Das Zunfthaus - einst Zentrum St. Lambrechts und der Tuchmacherzunft

Das sog. Zunfthaus (auch Patrizierhaus) in der Wallonenstraße 11 stellt neben dem gleichaltrigen Gebäude "Küfer-Wolf" (Karl-Marx-Straße 14) das älteste noch erhaltene profane Gebäude in Lambrecht dar. Mit seiner städtebaulich markanten Eckposition zur Gerberstraße entfaltet es eine beherrschende Wirkung und bildet zugleich mit der nahen Klosterkirche, mit ihrer dem Zunfthaus zugewandten Apsis im 5/8tel-Schluß, ein besonders eindrucksvolles Ensemble.

   Das Zunfthaus in Lambrecht: Blick auf die Westfassade (linkes Bild) und die südliche Giebelwand sowie die Ostfassade mit ihren Loggien (rechtes Bild)
  

Über einem Bruchstein-Gewölbekeller aus dem Jahr 1606 wurde das Zunfthaus im Jahr 1607 als mächtiger, dreigeschoßiger Fachwerkbau in "Rähmbauweise" aufgeführt. Der Fachwerkbau geht schon auf germanische Zeit zurück, als für den Häuserbau hölzerne Pfosten, in der Fachwerksprache "Ständer" genannt, in den Boden eingelassen und diese mit Querhölzern verbunden wurden, worauf dann das Dach aufgelegt wurde. In dieser Weise waren nur eingeschoßige Bauten zu errichten, insoweit für mehrgeschoßige Bauten durchgängige Ständer vonnöten gewesen wären. Die spätere Entwicklung führte deshalb zur Rähmbauweise, die den Vorteil bot, daß die Ständer für den mehrgeschoßigen Bau nur die Länge der Stockwerkhöhe aufweisen mußten. Indem nämlich auf deren oberste Querverbindung die das Stockwerk abschließenden Deckenbalken (überstehend) aufgelegt wurden, auf deren Enden dann eine durchgängige "Schwelle" gelegt wurde, zur Aufnahme der Ständer des nächsten Stockwerks. Diese als "Rähm" bezeichnete Schwelle gab dieser Bauweise mit ihren typisch überkragenden Stockwerken dann auch ihren Namen.

Das einstöckige germanische Fachwerk gestaltete sich in seiner Anordnung von nur senkrechten und waagrechten Hölzern als recht schlicht. So erschien das von den Hölzern umrahmte "Fach" (daher der Name "Fachwerk") dort als einfache Fläche ohne Besonderheit darin (Beispiele auch am Zunfthaus vorhanden!). Die Rähmbauweise stellte dagegen vor allem hinsichtlich ihrer mehrstöckigen Ausführung höhere Anforderungen, so insbesondere in der Statik.

So sind in ihrer Optik, neben senkrechten und waagrechten Hölzern, auch schräge Hölzer, sog. "Streben", in unterschiedlichen Kompositionen auszumachen. Die Fächer sind kaum noch schlicht ausgefacht, sondern enthalten eine hölzerne Gliederung. In ihrer Wiederholung kristallisieren sie sich als Stilelemente heraus, die dem Bau eine optisch besonders reizvolle Wirkung verleihen. So sehr sie sich uns so aufdrängen, erfüllen sie doch dabei auch die Funktion, zur notwendigen Statik des Baues beizutragen.

Am stärksten demonstrieren dies die "wilden Männer", wie etwa im Zentrum der traufständigen Westfassade. Mit stämmigem "Rumpf" (Ständer) stehen sie mit breiten "Beinen" (nach unten seitlich auslaufenden Streben) auf ihrem "Rähm" und drücken ihre kräftigen "Arme" (nach oben seitlich gerichteten Streben = Kopfwinkelhölzer) nach oben, um, wie Atlas die Säulen mit Himmel und Erde, hier das obere Stockwerk (bzw. Dach) zu stemmen. Ein "Halsriegel" leiht ihnen zusätzliche Kraft. Statisch stellen sie das stärkste Element dar, indem vor allem die Streben seitlichen Verwindungen der Ständer und somit des gesamten Fachwerkgerippes "entgegen streben" und so alles in der optimalen senkrechten Position halten.

Links und rechts des Fensters, mit dem Medaillon darunter, präsentiert sich je ein "wilder Mann" als statisch stärkstes Element des Fachwerks

Nicht von ungefähr heißt die "Figur" darum auch "wilder Mann", denn dieser kommt als große und kräftige Gestalt in den Mythen aller alten Kulturen vor. Dort steht er für Stärke und Schutz. Übertragen auf die "statische Figur" des Fachwerks, symbolisiert diese somit auch hier diese Eigenschaften des mythischen "wilden Mannes" und soll diese so an den Bau weiterleiten.

Auch die hölzernen Gliederungen in den Fächern erfüllen zunächst eine statische Funktion, da ihr Grundelement die Strebe ist, also ein schräggestelltes eingezapftes Holz zum Erhalt der vertikalen Position der Ständer. Gegenläufig zur Überkreuzung gebracht, bilden sie das "Andreaskreuz", das häuftigste Stilelement des Fachwerks. In der schlichtesten Form stellt dieses ein "X" dar. In der Fassade des Zunfhauses treffen wir auf die geschwungene Variante, z. T. mit Nasen besetzt, wie auch auf die "Mehrfachvariante" mit ihrem einer Ansammlung von Rauten ähnelndem Aussehen.

Zwei "geschwungene Andreaskreuze" rahmen ein aus gebogenen Streben waag- und senkrecht gekreuzt erscheindes Kreuz ein

Auch dem Andreaskreuz wird neben seiner statischen Funktion eine Symbolik zugeschrieben. Der Apostel Andreas soll an einem solchen Kreuz gekreuzigt worden sein (woher auch seine Bezeichnung kommt). Als Element im Fachwerkbau drückt dieses so eine besondere Frömmigkeit seiner Bewohner aus. Wobei hier als erste unter diesen wohl die Erbauer des prachtvollen Gebäudes anzuführen wären, verewigt im über dem Eingangsportal befindlichen Medaillon mit den Initialen "HTK" und "MK" darin, sehr wahrscheinlich für Heinrich Klignet und dessen Frau (siehe Abb. "wilder Mann").

Hervortretenstes Teil des Gebäudes - im wahrsten Sinne des Wortes - ist sein polygonaler und beide Obergeschoße einnehmender Eckerker, den ein oktogonaler Spitzhelm bekrönt (siehe Bilder oben). Er stützt sich auf mit "Voluten und Beschlagwerksornamenten verzierten Bügen", die wiederum auf einer Eckkonsole aufsetzen, die zur "Maske mit der Jahreszahl 1607" darüber ausgebildet ist.

   Die den polygonalen Eckerker abstützenden und mit "Voluten" und "Beschlagwerksornamenten" verzierten "Bügen" (Bild links), die ihrerseits auf einer Eckkonsole aufsetzen, welche zur - mit "Voluten" umrahmten! - "Maske" ausgebildet ist (Bild rechts)
  

In der antiken Architektur Griechenlands bildeten "Voluten" (lat. das "Gerollte") ein beliebtes Zierelement für die Kapitelle (lat. das "Haupt", d. h. der obere Abschluß) von Säulen, speziell in der ionischen Form, an Tempeln und öffentlichen Bauten (z.B. Pergamonaltar). Sie leiteten sich von der "Papyrus-Rolle" ab, dem antiken Buch als der antiken Verkörperungsform allen Wissens und aller Weisheit. Dem griechischen Bürger, der damit gezierte Gebäude aufsuchte, besagten sie, daß er in diesen belesene und gebildete Menschen mit hohem Wissen und Verstand vorfinden würde. Und so wurden Voluten als Symbol für den menschlichen Geist zu einem festen Bestandteil der abendländischen Architektur, wo sie sich bis heute erhalten haben. Beim Zunfthaus symbolisieren sie in Form von "umgewendeten Rollen" die Gebildetheit und den Geist seiner einstigen Bewohner.

Als "Beschlagwerksornamente" erscheinen auf der Mittelbüge unter dem Erker schön gleichförmig gebänderte "Schuppenmuster". Dieses ist kein Schnitzwerk, wie man zuerst vermuten möchte, sondern ein "Prägewerk". Am besten vergleichbar mit dem alten Schlagen von Münzen, wo mittels eines Prägestempels auf einen Münzrohling geschlagen und so das im Stempel eingravierte Muster auf die 'Münze' übertragen wurde. Nach dieser Methode schlug man im Mittelalter mittels eines Prägeeisens auch Muster in das hölzerne Fachwerk, wobei diese so ansatzlos angereiht werden konnten, daß damit in relativ kurzer Zeit meterlange Ziermusterbänder in das Holz "geprägt" werden konnten.

Bei der "Maske" handelt es sich um einen "Neidkopf", mit Ursprung bei den Kelten. Letztere pflegten die makabre Sitte, nämlich die abgeschlagenen Köpfe ihrer getöteten Feinde an der Grenze ihres Hausgrundstückes aufzuhängen. Dies sollte Feinde abschrecken, galt aber auch als Glück und Heil, gewonnen aus der Macht über Seele und Geist des getöteten Feindes. Daraus entstand die Tradition der Köpfe, Masken, Fratzen usw., wie wir sie vor allem an mittelalterlichen Gebäuden noch häufig antreffen. Der Neidkopf ist ein Typ davon, der den Neid anderer etwas besänftigen sollte. Dazu streckte er den Neidern in der Regel die Zunge entgegen, was wohl einen unter diesen dazu provozierte, dem Lambrechter Neidkopf die Zunge zu entfernen, was ihn heute mit "zahnloser Mundhöhle" dreinblicken läßt (siehe oben).

Als repräsentatives Gebäude diente das Zunfthaus als Rathaus der Gemeinde St. Lambrecht und als Zentrum der Tuchmacherzunft. In seiner für die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts nachweisbaren Wirtschaft mit Namen "Farbkipp" (= "Farbküpe") reflektiert sich der Betrieb der alten St. Lambrechter "Blaufärberei" in seinem großen "Gewölbekeller", wo heute noch einzigartige "eiserne Konstruktionen" an der Gewölbedecke davon zeugen. (Siehe nachfolgend ---> "Die alte St. Lambrechter Tuchfärberei")

Blick in den großen Gewölbekeller des Zunfthauses mit seinen "eisernen Konstruktionen" an der Gewölbedecke als Reste der ehemaligen St. Lambrechter Tuchfärberei

Bereits im 18. Jahrhundert wurde der Fachwerkbau unter Putz gelegt. Nachdem dann 1952 die Stadt das Zunfthaus erworben hatte, wurde im Jahr darauf das Fachwerk wieder freigelegt, so daß sein eindrucksvolles ursprüngliche Aussehen wieder zum Vorschein kam. Wasserschäden stellten sich ein, die durch unsachgemäße Reparatur diese noch verstärkten. Diese wurden schließlich derart akut, daß etwa der obere Teil der Westfassade sich nach außen verschob, bis er nur noch 4-5 cm Auflage aufwies und darum abzustürzen drohte! Womit eine gründliche Sanierung des Zunfthauses dringenst geboten war, die dann ab 2002/3 mit akribischer Planung angegangen und 2005/6 mit Ausführung der Hauptarbeiten dann auch zum Abschluß gebracht wurde.

Neben der Stabilisierung der maroden Fassadenteile durch teilweise komplette Herausnahme und Neuaufbau, mußten vor allem die auf der westlichen Traufwand auffußenden unteren Enden der Dachsparren, die überwiegend angefault waren, zum Teil so sehr, daß sie schon ihre Verbindung eingebüßt hatten, neu "befußt" werden. Weshalb ihnen fast durchweg "neue Füße" samt "Aufschieblingen" aus gut erhaltenem "Altholz" angesetzt wurden. Auch wurden Streben neu ersetzt, die nach alter Art verzapft und mit Holznägeln fixiert wurden. Desweiteren erfolgten Rückbauten, wie etwa von Wänden, die nicht zur ursprünglichen Raumgliederung des Baues gehörten.

Das Bild zeigt die Dachsparren mit ihren "neu angesetzten Füßen" mit den "Aufschieblingen" darüber sowie eine Strebe (schräger Balken linke Bildhälfte), der an einen alten Balken angezapft und mit Holznägeln fixiert ist

Die Arbeiten offenbarten dabei auch die eine oder andere Überraschung. So als etwa schöne alte "Stuckbänder" frei gelegt wurden, u.a. mit kunstvollen "Geißbockköpfen" darauf. Oder etwa auch bei der akribischen Spurensuche nach der ursprünglichen Farbe des Zunfthauses, wo die Analyse von Proben ergaben, daß das Gebäude während seines 400-jährigen Bestehens 14 Farbanstriche erhalten hatte, wobei der erste in "Ochsenblutrot" ausgeführt war, was dann auch für die heutige Farbgebung des Zunfthauses zur Grundlage wurde.

Teil eines wieder frei gelegten alten "Stuckbandes" mit kunstvollen "Geißbockköpfen" darauf

Zuletzt wurde der Gewölbekeller neu gestaltet und 2006 als Ratsaal der Stadt Lambrecht in Dienst genommen. Womit das Zunfthaus nun auch komplett zum neuen repäsentativen Rathaus der Stadt geworden war, mit Diensträumen im ansprechenden Stile des 19. Jahrhunderts, mit einem schmucken Hochzeitszimmer sowie Ausstellungsräumen, wie der Palaten- und Weberstube, darin. Und so unterstreicht nun auch diese neue und seitdem aktuelle Nutzung das prachtvolle und überaus sehenswerte Zunfthaus als denkmalgeschützter, überregional bedeutender Fachwerkbau.

   

In der "Palatenstube" (Bild links) sind Exponate von Studierenden an der ehemaligen Lambrechter Fach- und Textilingenieurschule, der sog. "Webschule", ausgestellt, die sich 1959 zur freien Burschenschaft "Textilia in Palatia" zusammengeschlossen hatten und sich abgekürzt als "Palaten" bezeichneten, während in der "Webstube" (Bild rechts) Exponate aus der Lambrechter Tuchweberei zu sehen sind, so u.a. kunstvoll gewebte "Jacquard-Webbilder"

(Beitrag v. 05.07.14, Vers. 1.2)

  

Die alte St. Lambrechter Tuchfärberei

Im Gewölbekeller des Zunfthauses (siehe oben --->Abbildung "Blick in den großen Gewölbekeller des Zunfthauses...") betrieben die St. Lambrechter Tuchweber einst ihre "Blaufärberei" zum Färben ihres Tuchs. Wahrscheinlich unmittelbar nach der Errichtung des Zunfthauses im Jahr 1607 bis zur Ablösung durch eine leistungsstärkere industrielle Tuchfärberei einer 1854 gegründeten Färbergesellschaft. Womit die Betriebsdauer der alten St. Lambrechter Tuchfärberei bis zu etwa 250 Jahre umfaßte.

Die Existenz dieser Tuchfärberei belegen, neben einer mundartlich "Zur Farbkipp" (hd. "Zur Farbküpe") benamt gewesenen und im Zunfthaus ehemals existierenden Wirtschaft, eine Anzahl Befunde, wie diese für das mittelalterliche vorindustrielle Färben von Tuch typisch erscheinen. Voran der "Gewölbekeller" selbst, mit seinen horizontal wie vertikal idealen Ausmaßen zur besten Eignung für das Praktizieren des alten Färberhandwerks.

Vor seiner Umgestaltung zum Ratssaal (2005/6) prägte diesen noch sein Originalzustand aus ganz natürlichem Sandstein, mit dem ursprünglichen "Sandsteinboden" darin. Durch absolut gleichförmige Sandsteinplatten geebnet, bot letzterer eine ideale Arbeitsfläche für den Umgang mit den zum Färben benötigten flüssigen Massen mit dem "Indigo" darin, dem Färbemittel der Blaufärber. Zweckgemäß verlief genau in seiner Mitte und über seine gesamte Länge eine "Rinne mit Ablauf" zur Gerberstraße hin. "Quadratische Abdrücke" markierten Stellen, wo die Füße "vierbeiniger Gestelle" auf dem Boden aufsetzten, als typische Unterbauten von "Farbküpen". Der Größe ihrer Abdrücke nach trugen sie Küpen, die eine "Färbeflotte" um 900-1000 Liter zu fassen vermochten.

Allen angeführten Befunden auf und im Boden wurden bei dessen Erneuerung im Rahmen der oben angeführten Umgestaltung leider ihre Sichtbarkeit genommen. Dagegen können wir an der Gewölbedecke des Kellers noch "eiserne Konstruktionen" erblicken, die als "Multifunktions-instrumente" der Handhabung des Färbens dienten. Als hier noch original erhaltene Relikte einer mittelalterlichen Färberei sind diese einmalig, insoweit sie in ihrer Art selbst bundesweit nirgendwo sonst noch vorfindbar erscheinen!

In ihrer Gesamtheit bieten die angeführten Befunde eine gute Grundlage für eine der Realität durchaus nahekommende Rekonstruktion der alten St. Lambrechter Tuchfärberei (siehe nachfolgend). Demnach standen im Gewölbekeller "mindestens fünf Küpen" zum Färben des Tuchs. Dieses wurde nach dem Walken und Waschen immmer am Montag (daher der "blaue Montag") gefärbt. Die wichtigste Handhabung bestand dabei im "Anheften des Tuchs" an die spitzen "Haken von eisernen Stern- und Küpenreifen", die an den eisernen Deckenkonstruktionen über den Küpen hingen. Über "Seile" konnten diese dann abgelassen werden und so mit dem Tuch daran in die Küpen eintauchen. Das Tuch kam somit in "Färbeposition" und konnte dann den Indigo in den Färbeflotten aufnehmen.

War das Tuch genügend vom Indigo gesättigt, zog man den Stern- und Küpenreifen mit dem Tuch wieder nach oben, wodurch "überschüssiges Färbebad" im Tuch in die Küpen zurückfließen bzw. abtropfen konnte. Ließ in dieser "Abtropfposition" das Abtropfen zusehends nach, wurde das Tuch "blau geschlagen" und so der Abtropfvorgang beschleunigt. Wo andernorts dafür mit einem Stock direkt gegen das Tuch geschlagen wurde, präferierte man in St. Lambrecht wohl eine adäquate "eigene Technik für berührungsloses blau Schlagen" des Tuchs, um dieses möglichst nicht zu verletzen.

Nach dem Abtropfen wurde das Tuch von den Stern- und Küpenreifen genommen, dabei über hölzerne Rundstangen gehängt, die dann mit dem Tuch daran in die "runden Enden der Ankereisen" zwischen zwei benachbarten eisernen Deckenkonstruktionen eingelegt werden konnten. Womit das Tuch in der "Nachtropfposition" hing, wo sich auch noch "letzte Farbreste" vom Tuch lösen konnten. Danach wurde das Tuch wieder abgenommen und auf die "Trockenwiesen auf dem Sommerberg" verbracht. Dort auf "hölzerne Gestelle" gehängt, erfolgte schließlich das "Trocknen", insbesondere aber das "Vergrünen" des Tuchs als eigentlicher Prozeß des Blaufärbens. Indem nämlich durch "Oxydation des Indigos" an der Luft das vom Färbebad - wegen dessen Anteil an reduziertem gelblichem Indigo - mehr "grün erscheinende" Tuch nun erst "in Blau umschlug" und so auch erst zu "blauem Tuch" wurde!

Rekonstruktion der alten St. Lambrechter Tuchfärberei (Abb. 1):


Die Abbildung zeigt den Gewölbekeller des Zunfthauses: in seinem ursprünglichen Zustand (in natürlichem Sandstein). In der Bodenmitte ist die "Rinne" mit "Ablauf" zur Gerberstraße (an der hinteren Wand mit dem Fenster) zu erkennen. Im Raum stehen fünf "Farbküpen" auf "Vierbein-Gestellen" mit jeweils einem "Feuerkorb" darunter, zur Erwärmung des Färbebades. An der vorderen Küpe rechts ist ein Färbermeister gerade dabei, an die Haken eines "Stern- und Küpenreifens", der über der Küpe an einer "eisernen Konstruktion" aufgehängt ist, ein Tuch zum Färben anzuheften. Nachdem das Tuch fertig angeheftet ist (siehe hinten links), ist das Tuch bereit, um mit dem Stern- und Küpenreifen in die "Küpe" mit dem "Indigo" darin zum Färben (="Färbepostion") abgelassen zu werden (mittlere Küpe rechts). Nachdem das Tuch genügend Indigo aufgenommen hat, wird es dann wieder aus der "Küpe" gezogen (hinten rechts), um über der "Küpe" hängend abtropfen zu können (= "Abtropfpostion"). Zur Beschleunigung des "Abtropfens" wird das Tuch dabei "blau geschlagen" (in der St. Lambrechter Tuchfärberei wohl nicht durch allgemein dafür üblich gewesenes dagegen Schlagen mit dem Stock, sondern mittels eigener "berührungsloser" Technik, zum Schonen des Tuchs). Nach Abnahme vom Stern- und Küpenreifen wird das Tuch dann an "Stangen" zum "Nachtropfen" aufgehängt und schließlich auf die "Trockenwiesen" verbracht, um dort zu trocken und insbesondere zu "vergrünen"!


Der Prozeß des "Vergrünens"
(Abb. 2)


Das Bild von einer Vorführung des "Blaufärbens" durch aktive Mitglieder einer IG Historisches Handwerk zeigt ein frisch gefärbtes und gerade aus der (Blau-) Küpe genommenes und daher noch tropfendes Tuch, das eindeutig "grün" erscheint, gemäß der "grünen Eigenfarbe des Färbebades", welche das Tuch zunächst übernommen hat (siehe Text oben). Erst durch die "Oxydation des "Indgo" an der Luft beginnt über das "erste Grünen" das "Grün" aus dem Tuch zu weichen und dafür "Blau" an seine Stelle zu treten, was dann im weiteren Fortschritt zum "Vergrünen" als deutliches "Umschlagen in Blau" führt, an dessen Ende das Tuch dann auch wirklich zu einem "blauen Tuch" wird (wie am Zelt dahinter!). Zum "Vergrünungsprozeß" sei an dieser Stelle auf die Bildsequenz auf der Homepage der IG Historisches Handwerk verwiesen, wo dieser sehr eindrucksvoll dargestellt ist.

  
Der "Stern- und Küpenreifen" zum Anheften des Tuchs (Abb. 3):


  
Ein original "Stern- und Küpenreifen" mit seinem mit Haken besetzten Rand aus einer Blaudruck-Färberei des 19. Jahrhunderts, wo das Tuch zum "Blaufärben" angeheftet wurde


Die "eisernen Konstruktionen" an der Gewölbedecke (Abb. 4) und ihre Funktionen (Abb. 5):

    
Die an der Decke des Gewölbekellers noch vorhanden "eisernen Konstruktionen", woran der "Stern- und Küpenreifen" angehängt wurde, sind nicht mehr komplett. Teils fehlen sie ganz oder sind mehr oder weniger unvollständig. Im linken Bild (Abb. 4) ist noch ein nahezu vollständiges Exemplar zu sehen, mit dem Ankereisen in der Decke und mit seinem runden Ende ähnlich einem Rinneneisen, daran an einem beweglichen Stück ein vertikal um 360° drehbarer Ring mit Haken an der Unterseite. In der rechten Abbildung (Abb. 5) wird die "Multifunktionalität" der eisernen Konstruktionen sichtbar. Der kleine "Haken mit der kurzen Schwinge" (ganz rechts) fehlt komplett. Mindestens ein Exemplar davon war noch bis zur Umgestaltung des Ratssaals (siehe oben) vorhanden und wurde dann wohl während der Umgestaltung oder kurz danach entfernt. Er befand sich gleich neben dem Hauptelement, so daß ein Stern- und Küpenreifen von dessen Haken leicht umgehängt werden konnte an den kleinen Haken daneben. Schlug man nun mit einem Stock gegen ein an seinem hinteren Ende befestigtes Seil (siehe Darstellung des kleinen Hakens mit dem Seil bei der Rekonstruktion oben über der vordersten Küpe!), dann löste dies einen "kurzen heftigen Ruck" aus, der sich über Haken, Stern- und Küpenreifen auch auf das Tuch daran übertrug. Und so dürfte dies die adäquate Art zum "berührungslosen blau Schlagen" des Tuchs gewesen sein, welche man hier dem direkten "blau Schlagen" gegen das Tuch den Vorzug gab.


Die Färbepflanzen zur Gewinnung des "Indigo" vor dem Gebrauch von synthetischem Indigo (Abb. 6):



Die Färbepflanzen: Färberwaid (links) und Indigo (rechts)

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Bildernachweise (soweit nicht aus eigener Quelle):

Abb. 2: IG Historisches Handwerk (http://www.ig-historisches-handwerk.de);
Abb. 3: Paul Brockhoff, Nach den Regeln der Kunst: Altes Handwerk in Westfalen, Aschendorffsche
           Verlagsbuchhandlung, 2. Aufl. 1996;
Abb. 6: Lydie Nencki, Die Kunst des Färbens mit natürlichen Stoffen, Verlag Paul Haupt, Bern 1984;

(Beitrag 01.08.14, Vers. 1.1)

Zu den verwandten Themen auf dieser Homepage:

--->WEBER-MUSEUM Lindenberg

--->Die Wallonen - Gründer der Lambrechter Tuchmacherei

--->Die Lambrechter Tuchmacherei

--->Die Walkmühle an der Brücke (--->Mühlen)