekt auszusprechen vermochten. Als "Brügger Messe" wurde dies das Zeichen für einen Aufstand, an dessen Ende in der sog. "Goldenen Sporenschlacht" ein französisches Ritterheer am 11. Juli 1302 von flämischen Handwerkern völlig geschlagen wurde. Danach erzwangen die Gilden gegen die bis dahin allein regierenden Kaufleute ihre Beteiligung an der Stadtherrschaft.

Die burgundische Blütezeit

Im Nachhinein versuchten die Städte ihre Macht gegen die Zentralisierungsbestrebungen unter der gräflichen Herrschaft zu erweitern. Sie verbündeten sich mit dem englischen König, um diesem auf den französischen Thron zu verhelfen. Im Genter Aufstand (1379-1385) unterlagen sie jedoch. Aber im sich entwickelnden Ständestaat konnten sie weiterhin großen Einfluß ausüben.

Mit Philipp dem Kühnen, dem jüngsten Sohn des französischen Königs, kam es zur "burgundischen Blüte". Ausgestattet mit Burgund, heiratete er die einzige Tochter des flämischen Grafen und trat 1344 die Regierung in Flandern an. Die Burgunderherzöge betrieben fortan eine geschickte Heiratspolitik, durch welche, neben Flandern, auch Brabant, Limburg, Holland-Zeeland-Hennegau, Namur und Luxemburg an Burgund kamen. Bis Mitte des 15. Jahrhunderts war so ein mächtiges Mittelreich zwischen Deutschland und Frankreich entstanden, dessen burgundischen Herrscher sogar das Königtum anstreben.



Karte 2: Darstellung der Ausdehnung des burgundischen Herrschaftsgebiets zu einem mächtigen Mittelreich zwischen dem deutschen Reich und Frankreich

Vor allem unter Philipp dem Guten (1419-1467) avancierte dieses zur "Schatzkammer Europas". Der Hof der Herzöge wurde ein Zentrum der europäischen Kultur. Besonders in Flanderns und Brabants Städten wurden große Ritterturniere und Feste zelebriert. Der Orden vom Goldenen Vlies wurde gegründet (von einem Herzog und nicht vom Kaiser!) und sollte als Ritterorden, nach dem Fall von Konstantinopel, zur Stütze bei geplanten Kreuzzügen werden.

Obwohl Frankreichs Könighaus entstammend, wurde dieses bald zum Erzfeind der Herzöge. Versuche, sich der französischen Krone zu bemächtigen, scheiterten jedoch. Kämpfe zur Arrondierung des europäischen Großherzogtums um Flandern und Brabant, insbesondere zur Schaffung einer Landverbindung nach Burgund, sorgten für ständige Kriege, vor allem unter Karl dem Kühnen. Als dieser dann 1477 in der Schlacht von Nancy fiel, ging damit auch die Epoche der burgundischen Herzöge zu Ende.

Reformation, Inquisition, Aufstand und Renovation im Reich Habsburg

Die Tochter Karls des Kühnen, Maria, konnte die geerbten Besitzungen kaum halten, sie verlor Burgund, Artois und die Picardie an Frankreich. Erst die Heirat mit Maximilian von Österreich verschaffte ihr Rückendeckung. Doch 1499 wurde dieser in Brügge gefangengenommen und erst nach Zugeständnissen an die Stände wieder freigelassen. Durch einen Jagdunfall einige Jahre danach ums Leben gekommen, endete die Ehe zwischen ihm und Maria schon früh. Der daraus hervorgegangene Philipp der Schöne heiratete 1496 die spanische Königstochter Johanna und schuf damit die Grundlage für das Weltreich Karls V. als beider Sohn.

Dieser vereinigte die südlichen und nördlichen Niederlande zzgl. deren restlichen Teile, mit Ausnahme Lüttich, und suchte deren Einheit zu wahren. Letzteres gelang ihm jedoch nicht, denn nach seinem Rücktritt, 1555, kam die Niederlande an seinen Sohn Philipp, der Spanien erbte, während der Kaisertitel samt den habsburgischen Erblanden an Karls Bruder fielen.

Um 1520, nach Luthers Thesenanschlag 1517, war der Protestantismus auch in den Niederlanden angekommen. Zwei seiner Anhänger aus Antwerpen wurden 1523 dort zu ersten Märtyrern der Reformation. Dann machten die Täufer von sich reden, bis 1545 die Calvinisten ihren aggressiven Vormarsch begannen. Der Katholizismus hielt sich dabei überwiegend bei den Südniederländern.

Philipp, als der II. Spaniens König, war alles andere als tolerant gegenüber den reformatorischen Glaubensbestrebungen. Als er 1557 die Niederlande verließ, geriet dort Margarethe von Parma, als seine Statthalterin, in arge Bedrängnis. Forderte der hohe Adel ein Mitregieren, stemmte sich der niedere vor allem gegen die Einführung der Inquisition. Insbesondere der Bildersturm der Calvinisten (vor allem im Süden) schreckte auf. Philipp entsandte Herzog Alba, den Aufruhr niederzuschlagen, was dieser auf überaus brutale und grauenvolle Weise anging. Es kam zum Aufstand der Niederländer, so 1568, wo die Hinrichtungen der Grafen Egmond und Hoorn - die keine Reformierten waren, sondern die Interessen des hohen Adels vertraten (!) - Anfang Juni 1568 auf dem Großen Markt von Brüssel durch Alba's "Blutgericht" das Finale bildeten.

Dieses Fanal soll letztendlich der Auslöser für die Flucht vieler Wallonen aus den spanischen Niederlanden gewesen sein. Aber schon Jahre davor begann dieser Exodus zu kulminieren, indem sich ein existentielles Unheil an das andere fügte. So hatten sich bis zum Ende der Regierung Karls V. die Steuern verzwölffacht. Grund waren dessen horrende Kriegskosten, die etwa der Kampf gegen Frankreich anhäufte. Unter Philipp II. setzte sich dies weiter fort, er türmte einen gewaltigen Schuldenberg auf und steuerte damit auf den sicheren Staatsbankrott zu. Grund für weitere Steuererhöhungen und Sonderabgaben, bis diese unbezahlbar wurden. Handel und Absatz erlahmten völlig. Eine schwere Wirtschaftskrise (seit Ende der 1550er-Jahre) tat ihr übriges. Und schließlich vollendete ein Handelsembargo (seit den späten 1550er-Jahren) Englands gegen niederländische Waren (Tuch!) die wirtschaftliche Katastrophe.

Hinzu kam, daß aus dem Ostseeraum bezogenes Getreide nicht mehr importiert werden konnte, da anhaltende Spannungen um die Handelswege dort diesselben blockierten. Nicht genug damit, sorgte der strenge Winter 1564/65 für eine Mißernte. So herrschte die Jahre vor dem Aufstand der Niederlande in großem Ausmaß Arbeitslosigkeit und Armut sowie Hungersnot. Dazu kamen die Bedrohungen durch ständigen Aufruhr und Krieg und schlimmste Verwüstung überall.

Befeuert wurde der Aufstand der Niederlande auch durch kirchenpolitische Maßnahmen, die zu einer landesherrlichen Kirchenpolitik und deren harten Gesetze und Verordnungen zur Ketzerverfolgung u.a. führten. Dies rief vor allem die Calvinisten auf den Plan, deren Reformationsbestrebungen durchaus auch eine sozial-politische Komponente aufwies, dabei militante Form annehmend. Eigentlich bildeten sie eine Minderheit (insgesamt waren nur 10% der Bevölkerung reformiert!), waren aber weit aktiver und aggressiver als die große Mehrheit. Und so stachelten sie in ihren bewaffneten "Heckenpredigten" zum Widerstand auf, nach einer solchen am 10. August 1566 ein Kloster verwüstet wurde, was den anschließenden Bildersturm auslöste, mit am Ende 400 verwüsteten Gotteshäusern!

Als Anhänger des Calvinismus dürften Wallonen dabei aktiv teilgenommen haben (aber nur eine Minderheit von diesen!). Deren Situation dürfte dann auch - neben der allgemein schon überaus existenzbedrohlichen Lage - spätestens dann äußerst brenzlig geworden sein, als sich die Kunde des Heranrückens von 15.000 Mann spanischer Elitetruppen, die in Europa als unbezwingbar galten, unter der Führung Herzogs Alba, zu verbreiten begann (vor deren Ankunft Mitte Juni 1567). Was unter einem "spanischen Wüten" zu erwarten war, konnte sich jeder leicht ausmalen. Es bedeutete höchste Gefahr für Leib und Leben. Erst recht, wenn damit der Inquisition auch volle Entfaltung gewährt wurde. Denn einmal in deren Fängen, bestand für keinen ketzerischen Calvinisten auch nur der Hauch einer Chance für ein Überleben!

So können wir annehmen, daß die Flüchtlingswellen aus den Niederlanden mit Wallonen (innerhalb der Niederlanden waren auch 100.000 Flamen auf der Flucht!) schon vor dem Jahr 1568 eingesetzt haben dürften, denn zwingende Gründe hierfür gab es davor mehr als genug. Auch für die nach Lambrecht eingewanderten Wallonen. Diese hatten allen Grund schon vor der Zuspitzung von 1568, nicht nur aus Glaubensgründen, sondern auch aufgrund von großen existientiellen Nöten, ihrer Heimat den Rücken zu kehren.

Damit gingen die (calvinistischen) Wallonen auch einer weit besseren Zukunft entgegen, als diejenigen, welche wohl nicht diesen Weg gehen konnten bzw. wollten und weiterhin dem Schreckensregiment Alba's und der Inquisiton ausgeliefert blieben, das noch vieltausendfachen grauenvollen Tod bringen sollte.

Die Ablösung Alba's durch den Herzog von Parma, Alexander Farnese, veränderte die Situation einigermaßen. Diesem gelang, den Abfall katholischer Gebiete zu den Reformierten einzudämmen, wobei ihm das abschreckende Beispiel Gents zuspielte, wo Calvinisten eine Minderheitsdiktatur errichtet hatten. Nicht verhindern konnte er, daß 1579 die Einheit der Niederlande zerbrach, indem der Süden sich der Union von Arras und der Norden der Union von Utrecht anschloß. Der Süden erklärte sich - kriegsmüde geworden - Spaniens König ergeben. Im Norden erwuchs (mit Auftakt schon 1567 und unterstützt von England) nun immer heftiger werdender Widerstand, unter dessen Zusammenfassung als 80jähriger Krieg (1567-1648) die Republik der Vereinigten Niederlande sich ihre Freiheit erkämpfen sollte.

Den danach noch Spanien verbliebenen südlichen Teil der Niederlande übergab Philipp II. 1598 an seine Tochter Isabella und ihren Gemahl Erzherzog Albrecht von Österreich. Mangels eines Erben, fiel dieser jedoch wieder 1621 an Spanien zurück. 1632 planten Frankreich und die Vereinigte Republik der Niederlande dessen Aufteilung, was letztendlich gegenseitiges Mißtrauen verhinderte. So wurde der spanische Südteil Gegenstand der Friedensverhandlungen in Münster, mit denen in Deutschland der 30jährige Krieg (in dem Wallonen übrigens sehr einflußreich agierten!) endete.

Am Ende mußte Spanien 's Hertogenbosch (Herzogenbusch), Maastricht, Venlo, Roermond, Breda und Seeländisch Flandern der niederländischen Republik überlassen und nach weiteren Auseinandersetzungen mit Frankreich, diesem 1659 Artois, Französisch-Flandern, Franche-Comté und Französisch Hennegau abtreten. Damit lagen im wesentlichen die heutigen Grenzen Belgiens fest, das so noch ein halbes Jahrhundert zu Spanien gehörte, sich dabei als Verteidiger des wahren (katholischen) Glaubens gegen die holländischen Ketzer sehend.

Spielball der Mächte

Noch zu Lebzeiten des kinderlosen und kranken Königs Karl II. von Spanien (1665-1700), letzter der spanischen Habsburger, stritt man schon um dessen Erbe. Das spanische Belgien wurde dabei zum Spielball des französischen Sonnenkönigs, Ludwig XIV. (1661-1714), und dem englischen König, Wilhelm III. (von Oranien!, Statthalter der Niederlande, 1689-1702), was 40 Jahre Krieg um das wehrlose Belgien bedeutete. Im Vertrag von Utrecht (1713) wurde es dann Österreich zugeschlagen, was ihm einen wirtschaftlichen Anschub gab.

Dann drängte der aufgeklärte Kaiser Joseph II. die Macht der Kirche zum Unwillen dieser zurück und leitete eine Verwaltungs- und Justizreform ein, wobei vielen Beamten der Amtsverlust drohte. Dies löste die bewaffnete "Kleine Revolution" von 1787 aus. Österreich zog sich zurück, um drei Jahre danach Belgien wieder zu besetzen, das sich inzwischen nach den gerade gegründeten USA als "États belgiques unis" zur republikanischen Staatsform bekannt hatte.

Während des Österreichischen Erbfolgekrieges (1740-1748) hatte Frankreich Belgien besetzt, aber dann wieder aufgeben müssen. Was französische Revolutionstruppen nicht hinderte, es 1792 als Gebiet Frankreichs zurückzuerobern. Kurzzeitig gewann Österreich noch einmal die Oberhand darüber, dann, ab 1795, unterstand Belgien Frankreich. Anfänglich litten die Belgier, dann aber kam es unter Napoleon zu einem Aufschwung, der zu breiter Akzeptanz der Zugehörigkeit zu Frankreich und dessen Lebensart und Kultur führte. Die französische Sprache begann sich weit und breit durchzusetzen, auch in der gesamten flämischen Oberschicht.

Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft (Niederlage bei Waterloo 1815) gelangte Belgien zur Republik des Vereinigten Königreichs der Niederlande (nach 200 Jahren der Trennung). Unter dessen König Wilhelm I. wurde eine neue Verfassung ausgearbeitet, die jedoch von Anfang an im Süden auf Ablehnung stieß und nur durch trickreiche Rechenkunst Annahme fand. Außerdem mißfiel der autoritäre Führungsstil des Königs.

Das Königreich Belgien entsteht

Als am 25. August 1830 bei einer Opernaufführung in Brüssel die Arie "Amour sacrée de la Patrie" angestimmt wurde, kam es zum Aufruhr. Verhandlungen zwischen dem Norden und Süden wurden aufgenommen, vermochten aber nicht zu verhindern, daß am 4. Oktober eine vorläufige Regierung die belgische Unabhängigkeit erklärte. Der Norden schickte Militär, das nach 10 Tagen die Belgier bezwang, aber als ein französisches Heer heranrückte, den Rückzug antrat.

Inzwischen hatte ein gewählter belgischer Nationalkongreß ein eigenes Königreich konstituiert. Die Thronbesetzung fiel nicht an einen Franzosen, wie von den Wallonen gewünscht, sondern wurde Leopold von Sachsen-Coburg-Gotha angetragen, der dann auch, nach der Heirat einer Tochter des französischen Königs, erster belgischer König wurde. 1839 erkannte König Wilhelm vertraglich Belgien an, wobei Limburg und Luxemburg geteilt und Belgiens "ewige Neutralität" festgelegt wurden.



Karte 3: Der niederländische Raum nach der Teilung von 1831/39

Hatten die Wallonen die Niederlandisierung verhindert, der auch die französischsprachige flämische Elite selbst abgeneigt war, brauchten die Liberalen den autoritären Charakter des Niederländischen Königtums und die Katholiken den protestantischen nicht mehr zu fürchten. Dennoch mußte all dies in Übereinstimmung gebracht werden.

Zunächst gab es keinen wirklichen Sprachenstreit, wenn auch die flämischsprachige Mittel- und Unterschicht nicht im Parlament vertreten waren (anders als die französisch sprechende Elite der Flamen). Die Angst vor einem Wiederaufflammen des Krieges mit den Niederlanden hielt Liberale und Katholiken in "Unionismus". Die Rolle des Königs bestand in der Mäßigung der Parteien beim Einfluß auf seine ernannten Minister.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts kam es zu einer regelrechten industriellen Explosion, dank Steinkohle und Eisenerz in Wallonien. Andere Industriezweige kamen dazu. Während so Wallonien wirtschaftlich erstarkte, blieb Flandern dagegen weit zurück. Belgien rückte auf den fünften Platz der handeltreibenden Nationen der Welt. Was ihm nicht die Auswüchse des Frühkapitalismus ersparte, mit sozial extremer Schieflage, Elend und Not im Arbeiterproletariat, schließlich Streiks und Arbeitskämpfe. Wo Errungenschaften dabei in anderen Industrieländern bereits eingeführt waren, kam es in Belgien erst relativ spät dazu.

Während der "Belle epoque" stieg Belgien zur Kolonialmacht auf. Die sehr spezielle Dramaturgie dabei war, daß ein Forscher 400 Stammeshäuptlingen in Schwarzafrika ihr Land abkaufte und an eine vom (ungeliebtesten) belgischen König Leopold II. gegründeten Gesellschaft stiftete. Als das betreffende Gebiet 1885 dann als Kongo-Staat (einschließlich Zaire) international anerkannt wurde, erklärte sich der belgische König zu dessen privaten (!) Eigentümer und Souverän und betrieb dann brutal dessen Ausbeutung. Erst 1908 bewirkte der Bericht einer internationalen Untersuchungskommission, daß der König das riesige Land an den Staat abtrat.

Flandern als Schlachtfeld Europas

Belgien blieb bis zum Ersten Weltkrieg (1914-1918) neutral, bis an dessen Ausbruch deutsche Truppen es fast völlig besetzten. Nach dem "Wunder an der Marne" folgte jahrelanger Stellungskrieg, bei dem vor allem Flandern und seine Städte, wie das mittelalterliche Ypern, schwer verwüstet wurden. Nach Kriegsende mußte Deutschland die deutschsprachigen Kreise Eupen, Malmédy und Sankt Vith, außerdem seine afrikanischen Gebiete, Deutsch-Ostafrika, Ruanda und Urundi, an Belgien abtreten.

Während des Ersten Weltkriegs hatten viele Flamen mit den deutschen Truppen kollaboriert. Später mußten viele von ihnen Belgien verlassen. Der Gegensatz zwischen Flamen und Wallonen begann in der "Flämischen Bewegung" nun stärker in den Vordergrund zu rücken. Belgische Truppen beteiligten sich als Verbündete Frankreichs an der Besetzung des Ruhrgebiets. Erst 1936 kehrte das Land dann zur Neutralitätspolitik zurück.

Schon kurz nach dem Krieg wurde in Belgien das allgemeine Wahlrecht für Männer eingeführt (für Frauen kam dieses erst 1948). Auch wurde Flämisch als zweite Amtssprache erlaubt. Die Flamen blieben weiter unzufrieden, verfolgten immer stärker eine Politik zu regionaler Einsprachigkeit und Unabhängigkeit. Die anschließende Wirtschaftskrise sorgte für politische Instabilität.

Wieder wurde die Neutralität Belgiens gebrochen, als im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) am 10. Mai 1940 deutsche Truppen erneut nach Belgien einrückten. Wieder gab es Kollaboration der Flamen mit den Deutschen. Doch deren Hoffnung auf ein großniederländisches Reich wurden enttäuscht. Auch unter den Wallonen gab es Kollaborateure, wo ein Agitator erfolgreich die "wissenschaftliche Erkenntnis" verbreitete, daß Wallonen Germanen waren! Insgesamt - nach der Kapitulation - wurde aber mit den deutschen Besatzern kooperiert. Allerdings rekrutierten sich auch Widerstandsgruppen gegen die deutsche Besatzung.

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie wurde Belgien rasch befreit, wenn auch die Ardennenoffensive noch einmal kurz die Wende versuchte. Nach dem Krieg wurden viele Kollaborateure bestraft und zum Teil auch hingerichtet. Die "Königsfrage" tauchte auf, weil Leopold III. vermutlich den Anschluß Belgiens an Deutschland betrieb, wobei Flamen und Wallonen dabei erneut in krassen Gegensatz gerieten. Der Bruder des Königs, Karl, Graf von Flandern, wurde zum Regenten eingesetzt. Nach einer Einladung durch die damals königsfreundliche Regierung kam Leopold III. 1950 nach Belgien zurück. Wallonien trat daraufhin in Generalstreik und bald gab es Tote. Schließlich verzichtete der König zugunsten seines Sohnes Baudouin auf den Thron.

Die Nachkriegszeit brachte einen wirtschaftlichen Aufschwung und Wohlstand und der Beitritt zur EWG und zur NATO enthob das Land der Isolation. Dennoch gab es auch Krisen, etwa innenpolitischer und sozialer Art. Über allem aber stand der Gegensatz zwischen Flamen und Wallonen, die nur im Schock über den Verlust der Kongo-Kolonie, nach dem Aufstand in Léopoldville (1959), noch einmal zu stärkerer Einmütigkeit fanden.

Sprachenstreit und Nationalitätenkonflikt

Das Thema Sprachenstreit und Nationalitätenkonflikt gestaltet sich äußerst komplex und soll daher auch nur kurz gestreift werden. Sein Ursprung liegt in der Staatsgründung Belgiens mit der Entscheidung für die Weltsprache des Französischen als Staatssprache. Zunächst bereitete dies keine Probleme, da die Wallonen wie die politisch maßgebliche flämische Oberschicht französisch sprachen. Für die nicht französisch sprechende Mittel- und Unterschicht der Flamen bedeutete dies, daß für Angehörige dieser amtliche Entscheidungen nicht zu verstehen waren, die flämischen Kinder im Unterricht nicht nachkamen, Verurteilte das Urteil nicht verstanden, das über sie gesprochen wurde u.v.m. Hieraus entwickelte sich die "Flämische Bewegung", um Flämisch als zweite Landessprache durchzusetzen, dabei von Streiks und Unruhen begleitet. Nachdem die Universtät Gent sich auf Flämisch als Wiissenschaftssprache umstellte, erfolgten erste Reformen, mit denen dann die Zweisprachigkeit anerkannt wurde.

Die Wallonen fürchteten die "Niederlandisierung", aber mehr noch die Vereinnahmung Belgiens durch die Niederlande, was auch nicht im Sinne der Flamen lag. So übte man sich zunächst auch noch in "Unionismus". Dann keimten doch zunehmend politische Strömungen auf, die die "nationalen Identitäten" zunehmend in den Vordergrund rückten. Und je mehr dabei die Flämische Bewegung an Bedeutung gewann, setzte sich dieser nun auch eine "Wallonische Bewegung" entgegen.

Die imaginäre Sprachgrenze quer durch Belgien wurde schließlich anerkannt. Und so kristallisierten sich auch die heutigen Regionen Belgiens heraus, bis diese mit der 2. Staatsreform von 1980 auch formal geschaffen wurden. Wo dann auch anstelle der Zweisprachigkeit die Einsprachigkeit in der jeweils vorherrschenden Sprache trat. Neben einsprachigen Regionen, wie Flandern (mit Flämisch) und Wallonien (mit Französisch) wurden dabei auch zweisprachige Mischgebiete gebildet, so vor allem mit Brüssel und dessen Umland. Wobei auch für die östliche deutsche Region (Eupen, Malmédy) Deutsch als dritte Landessprache anerkannt wurde. Die Regionen verfügen heute über weitestgehende politische Selbständigkeit durch eigene Regional-Parlamente, wobei die deutsche Region politisch an Wallonien angegliedert ist (siehe auch --->Karte 4 unten!)

Die ganze Entwicklung wurde vor allem auch durch wirtschaftliche Unterschiede überlagert. Zunächst bildete Wallonien mit seinem reichen Kohlevorkommen die Grundlage für den großen industriellen Aufstieg Belgiens, so daß dem reichen Wallonien das arme Flandern gegenüberstand. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sich flandrische Küstenstädte zu großen Seehäfen, während die wallonische Kohlenindustrie ins Hintertreffen geriet. So haben sich die Verhältnisse umgekehrt, indem nun das reiche Flandern das wirtschaftlich schwächere Wallonien dominiert.

Trotz der aus allem immer mal wieder aufkeimenden "nationalen Einheitssuche" der Wallonen mit Frankreich und der Flamen mit den Niederlanden, scheint dieser kein Erfolg beschieden, denn letztendlich befürchten beide "belgische Nationen" dabei ihren Einfluß nicht mehr so ausüben zu können, wie ihnen diesen der belgische Staat mit immer mehr Zugeständnissen für ihre regionale Selbständigkeit zugesteht. Insbesondere durch eine Anzahl durchgeführter Staatsreformen, mit denen die schon immer bestehenden imaginären Grenzen zwischen Flamen und Wallonen mit den nun auch bestehenden Regionen Flandern und Wallonien manifestiert wurden. Was letztendlich die ursprüngliche konstitutive Monarchie Belgiens auch zu einem föderalen Staat (mit König) mutieren ließ.

In Belgien geht der Spruch, daß die königliche Familie die einzigen "Belgier" seien zwischen all den Flamen und Wallonen. Während der König tunlichst darauf achtet, beiden Bevölkerungsgruppen gerecht zu werden, indem er etwa auch in ihren beiden Sprachen spricht, achten diese mit Argusaugen darauf, daß die jeweils andere Bevölkerungsgruppe nur nicht übervorteilt wird. Uralte Ressentiments in brachialer Ausdrucksweise, wie "wat waals is, vals is, slaat al dood!" kursieren dabei immer noch, wenn auch nicht mehr in wortwörtlichem Verständnis. Und womit wir das angeschnittene Thema auch wieder schließen.

Das heutige Belgien

Auf dem 33.000 Quadratkilometer großen Staatsgebiet Belgiens leben 10,9 Millionen Einwohner. Überwiegend handelt es sich dabei um Flamen mit dem größten Bevölkerungsanteil von 60%, dann um Wallonen mit etwa 39% Anteil und unter dem verbleibenden Rest von 1% vor allem um Deutsche. 89% der Bevölkerung sind Katholiken, nur 1% bekennt sich zur Union der protestantischen Kirche mit stärkerer Tendenz zur calvinistischen Lehre, deren Anhänger sich wiederum in mehr Strenggläubige (die etwa sonntags zweimal den Gottesdienst aufsuchen) und weniger Strenggläubige unterteilen. Etwa 6% gelten als konfessionslos.

Über die Nordhälfte Belgiens erstreckt sich die Region Flandern der flämisch sprechenden Bevölkerung, während der Region Wallonien bzw. Wallonie mit der französisch sprechenden Bevölkerung die Südhälfte Belgiens vorbehalten ist. Als viel kleinerer Teil liegt an der Ostgrenze Belgiens dann noch das deutsche Gebiet. Letztlich kommt die zweisprachige Region (flämisch, französisch) mit Brüssel als Landeshauptstadt  und Hauptstadt Europas mit dem Brabanter Umland dazu.



Karte 4: Belgien in seiner heutigen territorialen Gliederung: Flandern in der Nordhälfte (hellgelb) und Wallonien bzw. die Wallonie in der Südhälfte (rosa) mit der quer verlaufenden Sprachgrenze dazwischen; an der Ostgrenze, zu Deutschland hin, das deutsprachige Gebiet (rot) und schließlich noch das zweisprachige Brüssel mit dem brabanter Umland (hellrosa)

Zur Nomenklatur "Wallonen" bzw. "Wallonie"

Wir wollen nachfolgend den Bezeichnungen "Wallonen" und "Wallonie" einmal intensiver nachspüren, woher die Bezeichnungen kommen und was sie bedeuten. Ein nicht ganz so einfaches Unterfangen. Denn selbst in umfangreicheren literarischen Werken zur belgischen Geschichte besteht überwiegend die Gepflogenheit, die relevanten Bezeichnungen kommentarlos nur einfach zu gebrauchen, allenfalls vielleicht auch noch zu offerieren, daß unter Wallonen die französisch sprechende Bevölkerung der "Wallonie" zu verstehen ist.

Auch in gediegenen Wörterbüchern bleibt es in der Regel bei sehr knappen Ausführungen darüber. Erst ein Hinweis im Internet (flaggenlexikon.de) bringt uns auf eine Spur, wenn es dort heißt:

"Wallonisch Waloneye, flämisch Waal, deutsch Wallonien. Wallonien, autonome Region in Belgien. Eigenbezeichnungen: französisch Wallonie. Ursprung des Landesnamen: Der Name "Wallonien" oder die Bezeichnung "Wallonen" für die französischsprachigen Belgier geht auf das gemanische Wort "welsch" zurück, was "fremd" heißt. So wurde alles bezeichnet was nicht germanisch war."

Die Erläuterungen erscheinen auf den ersten Blick durchaus zielführend, geben aber auch Anlaß zur Irritation. Wie wir nämlich der Geschichte Belgiens entnehmen können, besteht die Region "Wallonie" in der Südhälfte des Landes formal erst seit der 2. belgischen Staatsreform von 1980 (s.o). Davor gab es formal diese Region noch nicht bzw. deren Bezeichnung als "Wallonie". Bis 1980 waren sämtliche Provinzen bzw. Territorien auf dem belgischen Staatsgebiet mit anderen Namen belegt, nie fand sich unter diesen der Name "Wallonie" darunter! Flandern dagegen, als die heutige große flämische Nordregion Belgiens mit der größten Population der Flamen, bildete schon immer ein Territorium Belgiens mit entsprechenden namentlichen Bezeichnungen. So scheint auch die ältere Verwendung des Begriffes "Wallonie" weniger im Sinne von territorial, als vielmehr im Sinne von völkisch zu verstehen zu sein, nämlich auf das dort überwiegend lebende Volk der Wallonen bezogen.

Die im 16. Jahrhunder nach St. Lambrecht eingewanderten Wallonen kamen folglich aus einem belgischen Landesteil, der offiziell (noch) nicht "Wallonie" hieß, sondern einen anderen Namen trug. Diesen Landesteil benamten die dort lebenden Wallonen vielleicht nur gewohnheitsmäßig in ihrer eigenen Sprache als "Waloneye", in nur mündlicher Tradierung, bis dann erst sehr spät die "Wallonie" als offizielle Bezeichnung für ihre Lebensregion entstand und dann auch als in festen Grenzen bestimmtes südliches Territorium Belgiens.

Interessant ist dabei, daß in Mittelholland ein Fluß den Namen "Waal" trägt (s.o. Karte 3). Genauer handelt es sich um die (weiblliche) "Waal", welche Küstenerosion um das Jahr 1000 (wohl aus einem zuvor kleineren Gewässer) entstehen ließ.  Der Name der "Waal" bedeutet im Flämischen "Wallonie" bzw. im Niederländischen "Wallone" (s.o. und Online-Wörterbuch Niederländisch-Deutsch). Vielleicht ein Fingerzeig auf ein früheres ursprüngliches wallonisches Gebiet, das sich einst an den Ufern der "Waal" entlang erstreckte oder von dieser durchflossen wurde und ihr den Namen gab? Weitere Deutungen ihres Namens wie etwa von lat. Vahalis oder älter Vacalus (=explizit auf die "Waal" als linker Mündungsarm des Rheins bezogen) aus keltisch Vocalus (womit nur das kleinere Vorgewässer der "Waal" gemeint sein kann!), lassen den Fingerzeig wohl schon mehr als Wink mit dem Zaunpfahl erscheinen!

Desweiteren findet sich im Niederländischen (Online-Wörterbuch Niederländisch-Deutsch) auch der Ausdruck "Waals Gewest" (het.) pol. 'Wallonische Region'. Vielleicht ein weiterer Fingerzeig auf ein möglicherweise früheres Bestehen einer solchen auf niederländischem Gebiet? Nun, beide vermeintliche Fingerzeige lassen sich leider nicht weiter erhärten, mangels Zugriffsmöglichkeit auf einschlägige Quellen bzw. Spezialwissen dazu, lassen aber dem Verdacht durchaus Raum, daß das ursprüngliche Gebiet der Wallonen sich möglicherweise doch auf holländischem Gebiet befunden haben könnte, wo dann vielleicht der Druck durch die germanische Infiltration (s.o.) deren Ausweichen nach dem unmittelbar benachbarten belgischen Gebiet im Süden bewirkt haben könnte. Wie dem auch sei, letztlich müssen wir uns an diesem südbelgischen Gebiet orientieren, wo dann auch nach der Lambrechter Chronik der Herkunftsbereich der nach St. Lambrecht eingewanderten Wallonen verortet wurde, nämlich im westlichen Teil der "Wallonie", etwa zwischen Lüttich und Verviers (auch Huy/Houy) mit dem Umland dazwischen bzw. mit demselben drumherum.

Konzentrieren wir uns nun aber wieder auf die obigen Erklärungen, wo es heißt, daß "welsch" als Ursprung für "Wallonie bzw. Wallonen" gilt. Wie wir aus der Geschichte Belgiens (s.o.) haben entnehmen dürfen, bestand die Urbevölkerung Belgiens (bzw. des nördlich angrenzenden niederländischen Raumes) aus Kelten, die romanisiert wurden. Diese standen davor in engster Nachbarschaft mit den Germanen bzw. kamen gegen Ende der römischen Herrschaft durch deren Infiltration (s.o.) über längere Zeit in engsten Kontakt mit diesen. Was dann auch bei den Wallonen als Teil dieser Urbevölkerung Spuren hinterließ, indem etwa ihre Sprache auch von Worten geprägt wurde, die germanischen Ursprungs sind, so im sprachwissenschaftlichen Nachweis!

Von daher kann auch dem germanischen "welsch" (s.o.) durchaus Bedeutung für die Bezeichnungen "Wallonie bzw. Wallonen" zukommen. Allerdings ist die knappe Erläuterung als "fremd" und worunter alles zu subsumieren sei, "was nicht germanisch ist", nicht so ohne weiteres hierfür nachvollziehbar. Deutlicher werden da schon die Ausführungen in Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, DTV, 5. Aufl. 2000, wo bzgl. "welsch" mitgeteilt wird:

"welsch Adj. 'romanisch', bes. 'italienisch', allgemeiner 'aus südlichen Regionen, aus dem romanischen Bereich (bes. Italien, Frankreich, Spanien) stammend', ahd. wal(a)hisc (11. Jh.), mhd. walhisch, welhisch, nl. waals 'wallonisch',... Das Adjektiv ist von einem in ahd. Wal(a)h 'Romane' (9. Jh.), mhd. Walch, Walhe 'Romane, Italiener, Franzose',... belegten Substantiv abgeleitet, das aus dem Namen eines keltischen, den Germanen benachbarten Volkes unbestimmter Herkunft hervorgegangen ist (lat. volcae, germ. *Walhös). Noch vor der ahd. Lautverschiebung (eig. Anm.: kons. von 'a' nach 'e') übernommen, bezeichnet er zunächst die Kelten, dann die durch die Eroberung der Römer entstehende romanische Bevölkerung in Gallien.. welsch steht daher für 'romanisch'... für 'französisch'..." (und in eig. Ergänzung wie zuvor ausdrücklich auch für 'wallonisch'!).

Vorige Erläuterungen lassen die Abfärbungen vom Germanischen nach dem Wallonischen gerade am germ./ahd. "welsch" zu "wallonisch" und dann weiter zu "Wallone, Wallonie" gut erkennen (vgl. auch flämisch Waal für "Wallonie", nl. waals für "wallonisch). Wobei dieser Fall nicht der einzige in der wallonischen Sprache darstellt, wie oben schon angesprochen. Und wenn wir schon bei der Sprache der Wallonen angekommen sind, so weist diese weitere Besonderheiten auf, wie auch viele flämische Lehnwörter, mundartliche Besonderheiten wie "Waloneye" für französisch "Wallonie", woraus besonders deutlich wird, daß die Wallonen ihre frankophone Mundart gegenüber dem Französischen präferieren (wie bei allen Mundarten gegenüber ihren Hochsprachen) und desweiteren auch dessen typischen Nasalleute gerne unterdrücken (frz. maison - wall. maiso).

Von daher gilt die Sprache der Wallonen in der sprachwissenschaftlichen Einordung auch als französischer Dialekt (mit wiederum regionalen und lokalen Unterdialekten!). Wobei hier noch anzumerken ist, daß es in Frankreich früher sehr viele Dialekte gab, die aber im Zuge einer zentralistischen Politik zugunsten der französischen Hochsprache, dem "Parisien", weitestgehend verdrängt wurden. Die Wallonen waren in ihrer Geschichte zwar auch Frankreich zugehörig, waren aber dabei nur für relativ kurze Zeit dem besagten Verdrängungsprozeß ausgesetzt. D. h., ihre wallonische Sprache konnte sich von daher in ihrer ursprünglichen Art auch weitestgehend erhalten. Wobei die Wallonen ihr Wallonisch nur unter sich sprechen, im familiären Bereich, bei besonderen Anlässen in der Pflege ihrer Kultur und ihres Brauchtums oder ihrer Identität. Ansonsten meiden sie es in der Öffentlichkeit, weil sie hierfür auch oft Spott und Hohn ernten.

Auf welchen Wegen gelangten die Wallonen nach St. Lambrecht

In der Lambrechter Chronik (Seite 198) wird ein direkter (Flucht-) Weg der Wallonen nach St. Lambrecht beschrieben: "...auf beschwerlichen Umwegen durch die rauhen und armen Gegenden der Ardennen und der Eifel über Delfzijl, Emden und Cleve, rheinabwärts... unmittelbar in die Kurpfalz". Aber auch andere Wege kamen hierfür infrage. So etwa über Frankfurt, das sich bei der Massenflucht der Glaubensflüchtlinge in dieser Zeit zu einem Drehkreuz entwickelte (auch für die Hugenotten nach der Bartholomäusnacht von 1572). Hier versammelten sich ganz vorwiegend, um Zwischenstation zu machen, die Wallonen in großer Zahl, tauschten untereinander ihre Erfahrungen aus und berieten darüber, wie es weitergehen konnte. Auch weil wohl von Frankfurt aus der Flüchtlingsstrom koordiniert wurde.

Denn so wird in der Geschichte der J. J. Marx GmbH (2), Seite 40, berichtet, daß im Sommer 1562 (!) etwa 60 Wallonen nach Frankenthal aufbrachen, Aufzeichnungen in Frankenthal bei weitem aber nicht alle Namen der damals von Frankfurt aufgebrochenen Wallonen enthielten. Demnach scheint nur ein Teil dieser Wallonen auch tatsächlich in Frankenthal angekommen zu sein, während ein größerer Teil davon wohl dirket nach St. Lambrecht weitergezogen war. Wo Kurfürst Friedrich III. den Wallonen (allgemein) das leerstehende Kloster als neue Heimstatt zur Verfügung stellte.

Friedrich III. gewährte diese Unterstützung, weil er selbst ein Anhänger der calvinistischen Glaubenslehre war. Weshalb er auch im niederländischen Aufstand gegen Alba (s.o.) für seine Glaubensbrüder zu militärischem Beistand bereit war, dabei in Allianz mit dem später hingerichteten Grafen Egmond, der zwar selbst kein Calvinist war, vielmehr die Interessen des hohen Adels vertrat, aber mit dem Friedrich verschwägert war!

Wie hießen die Wallonen mit Namen?

Aus den Walkbüchern der Follerie au Pont, der 1570 von den Wallonen errichteten Walkmühle an der Brücke (siehe--->Mühlen), können wir die Namen einger Wallonen, soweit die verschnörkelte Schrift es zuläßt, entnehmen. Wir finden dort etwa Condeur, du Bois, Gramont/Gramon, Remacle, Remich, Simon. Andere Quellen führen weitere wallonische Namen, wie Dieu, Doursy, Fullon, Paquet, Renard, Sureau, Thiebault, an. Auch der Name Houy dürfte wallonisch sein.

Letzterer scheint sich bis heute noch in einem Lambrechter Nachbarort erhalten zu haben und dürfte auf den Herkunftsort Huy in der belgischen Wallonie verweisen. Simon ist auch heute noch ein in Lambrecht vorkommender Name mit womöglich wallonischen Wurzeln. Auf die Eindeutschung von Remacle zu Marx wurde bereits oben verwiesen. Auch andere wallonische Namen wurden eingedeutscht, etwa Dieu zu Gott, Fullon zu Walcker, Paquet zu Oster, Renard zu Fuchs, Sureau zu Sauerbrunn, Thiebault zu Theobald. Träger dieser deutschen Namen, besonders mit familiären Bezügen zu ehemaligen wallonischen Exilantengemeinden (in der Pfalz Lambrecht, Frankenthal und Otterberg) könnten also durchaus wallonische Gene aufweisen, wie gewiß auch noch eine unbestimmte Anzahl weiterer, mit noch unentdecktem wallonischen Anteil in ihren Adern.

Vers. 1.0 (01.01.2016)

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Zu den verwandten Themen auf dieser Homepage:

--->Die Lambrechter Tuchmacherei

--->Die Walkmühle an der Brücke (unter--->Mühlen)

--->Die alte Färberei (Blaufärberei)

--->Das Zunfthaus an der Wallonenstraße

Literatur:

1) 1000 Jahre Lambrecht - Chronik einer Stadt, Dr. Ernst Collofong und Hans Fell, Edeldruck-Verlag
    Lambrecht 1978 (Lambrechter Chronik);
2) Fritz Metzinger, Vierhundert Jahre am Webstuhl der Zeit - Die Geschichte der J. J. Marx GmbH, 1985
    (Geschichte der J. J. Marx GmbH);
3) Jörg Schiilling/Rainer Täubrich, Belgien, BecK'sche Reihe Aktuelle Länderkunde, Verlag C. H. Beck
    München 1990;
4) Michael Erbe, Belgien-Niederlande-Luxemburg - Geschichte des niederländischen Raumes, Verlag W.
    Kohlhammer, Stuttgart Berlin Köln, 1993;