Das Lambrechter Brauchtum

Lambrecht ist reich an alten Brauchtümern, unter denen das Geißbockbrauchtum als ältestes in der Pfalz gilt. Es geht auf ein Weistum König Ruprechts aus dem Jahr 1404 zurück und ist somit über 600 Jahre alt. Nicht viel jünger ist die Lambrechter Kerwe, deren Ursprung auf der Konsekration (Weihe) der ersten Gemeinde-Pfarrkirche St. Pankratius (Klemmhof) im Jahr 1451 beruht. Ihrem 555-jährigen Jubiläum wurde 2006 besonders gedacht. Drittältestes Lambrechter Brauchtum stellt das Sommertagsfest dar, dessen Wurzeln in einem Streit des Jahres 1755 liegen, als zwischen St. Lambrecht und Grevenhausen, den beiden Nachbarorten, aus denen später das heutige Lambrecht entstand, ein lokaler Kriegshandel um die Trockenwiesen auf dem Sommerberg ausgebrochen war. Seine friedliche Beilegung und ein anschließendes Versöhnungsfest mit Umzug begründeten schließlich die nunmehr über 250-jährige Tradition des historischen Lambrechter Sommertagsfestes. Zuletzt sei das Eierpicken angeführt, das Anfang der 1890-er Jahre erstmals greifbar wird, wohl aber schon lange davor existierte.*)



Das Geißbockbrauchtum - ältestes Brauchtum der Pfalz

I. Ursprung und historischer Hintergrund

Lambrecht hütet mit seiner Geißbocktradition ein uraltes Brauchtum. Es geht auf ein Weistum von König Ruprecht vom 1. Mai 1404 zurück, womit es - über 600 Jahre alt! - als das älteste unter den Brauchtümern in der Pfalz erscheint. Mindestens schon so lange liefert Lambrecht alljährlich "Dienstag nach der Pfingst" einen Geißbock an die Gemeinde Deidesheim als Tribut für Weiderechte im nahen Deidesheimer Hinterwald. Aus einer vor etwa 100 Jahren einsetzenden Ausschmückung dieses Brauchtums entwickelte sich dann eine der höchsten Lambrechter Festivitäten an Pfingsten, mit Geißbockfestspiel, Heimatabend und Geißbockmarsch.

Wenn auch der Tributbock in besagter Urkunde von König Ruprecht nicht direkt erwähnt wird, so macht diese doch mindestens Andeutungen auf diesen. In dem mit "König Ruprechts Ordnunge und Entscheidungen zwischen den Frauen zu St. Lambrecht und einem Bischof zu Speyer de anno 1404" betitelten Weistum heißt es: "Item, als auch Zweiung gewesen ist zwischen einem Bischof von Speyer und den Frauen von St. Lambrecht um Wald, Wasser und Weide, da ist unsere Meinung, daß ein Bischof von Speyer darüber Vogt sein solle, und daß die Frauen von St. Lambrecht und auch die armen Leute zu St. Lambrecht bei ihren Wald, Wasser und Weide bleiben sollen, als das von alter herkommen ist zu beiden Seiten ohne alle Gefährde."

Die darin verwendete Formulierung "von alter herkommen" scheint sich mit ziemlicher Sicherheit auf eine ältere, leider nicht mehr vorhandene, Urkunde zu beziehen, in welcher dieses alte Herkommen gewiß genauer geregelt war. Nämlich auch insoweit, als daß für das den Dominikanerinnen des St. Lambrechter Klosters - einschließlich wohl auch Hörige und Grundholde des Klosters und mithin auch die Einwohner des eigentlichen Grevenhausens - gewährte Weiderecht im Deidesheimer Hinterwald, ein alljährliches Naturalentgelt in Form eines Geißbockes zu entrichten war.

Daß eine solche ältere Urkunde bestanden hat, in lateinischer Abfassung (!), scheint eine Urkunde vom 25. Juli 1685 zu bestätigen. An sich in Deutsch abgefaßt, verwendet diese für die Beschreibung der Beschaffenheit des zu liefernden Tributbocks die lateinische Formulierung "bene cornutus et bene capabilis" (wörtlich übersetzt: gut gehörnt und gut greif- bzw. faßbar, letzteres i. S. von gut 'gebeutelt' für die Zucht). Die verwendete Formulierung erscheint als Zitat aus jener älteren Urkunde, die vielleicht damals noch existierte oder deren Inhalt zu diesem Zeitpunkt zumindest noch greifbar war. Womit hieraus auch der begründete Anlaß zu der Annahme erwächst, daß das Lambrechter Geißbockbrauchtum weit älter ist, als es uns sein Bezug auf das Jahr 1404 vermittelt.

Die besagte Urkunde von 1685 erneuerte die "Gerechtsamen, welche in loco S. Lambrecht in actis fundiret und bis dato in esse sind" (Berechtigungen im Ort St. Lambrecht nach damals aktueller Aktenlage), was aufgrund von Streitigkeiten - hauptsächlich wegen Berechtigungen - um die Weiderechte zwischen St. Lambrecht und Deidesheim erfolgte. Diese Art Streitigkeiten zogen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte dieser beiden Orte.

So wurde in der Entscheidung eines früheren Streits im Jahr 1534/5 das alte Herkommen nicht nur erneut bestätigt, sondern auch der Geißbock erstmals urkundlich direkt belegt. Dabei auch zwischen zwei Servituten unterschieden, die zum einen die Schmalzweide, den Eintrieb von Schweinen zur Eichel- und Buchelmast, zum andern die Rauhweide betrafen, welche ausschließlich dem Groß- und Hornvieh zugestanden war. Während im ersten Fall Lambrecht mittels Geld dafür aufzukommen hatte, bildete im zweiten Fall der Geißbock den entsprechenden Naturalersatz.

Auch unter französischer Herrschaft keimte ein derartiger Streit zwischen den Gemeinden Deidesheim und St. Lambrecht wieder auf. Er endete in einem 13 Punkte umfassenden Vergleich, der zum 26. Floréal des XIII. Jahres der französischen Republik zur Unterzeichnung kam und von keinem geringeren als von Napoléon I. in einem kaiserlichen Dekret vom 26. November 1808, bei dessen Aufenthalt im Feldlager von Aranda de Duéro, in der spanischen Provinz Burgos in Altkastilien, höchstpersönlich ratifiziert wurde.

Bis zum Jahr 1850 lieferte St. Lambrecht den schuldigen Bock danach nach Deidesheim und war ungestört im Genuß des Weiderechts. Dann wies im Jahr 1851 die Gemeinde Deidesheim den Bock zurück. Diesmal ging es um die Beschaffenheit des Bockes und daß er nicht vor Sonnenaufgang geliefert worden war. Der daraus sich entwickelnde Streit sollte über Jahre gehen und gerichtlich anhängig werden. Am 5. Mai 1857 sprach das Königliche Appellationsgericht Zweibrücken sein Urteil:

Die Ansicht Deidesheims (in Klägergemeinschaft mit Niederkirchen), St. Lambrecht habe durch die nicht vertragsgemäße Lieferung sein Weiderecht verwirkt, wies das Gericht zurück. Dieses stellte überdies fest, daß auch Grevenhausen das von St. Lambrecht in Anspruch genommene Weiderecht schon zugestanden habe. Auch anerkannte es seine Belegung durch das Weistum König Ruprechts (s.o.). Auch in den weiteren Punkten, was die Beschaffenheit des Bockes und seine Lieferung vor Sonnenaufgang anging, wies das Gericht die Klage ab. Jedoch auferlegte es der Gemeinde St. Lambrecht-Grevenhausen, die für die Jahre 1851, 1852, 1853, 1854, 1855 und 1856 ausgefallenen Lieferungen der Böcke vertragsgemäß nachzuholen. Und so machten sich Pfingsten 1858 gleich acht Böcke auf den Weg nach Deidesheim.

Weil während des langwierigen Prozesses die Lambrechter ihre Geißböcke in Deidesheim nicht an den Mann bringen konnten, versteigerten sie diese einfach vor Ort und so kam es zur "Lambrechter Geißbockversteigerung". Noch manche Kuriosität sollte die Lambrechter-Deidesheimer Geißbockgeschichte anreichern, wie etwa die Lieferung eines kastrierten Bockes im Jahr 1931 oder auch zwischenzeitliche Versuche Lambrechts, sich durch eine Abstandszahlung seiner Lieferpflicht zu entledigen. Glücklicherweise ist es nicht dazu gekommen. Letztlich hielt das Brauchtum stand, gerade auch weil seine große Bedeutung und sein unschätzbarer Wert zur Förderung des Fremdenverkehrs und des Tourismus früh genug erkannt wurde, so daß es heute in Lambrecht wie auch in Deidesheim eine überragende Rolle einnimmt.

II. Das Geißbockbrauchtum ab dem letzten Jahrhundert

Zu dieser Entwicklung trug bei, daß das Geißbockbrauchtum die Aufmerksamkeit von Dichtern und Schriftstellern gewann und so insbesondere Eingang in heimische Literatur fand. Zuerst hat es Ludwig Schandein in einem Lied verherrlicht. Dann kam Hippolyt August Schaufert 1867 auf die Idee, das Brauchtum in seinem Lustspiel "Ein Kuß zur rechten Zeit" oder "Der Geisbock von Lambrecht" szenisch zu verarbeiten. Die an oberbayerische Volksstücke erinnernde Komödie wurde auch in Lambrecht mehrmals aufgeführt, so etwa am 27. Januar 1907 im Pfälzerhof. Im Jahr davor hatte die Gesellschaft Frohsinn mit einem historischen Festzug dem 500-jährigen Geißbock ein würdevolles "Schauspiel" dargeboten und bald reiften Überlegungen für ein eigenes Lambrechter Festspiel.

1. Das historische St. Lambrechter Geißbockfestspiel entsteht.

Zu ersten konkreten Bemühungen um dieses kam es erst durch Karl Rauch, als dieser 1919 sein Festspiel "Der Gaisbock von Lambrecht" ankündigte. Zu dessen Realisierung kam es jedoch nicht, dagegen führte er es, nun überarbeitet als "Deidesheimer Geißbockfestspiel", 1927 und 1928 in der Lambrechter Geißbockpartnerstadt auf. Dort konnte es das Publikum allerdings nicht überzeugen, lediglich die daraus stammende Szene des "Stadtgerichts" hielt sich in guter Erinnerung und sollte ab 1972/3 im dortigen Repertoir der Geißbockversteigerung ihren festen Platz einnehmen. In Lambrecht wurde inzwischen ein anderer hierfür favorisiert, der vor einer blendenden Schauspielkarriere stehende Ernst Schäfer.

1.1 Ernst Schäfer - Schöpfer des Lambrechter Geißbockfestspiels

Geboren am 14. September 1908 entstammte der Sohn eines Gewerkschaftssekretärs einer alten Lambrechter Familie. Wohl schon als Bub schnupperte er die Theaterluft, wenn in Lambrecht auf dem "Zirkusplatz", hinten an der Sedanstraße (heute Walter-Rathenau-Straße), das Bayerische Volkstheater gastierte oder im Bayerischen Hof andere Reisetheater, aber auch bereits einheimische Laiengruppen, wie der katholische Jünglingverein, ihre Schauspiele inszenierten. Insbesondere auch hier vagabundierende Zirkusse taten es ihm an und so schloß er sich eines Tages, gerade jugendlich geworden, mit einem Freund einem weiterziehenden Zirkus an.

                        

                                        Ernst Schäfer, Schöpfer des Lambrechter Geißbockfestspiels

Sein so schon frühes Interesse an Bühne und Manege mag in ihm das schlummernde Talent erweckt haben, dazu begnadet zu sein, zu einem der größten Schauspieler seiner Zeit aufzusteigen. Schon in seiner Jugend übte er sich in der Schauspielkunst und schrieb kleine Szenen und Puppenspiele. Dies wohl mit zunehmender Beachtung und wachsendem Erfolg. Und so kam er 1933 zu einem Engagement als Dramaturg mit Schauspielverpflichtung im Charakterfach beim damaligen Saarpfälzischen Landestheater in Kaiserslautern.

Seine Erfolge in summa können sich sehen lassen. 1937 sollte er den "Datterich" von Ernst Elias Niebergall überarbeiten und 1942 einen ganz großen Reißer landen, ein Stück aus dem Zirkusmilieu mit dem Titel "Die große Nummer". Die Uraufführung fand am 3. März 1942 in Dessau statt und danach ging es dann von 200 Bühnen und in 400 Orten in ganz Deutschland in Szene. Der Erfolg - mitten im Zweiten Weltkrieg - war riesig und Ernst Schäfer in aller Munde. Nach dem Krieg hätte ihm die Theaterwelt offengestanden. Doch war ihm ein anderes Schicksal beschieden.

1.2. Das Geißbockfestspiel - ein Publikumsmagnet

Noch jung, so um die 23/24 Jahre alt, war Schäfer, als er sich an sein Geißbockfestspiel machte. Er studierte die Geschichte seiner Heimatstadt und deren reichhaltiges Brauchtum und so erschuf er in rascher Arbeit sein Werk. An Pfingsten 1933 sollte sein "Historisches St. Lambrechter Geißbockfestspiel" dann uraufgeführt werden. Auf dem Festplatz im Beerental (beim heutigen Tennisheim) versetzte es Tausende an Besucher in große Begeisterung.

                   

                           Aufruf zum Spiel in der "Lambrechter Talpost" vom 27. März 1933

                          Das Geißbockfestspiel auf dem alten Festplatz im Beerental (heute Tennisanlage)

In seiner Urfassung nur die vor dem Deidesheimer Rathaus stattfindende "Streitszene" erfassend, hatte Schäfer seinem Stück gleich zwei kleinere Szenen zusätzlich beigegeben: "Die Betrauung des jüngsten Bürgers mit dem Geißbock-Führeramt" und "Die Lambrechter Geißbockversteigerung". Und schon 1934 ließ er die Erweiterung mit 1.-3. Bild sowie der "Landsknechtsszene" und dem - von ihm selbst vorgetragenen - "Monolog des Friedens" folgen. So zog das Geißbockspiel mit seinen jährlichen Aufführungen an die 10 000 Besucher in seinen Bann.

1939 fügte Schäfer die drei allegorischen Figuren "Krieg", "Pest" und "Hunger" dazu, dann folgte der Krieg. Er bedeutete Zwangspause für das in voller Blüte stehende Brauchtum und bestimmte die Dramaturgie, daß der begnadete Theaterfachmann zwar von Berufs wegen zuerst vom Militärdienst zurückgestellt wurde, dann aber im September 1944 doch noch eingezogen wurde. An die Ostfront verlegt, fiel er in Oppeln in Schlesien und wurde in Malapane bestattet.

1.3. Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Krieg ging es 1951 weiter. Der Verkehrsverein hatte sich bei der Witwe Else Schäfer die Aufführungsrechte gesichert und vor allem die verlorengegangenen Texte beschafft, bis auf das letzte Bild, das verschollen blieb. 1952 wurde dann erstmals die von Luitpold Seelmann verfaßte "Wallonenszene" eingefügt. Nach dem Festpiel 1953 kam man dann von dessen jährlicher Aufführung ab, so daß es erst wieder 1956 über die Bühne ging und dann wieder 1960 und 1965 sowie 1970.

                          Das Geißbockfestspiel in der herrlichen Naturkulisse im Lambrechter Beerental

Es dauerte dann sieben Jahre bis zu seiner nächsten Aufführung zur Tausendjahrfeier Lambrechts im Jahr 1977, diesmal mit der neuen "Napoléonsszene", ebenfalls aus der Feder von Luitpold Seelmann. Danach im Fünfjahres-Rhythmus weiter, wurde das Geißbockfestspiel dann wieder 1982, 1987, 1992, 1997 und 2002 inszeniert, dabei im letztgenannten Aufführungsjahr erstmals über zwei Festtage. Nach einer Festlegung, sich zukünftig am Fünfer-Rhythmus bei der Geißbockzählung zu orientieren, bestimmte so der 605. Geißbock das Jahr 2008 für die nächste Inszenierung des Geißbockfestspiels. Dieses so im 75. Jahr seit seinem Bestehen aufgeführte Geißbockfestspiel erbrachte Neuerungen. So kam mit der "Lambrechter Geißbockversteigerung" von Karl Heinz Himmler eine neue Szene als neuntes Bild zu ihrer Premiere. Eine weitere Neuerung war, daß das Geißbockfestspiel nicht nach bisheriger Tradition auf der Naturbühne im Beerental in Szene ging, sondern erstmals auf dem "Tuchmacherplatz", nahe dem Stadtzentrum. Ebendort, aber wieder in den herkömmlichen acht Bildern, ging dann die letzte Aufführung des Geißbockfestspiels an Pfingsten 2013 über die Bühne.

2. Das Geißbockfestpiel - Ein lebendiger Streifzug durch Lambrechts Geschichte und Brauchtum

Das Geißbockfestspiel führt in 9 Bildern durch Lambrechts über 1000 Jahre alte Geschichte, in denen sich nicht nur das Leben und Schicksal des Städtchens widerspiegelt, sondern auch in ihrer Buntheit echtes Pfälzer Volkstum. Es leitet ein mit der Gründung des Klosters St. Lambrecht durch den Grafen Otto von Worms und seine Gemahlin Judith zu Ehren des heiligen Lambertus (1. Bild).

                        

                               Herold beim Verlesen der Gründungsurkunde (1. Bild)

Es folgt eine Szene aus der Klosterschule (2. Bild), an deren Ende die Klosterschülerin Adelheid mit ihrem hoch zu Roß gekommenen Liebsten, dem wilden Ritter Heinrich von der nahen Spangenburg, entflieht. Hitzig geht es dann zur Sache, wenn anschließend die Bürgermeister von St. Lambrecht und Deidesheim ihren Streit um die Lambrechter Weiderechte im Deidesheimer Wald König Ruprecht vortragen (3. Bild), der die "Feuerköpfe" beruhigt.

                Hitziger Disput um das Weiderecht, in dem König Ruprecht die "Feuerköpfe" beruhigt (3. Bild)

Im Anschluß führen der Schultheiß von St. Lambrecht und der Anführer der Wallonen die wallonischen Neubürger vor Kurfürst Friedrich II. und den Pfalzgrafen Johann Casimir und bitten um Asyl für die wallonischen Flüchtlinge (4. Bild).

  Kurfürst Friedrich II. und Pfalzgraf Johann Casimir gewähren wallonischen Glaubensflüchtlingen Asyl (4. Bild)

Danach werden in dramatischer Darstellung Krieg, Hunger und Pest personfiziert. Eine Szene mit Landsknechten und einem Wirt zeigt, was die Menschen im Dreißigjährigen Krieg erdulden mußten. Das Bild klingt mit einer Friedensszene aus (5. Bild).

                        

                                                  Die allegorische Figur des "Hungers"...

                                     ...und plündernde Landsknechte als Geißel des Dreißigjährigen Krieges

Nun entscheiden der Franzosenkaiser Napoléon I. und sein Minister (6. Bild) im Feldlager in Burgos (Spanien) über die Beschwerde von Deidesheim, daß St. Lambrecht den Tributbock weiterliefern muß, und zwar "un bouc bien cornu et bien capable" (frz.=gut gehörnt und gut gebeutelt).

                   Kaiser Napoléon und sein Minister entscheiden über die Beschwerde Deidesheims (6. Bild) 

Im köstlichen Pfälzer Dialekt geht es nun um die Betrauung des jüngsten Lambrechter Bürgers mit der Lieferung des Tributbockes nach Deidesheim. Dabei will ihn seine jungangetraute Gattin begleiten, was dazu führt, daß neuerdings Mann und Frau den Bock führen (7. Bild).

Ehepaar und Bock in Deidesheim angekommen, erleben bittere Enttäuschung (8. Bild), denn der Rat der Weinstadt verweigert die Annahme des Geißbocks, weil er erstens nach Sonnenaufgang angekommen sei und zweitens nicht den Vorschriften entspreche. Es gibt einen heftigen Disput mit köstlichen Einzelszenen echten Pfälzer Humors.

                              Der Deidesheimer Rat verweigert die Annahme des Tributbockes (8. Bild)

                  Die Mitwirkenden nehmen zum Abschluß den verdienten Applaus des Publikums entgegen

Circa 120 Mitwirkende bieten in ihren bunten Kostümen als Kaiser und Kurfürst, Graf und Gräfin, Ritter, Edelfauen, Nonnen, Mönche, Ratsherren, Schreiber, Landsknechte, Bürgerfrauen und Volk, mit der Hauptperson, dem Geißbock mit dem jüngsten Ehepaar, ein farbenfrohes Bild. 

3. Der Lambrechter Heimatabend als zweiter Publikumsmagnet

Die wichtigste Ergänzung zu den Pfingsfestlichkeiten um den Geißbock stellt der Heimatabend dar. Dieser entstand zeitlich mit der Entstehung des Geißbockfestspiels von Ernst Schäfer, als Vorprogramm zu diesem. Als man zwischen die Geißbockfestspiele mehrjährige Pausen zu schieben begann, wurde der Heimatabend das verbindende Zwischenglied, nun als eigenständige Veranstaltung. Urprünglich von einem kunterbunten, folkloristischen Programm geprägt, wurde er in den letzten Jahrzehnten zu einem Theaterabend als Rahmenprogramm für die offizielle Geißbock-Übergabe an das "jüngstgetraute Lambrechter Ehepaar" umgeformt, bei dem vor allem Mundartschwanks mit heimatlichen Bezügen zur Aufführung gelangten. War sein Veranstaltungsort ursprünglich die alte Festhalle im Beerental, so wechselte dieser ab 1984 ins Gemeinschaftshaus an der Blainviller Straße. Neuerdings findet der Heimatabend als Freilicht-Veranstaltung an wechselnden Plätzen innerhalb des Ortes statt.

                                   Heimatabend 2001 mit Spielszene aus "Der Raub der Dominikanerinnen"

Zentrales Element blieb stets die formelle Betrauung des "jüngstgetrauten Ehepaares" mit der Geißbock-Führerschaft. Damit obliegt diesem die ehrenvolle Aufgabe, "Dienstag nach der Pfingst" - wie es das alte Herkommen verlangt - den Lambrechter Tributbock nach Deidesheim zu überbringen. Eine Pflicht, welche die Lambrechter Brautpaare in spe gerne übernehmen und darum auch ihre Hochzeitspläne möglichst nahe an Pfingsten legen, um in den Genuß dieses "Ehrenamtes" zu gelangen. Denn hiermit rückt das "jüngstgetraute Paar" nicht nur in den Fokus des öffentlichen Interesses, sondern erfährt auch besonders erlebnisvolle und abwechslungsreiche Hochzeitstage. So steht es nicht nur beim Heimatabend im Mittelpunkt, sondern auch, wenn es gilt, den Tributbock beim Lambrechter Geißbockmarsch nach Deidesheim zu führen und ihn dort dem versammelten Rat zu übergeben.

3. Der Lambrechter Geißbockmarsch - Naturerwachen inbegriffen

Ins Leben gerufen hat den Lambrechter Geißbockmarsch Altbürgermeisterin Erna Merkel im Jahr 1977, in welchem Lambrecht sein 1000-jähriges Bestehen feierte. Schon bei seiner Premiere sollten den Lambrechter Tributbock auf seinem Weg von Lambrecht nach Deidesheim eine 600-köpfige Schar an Wanderern eskortieren. Sie hat sich heuer auf gut 300 Mitwanderer eingependelt, allerdings wieder mit steigender Tendenz, trotz der "unchristlichen Zeit" zu der der Geißbockmarsch in Lambrecht startet.

   Fröhlicher Start im Morgengrauen von der "Brücke" in Lambrecht mit Geißbock und Brautpaar an der Spitze

Grund für dessen Frühstart - immer 5.30 Uhr von der Friedrich-Ebert-Brücke - sind die mittelalterlichen Statuten, nach denen der Tributbock "vor Sonnenaufgang" in Deidesheim eintreffen muß. Mußte früher dazu der "jüngste Bürger", später an seiner Stelle der Ziegenhirt, gar noch zu mitternächtlicher Zeit aufbrechen und mit dem Geißbock, der laufen mußte (!) und sich dabei oft störrisch anstellte, durch den dunklen Wald und über die Berge nach Deidesheim marschieren, so hat gütliches Einvernehmen zwischen den Geißbockpartnerstädten Lambrecht und Deidesheim für eine "Entschärfung" gesorgt. Die Übergabe des Bockes an der Ortsgrenze von Deidesheim braucht seitdem erst auf 10 Uhr zu erfolgen. So ist für den Geißbock-Marsch kein Eiltempo angesagt, vielmehr kann dieser als normale Wanderung vonstatten gehen, das Erwachen der Natur als spezielle und erlebenswerte Beigabe inbegriffen. Und so bleibt gar noch ein Zeitpuffer für eine Zwischenrast mit Frühstück beim Deidesheimer Waldhaus.

Bis dorthin nimmt er seinen Weg von der zentral gelegenen Friedrich-Ebert-Brücke durch die Färber- und Wiesenstraße zum östlichen Stadtrand hin, überquert dort die B 39, um dann zur Siedlung Dörrental und von dort an den Bahngleisen entlang nach Lindenberg zu führen. Nach Durchqueren dieser Nachbargemeinde über die Lambrechter Straße und Hauptstraße erfolgt am nördlichen Ortsende ein kurzer Halt. Hauptsächlich, weil dort der Geißbock - aus tierschutzrechtlichen Gründen - nun im Viehwagen den Weg fortsetzen muß, während die Frühwanderer den Anstieg zur "Alten Schanze" und weiter zum "Silbertal" unter die Füße nehmen.

Vorbei an dem ehemaligen Forsthaus - heute bewirtschaftetes Waldhaus - geht es nun abwärts in eine Talsenke zur Überquerung der K 16 und hinein in ein Tal, dessen Talweg an der Finsterkammer vorbei an den Aufstieg zur Höhe "Am Weißenstich" führt. Nach Erreichen dieses höchsten Punktes (472 m) der Wanderung geht es nun abwärts zu einem Talweg, der an der "Weinbachspring" und am "Grimmeisen-Brunnen" vorbei zum Deidesheimer Waldhaus führt, wo auch der Geißbock wieder zur Wanderschar stößt.

              Begrüßung des Geißbocks beim Deidesheimer Waldhaus durch die Deidesheimer Stadtsoldaten

Ein deftiges Frühstück erwartet dort die Teilnehmer sowie eine Abordnung der Deidesheimer Stadtsoldaten als Geleitschutz für die Schlußetappe. Desweiteren die Deidesheimer Schulkinder, die, wie die Lambrechter Schulkinder, an diesem Tag Schulfrei haben. Auch weitere Gäste stoßen dazu, die dem Geißbock entgegen gehen, um ihn bei seinem letzten Stück Weg zu begleiten.

                        Geselliges Frühstück der großen Geißbock-Wanderschar beim Deidesheimer Waldhaus

An der Deidesheimer Stadtgrenze angekommen, macht die Lambrechter Geißbock-Wanderschar zunächst einen Halt, um die Ankunft des Deidesheimer Rats abzuwarten. Für zwischenzeitliche gute Stimmung sorgt dabei mal Blasmusik oder das Absingen des alten Lambrechter Geißbockliedes, mit dem die Lambrechter ihren Tributbock feierlich verabschieden.

     Büttel, Bock und Brautpaar erwarten gut gelaunt den Deidesheimer Rat an der Stadtgrenze Deidesheims  

Offiziell wird der Lambrechter Tributbock dann zum Deidesheimer Geißbock, wenn er nach einer ersten Begutachtung hinsichtlich seiner Beschaffenheit als "bene cornutus et bene capabilis" (lat.=gut gehörnt und gut gebeutelt) vom Deidesheimer Rat angenommen wird. Und so wechselt die Regie dieses schönen alten Brauchtums nahezu nahtlos von Lambrecht auf Deidesheim über, wenn der Tributbock dort seinen großen Einzug hält und Deidesheim wieder einmal einen großartigen Tag beschert, der mit der Deidesheimer Geißbock-Versteigerung schließt. Bis das Spektakel im nächsten Jahr von neuem in Lambrecht seinen Anfang nimmt.

                                     Fröhlicher Einzug in Deidesheim mit Geißbock, Brautpaar und Büttel

Vor dem historischen Rathaus Deidesheims tagt das Stadtgericht, um zu befinden, daß Lambrecht seiner Tributpflicht nachgekommen ist und für sein Weiderecht im Deidesheimer Wald einen "gut gehörnten und gut gebeutelten" Geißbock an Deidesheim geliefert hat, der dann traditionell zur Versteigerung kommt 

Abschließende Infos: Das nächste Geißbockfestspiel findet an Pfingsten 2018 statt, wenn die Feierlichkeiten um den 615. Geißbock anstehen. Der Heimatabend fällt jeweils auf Pfingstsonntag des aktuellen Jahres. Immer Dienstag nach Pfingsten, 5.30 Uhr, startet der Lambrechter Geißbockmarsch nach Deidesheim. Genaue Einzelheiten sind den Terminkalendern (siehe oben) und der Presse zu entnehmen oder können beim Verkehrsverein bzw. bei der Stadt Lambrecht erfragt werden.

            

Das Lambrechter Nationaltier in lustiger Gestaltung

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Die Lambrechter Gäßbock-Kerwe

Welche Bedeutung der Geißbock für Lambrecht hat, dürften die Ausführungen zum Lambrechter Geißbockbrauchtum mehr als verdeutlicht haben (s.o.). Er ist das Markenzeichen der Stadt oder wie es auch schon hieß, das "Lambrechter Nationaltier". Dies war meinerseits ein triftiger Grund, 2002 dem zuständigen Kerwe-Komitee den Vorschlag zu unterbreiten, dieses prägnante "Aushängeschild" auch dem höchsten Lambrechter Fest namentlich beizulegen. Seitdem heißt die Kerwe (pf.=hd. Kirchweihe) in Lambrecht auch "Gäßbockerwe" bzw. verhochdeutscht "Geißbockkerwe".

Damit erhielt sie einen Beinamen, wie dies auch andernorts praktiziert wird, allerdings nur als griffiges Attribut, das - wie meist überall - nichts mit dem originären Ursprung des Kirchweihfestes zu tun hat. Dieser geht immer auf die Erstweihe einer Kirche zurück, im Falle Lambrechts auf die Konsekration (Erstweihe) der ehemaligen St. Pankratius-Pfarrkirche, welche das Gebäude Klemmhof 1 und 2, an der Nordseite der Marktstraße, gegenüber der altehrwürdigen Klosterkirche, noch heute verkörpert.

Klemmhof 1 und 2 (das zurückliegende Gebäude rechts) als profanierter Bau der ehemaligen St. Pankratius-Pfarrkirche mit dem noch original erhaltenen gotischen Steildach (z. T. neu eingedeckt)

Die St. Pankratius-Pfarrkirche auf einer alten Darstellung von St. Lambrecht und Grevenhausen um 1580 (rechts unterhalb der großen Klosterkirche im Zentrum St. Lamrechts) 

Bekannt war, daß diese erste Gemeinde-Pfarrkirche Lambrechts im Jahr 1451 zum Gotteshaus geweiht wurde. Weshalb ich mich aus Anlaß der 550-maligen Wiederkehr dieses Ereignisses, im Jahr 2001, auch für eine besondere Würdigung dieses Jubiläums einsetzte. Weil das Vorhaben mißlang, konzentrierte ich mich nun auf die nächste Möglichkeit dazu und so konnte der Verkehrsverein - auf mein Betreiben hin - im Jahr 2006, unter dem Titel "555 Jahre Lambrechter Kerwe 1451-2006", sein 4. LAMBRECHTER HEIMATHEFT herausgeben, in dem nun das 555. Jubiläum der Lambrechter Kerwe ausführlich gewürdigt wurde.

Die Ausarbeitung dieser Schrift oblag Hans Fell als ausgezeichneten Kenner der Kirchenhistorie. Es war seiner Sach- und Fachkundigkeit sowie seinem guten Gespür zu verdanken, daß er bei seiner Forschungsarbeit zum Thema auch das Glück hatte, auf eine mittelalterliche Urkunde zu stoßen, in der originär und authentisch der damalige Vorgang veraktet war.

In der im Universitätsarchiv Heidelberg unter Nr. XII, 2 (NS), Nr. 352, aufbewahrten Urkunde steht denn auch geschrieben:

"Wir Petrus, durch Gottes und des apostolischen Stuhles Gnade Bischof von Myra und durch des ehrwürdigen Herrn, Herrn Reinhard, Bischof von Speyer ebensolche Güte General-Vicar in geistlichen Dingen, geben hiermit der ganzen Christenheit kund, daß wir unterm achten August des Jahres des Herrn 1451 die Pfarrkirche beim Kloster des hl. Lambertus in der Diözese Speyer geweiht haben zur Ehre der Heiligen Pankratius, Wendelin und Wernher, sowie des Bischofs und Martyrers Donatus, der Jungfrauen Barbara, Katharina, Margarethe, Agnes und der ehrwürdigen Frau Helena. Zugleich verfügen wir, daß die Weihe dieser Kirche und der vorgenannten Altäre auf ewige Zeiten am nächsten Sonntag vor dem Feste des heiligen Laurentius feierlich begangen werden soll..."

Die Hervorhebungen mittels Fettschrift stellen besonders klar heraus, erstens die genaue Datierung, daß nämlich am Sonntag, den 8. August 1451, die ehemalige St. Pankratius-Pfarrkirche in Lambrecht durch den sakralen Weiheakt zum Gotteshaus erhoben wurde. Zum zweiten die Bestimmung, daß die Weihe dieser Kirche... auf ewige Zeiten am nächsten Sonntag vor... Laurentius feierlich begangen werden soll.

Letzteres widerlegt die in Lambrecht - schon seit etlichen Jahren - behauptete Ansicht, daß die Lambrechter Kerwe immer am ersten Sonntag im August stattgefunden habe, als absolut unrichtig. So war etwa ihre Terminierung für 2010, um das Wochenende des Sonntags 1. August, eindeutig falsch! Tatsächlich hätte die Kerwe in diesem Jahr auf das Wochenende um den Sonntag des 8. Augusts gelegt werden müssen. Und zwar nach der in der Urkunde hierfür "auf ewige Zeiten" festgeschriebenen Regel, wonach der Sonntag vor Laurentius (=10. August, übrigens der Tag, an dem Herzog Konrad der Rote, der Vater unseres Klostergründers, in der Ungarnschlacht des Jahres 955 fiel!), als Tag zur feierlichen Erinnerung an die erste Kirchweihe bestimmt wurde. So beraubte sich Lambrecht denn auch um die Chance, seine Kerwe in exakter Übereinstimmung mit dem hierfür historischen Datum zu begehen, was dringender Korrektur bedarf!

Über lange Zeit die Attraktion der Lambrechter Kerwe: das doppelstöckige Kumpf'sche Karussell

Hinsichtlich der ausführlichen Darstellung, welchen Wandel das ursprünglich rein geistliche Fest hin zu einem nur noch weltlichen Vergnügungsfest vollzogen hat, sei auf besagtes LAMBRECHTER HEIMATHEFT verwiesen. So daß wir uns gleich der Lambrechter Kerwe in ihrer heutigen Form zuzuwenden vermögen.

Die Organisation dieses höchsten Lambrechter Festes obliegt dem "Kerwe-Komitee", in dem unter Vorsitz des jeweiligen städtischen Beigeordneten die Vertreter der Vereine bzw. der interessierten Gruppen und Personen sich regelmäßig zusammenfinden. Das Komitee führt selbst die Zeremonie des "Kerwe-Ausgrabens" an, mit der am Tag vor dem Kerwesonntag die Kerwe offiziell eröffnet wird. Unmittelbar danach setzt es sich an die Spitze des Zuges, um begleitet von den "Kerwe-Buben" und "Kerwe-Mädchen" von Wirtschaft zu Wirtschaft zu ziehen, wo die "Kerwe-Sträuße" gesteckt werden. Dabei entbietet im Namen des "Kerwe-Komitee" und in Fersen gereimt der "Kerwe-Redner" dem jeweiligen Wirt seinen Gruß, verbunden mit dem Wunsch auf ein gutes Geschäft. Jener zeigt sich mit einem Umtrunk erkenntlich.

Kullern zur Eröffnung die Freudentränen reichlich, so vermögen handtuchgroße Trauertücher kaum die unter lautem Wehklagen vergossenen Trauertränen aufzunehmen, welche die Komitee-Mitglieder vergießen, wenn die Kerwe in ihrem "Kerwe-Grab", in der Grünanlage der Mühlstraße, zur (glücklicherweise nur vorübergehenden) letzten Ruhe gebettet, sprich offiziell beendet wird. Groß ist jeweils die Anteilnahme der Kerwejünger, ob in Freude oder Trauer, wenn das Komitee - in Frack und Zylinder - feierlich seine Kerwerituale zelebriert.

Zwischen diesen herrscht ausgelassenes Kerwetreiben, das zu einem absoluten Höhepunkt aufläuft, wenn am Kerwesonntag der große Umzug durch Lambrechts Straßen zieht, angeführt vom Kerwe-Komitee, den Stadträten und natürlich vom Brautpaar mit dem "Gäßbock". Die danach mit Spannung erwartete "Kerwe-Redd" (pf. Redd=hd. Rede) sorgt dann für manchen Rumser (pf.=hd. Kracher), wenn sie in Reimen von all den Fettnäpfchen, Tolpatschigkeiten, Irrungen und Wirren kündet, mit denen der ein oder andere Einheimische übers Jahr besonders aufgefallen ist. Spott und Hohn und Gelächter ist jenem gewiß. Auch Lob und Tadel gehören zu ihrem Repertoire, so daß mancher die "Kerwe-Redd" auch fürchten muß. Die "Kerwe-Buben" und "-Mädchen" skandieren mit dem "Kerwe-Spruch" dazwischen und heizen so die gute Stimmung weiter an.

Vom prächtigen Umzugswagen grüßt der Geißbock die Kerwebesucher

Anschließend hineingetragen in die Festzelte, hält sie dort auch weiter an und überträgt sich nach überall. Und so herrscht fröhliches Kerwetreiben auch überall, ob bei den Fahrgeschäften, wie Autoscooter, Schiffschaukel oder Kinderkarussell, den Schieß- oder Losständen, den Süßwaren-ständen oder bei den Pizza-, Döner-, Grillständen u.v.m. Viele Gäste lockt die Lambrechter Kerwe aus Nah und Fern und die auswärts wohnenden Lambrechter nutzen dabei gerne die Gelegenheit zum Besuch ihrer Heimatstadt, um Familienmitglieder und alte Freunde wieder zu treffen.

Auf all das fröhliche Treiben auf der "Brücke", wie die Einheimischen ihre Friedrich-Ebert-Brücke kurz nennen und wo die Kerwe ihren angestammten Platz mitten im Zentrum Lambrechts einnimmt, schaut aus dem südlichen Dächermeer, rechts neben der alten Klosterkirche der Dominikanerinnnen, die alte Pfarrkirche mit ihrem charakteristischen und original noch erhaltenen gotischen Steildach wohlwollend herab. Und gewiß gilt ihr Gruß all den Gästen ihrer Kerwe, mit der Lambrecht ihrer nun schon über 560 Jahre lang ein freudiges Andenken bewahrt.

* * *   

Das historische Lambrechter Sommertagsfest

Als drittältestes Lambrechter Brauchtum findet jeweils an Lätare (3. Sonntag vor Ostern) das historische Lambrechter Sommertagsfest statt. Es hat seinen Ursprung in einem Streit im Jahr 1755 (siehe -->Anhang am Ende), als die Bürger von Grevenhausen den Tuchmachern von St. Lambrecht den Zugang zu ihren Trockenwiesen auf dem Sommerberg verwehrten. Schon zu einem lokalen Kriegshandel mit gewiß blutigem Ausgang eskalierend, konnte der Streit im letzten Augenblick beigelegt werden. Sein glückliches Ende bewog die verfeindet gewesenen Bürger beider Orte, die bevorstehende Feier zur Sonnwend nun gemeinsam als Versöhnungs- und Friedensfest zu begehen und so die Tradition des historischen Sommertagsfestes in Lambrecht zu begründen.

In seiner fortan jährlichen Wiederholung wahrte die Lambrechter Tuchmacherzunft bis 1870 diese Tradition. Danach vakant geworden, nahmen sich heimatverbundene Bürger und Gruppen, wie die zu Anfang der 1890-er-Jahre greifbar werdende Gesellschaft Frohsinn, wieder diesem alten Brauchtum an, bis es erneut in Vergessenheit zu geraten drohte. Die Gründung des "Comite für die Erhaltung des historischen Sommertags-Festes in Lambrecht" im Jahr 1912 führte zu seiner Wiederbelebung.

Insbesondere die ab 1913 von dem Lambrechter Heimatdichter Karl Rauch eingebundenen Spiel-szenen, wie die "Streitszene" und insbesondere deren nachfolgenden Ausarbeitungen zu dem Bühnenstück "Der Raafacker" und zum großen Freilichtspiel des "Sommertagsfestspiels", ließen das Lambrechter Sommertagsfest vor und nach dem Ersten Weltkrieg zum großen Pfälzer Kulturereignis aufsteigen, das bis zu 10 000 Besucher anlockte. So bildete der Sommertag 1927 einen besonders glanzvollen Höhepunkt, wie ein historisches Filmdokument eindrucksvoll bezeugt.

Durch eine danach einsetzende Fokussierung auf das Geißbockbrauchtum (s.o.) geriet das Sommertagsfest nun ins Hintertreffen. So daß die nachfolgenden Feste, ab 1928 in Regie des Lambrechter Verkehrsvereins (-->Verkehrsverein), nur noch in kleinem Rahmen stattfinden konnten. Wie schon der Erste Weltkrieg, so führte auch der Zweite Weltkrieg zu einer Unterbrechung dieses Brauchtums, welches danach erst 1951 wiedererweckt werden konnte.

Anfänglich wieder mit den bekannten Spielszenen, dann unter Verzicht darauf, präsentierte sich das Sommertagsfest erst zur 1000-Jahr-Feier Lambrechts, im Jahr 1977, wieder in glänzender Manier. Mit all seinen traditionellen Elementen, wie dem Weckruf und Eiersammeln, den Sommertagsschlöppen und Sommertagsstecken, den Körben und der Riesen-Pfanne, dem Ringkampf und dem Stammhacken, dem Umzug mit der großen Sommertagsbrezel, der Winterverbrennung, dem Intonieren und Absingen des Lambrechter Sommertagsliedes und der Brezelausgabe. Teilweise integriert in das überaus farbenprächtig dargebotene historische Sommertagsfestspiel mit seiner  turbulenten Inszenierung des dramatischen Geschehens vom Jahre 1755.

Nach 1977 sah sich das alte Brauchtum erheblichen Schmälerungen ausgesetzt, die leider auch im 250. Jahr seines Bestehens, im Jahr 2005, gegenwärtig waren. So präsentiert es sich heute primär als Fest der Kinder, sehr zu deren Freude und Gefallen, wenn diese dabei ihre eingeübten fröhlichen Einlagen vor großem Publikum darbieten dürfen. Daneben symbolisieren der Ringkampf und das Stammhacken den einstigen Kampf um die Trockenwiesen und das Beseitigen der einst am Aufgang zum Sommerberg errichteten Barrikaden, an welchen die Bürger St. Lambrechts und Grevenhausens so feindselig aufeinandertrafen, um zuletzt doch noch glücklich Frieden zu schließen.

Im Jahr 2005 gab der Verkehrsverein Lambrecht das LAMBRECHTER HEIMATHEFT "250 Jahre historisches Lambrechter Sommertagsfest 1755 - 2005" heraus, in welchem ich als Autor das alte Brauchtum in all seinen Facetten ausführlich behandelt habe. Vor allem auch den geschichtlichen Hintergrund seiner Entstehung. Das Heft ist leider vergriffen, weshalb ich, auch aus gegebenem Anlaß, noch einmal näher auf den historischen Ursprung eingegangen bin (-->Thema spezial). Hier nun nachfolgend noch einige Eindrücke vom sehr schönen Lambrechter Sommertagsfest 2010:

                     

            Versammeln im Schulhof vor dem alten Schulhaus (Haus der Vereine) zum Auftakt des Festes

   

Junge Steckenträgerinnen im Partnerlook (links) und mit Pandabär (rechts)

"Schmetterlinge" locken den Frühling herbei

Präsentieren der selbstgebastelten Sommertagsstecken mit den Symbolen von Sommer und Winter sowie der Tuchmacherei bei der Steckenparade

Der Ringkampf zwischen Sommer und Winter - einst zwischen je einem Burschen aus St. Lambrecht und Grevenhausen ausgetragen

Der Strohkranz für den Verlierer "Winter" und der Efeukranz für den stets obsiegenden "Sommer"

Die Späne fliegen unter kräftigen Axthieben beim Stammhacken auf der "Brücke", wenn damit symbolisch die einst trennenden Barrikaden am Aufgang zu den Trockenwiesen beseitigt werden.

Die Barrikaden sind gefallen, der Frieden zwischen St. Lambrecht und Grevenhausen ist damit hergestellt bzw. erneuert und die Tuchmacher von einst durften wieder ihre Tuche in den Trockengestellen auf dem Sommerberg trocknen.

                            

Umzug durch den historischen Ortskern, angeführt vom Büttel und dem Brezelträger sowie dem Bürgermeister, dahinter die Stadtkapelle, dann die Akteure des Tages (Ringer, Stammhauer, Korbträger) und schließlich der Troß der steckentragenden Kinder u.v.m. 

Winterverbrennung bei der alten Klosterkirche unter dem Intonieren und Absingen des Lambrechter Sommertagsliedes. Den Abschluß bilden die Ausgabe der Sommertagsbrezel und der gemütliche Ausklang bei Kaffee und Kuchen in der Grundschulturnhalle. 

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Das Eierpicken - origineller Osterbrauch

Das traditionelle Eierpicken in Lambrecht stellt einen der originellsten Osterbräuche in der Pfalz dar. Seine Wurzeln sind uralt und reichen bis in antike Zeiten zurück. Denn schon die alten Perser sollen das lustige Duellieren mit hartgekochten Eiern praktiziert haben wie ebenso die Kelten. Wo vor allem letztere Kernzonen ihres Siedlungsraumes aufzuweisen hatten und wo ihre Kultur somit die tiefsten Spuren hinterlassen konnte, sollen auch manche ihrer Bräuche die Zeiten überdauert haben. Wie etwa im alpenländischen und allemannischen Raum, wo gerade das Eierpicken (andernorts auch als "Eierkippen" bezeichnet ->Thema spezial) eine uralte Tradition ist, die bis heute noch vielerorts dort gepflegt wird.

Aus der Volkskunde des besagten Siedlungsraumes, wo auf die Kelten in den Hochalpen die Helvetier und dann die Schweizer folgten und im nördlich daran anschließenden voralpenländischen Raum die Allemannen und Schwaben, können wir entnehmen, daß die dort lebende Bevölkerung zu Zeiten der mittelalterlichen Agrarwirtschaft unter steten Existenznöten zu leiden hatte. Neben den klimatischen Bedingungen förderten vor allem die damals üblichen Erbteilungen von Höfen und der dazugehörigen Anbauflächen, daß auf den so zerstückelten Erbteilen die Erträge zur Deckung des Lebensbedarfs vielfach nicht mehr ausreichten. Weshalb viele sich gezwungen sahen, ihre Heimat aufzugeben und sich andernorts zu verdingen. Vor allem junge Burschen zog es so in Scharen oft in den Militärdienst fremder Heere von Königen und Kaisern, wo sie wegen ihrer Kraft und Zähigkeit sowie ihres Geschicks auch besonders begehrt waren. Berühmtestes Relikt aus diesen Zeiten ist noch heute die "Schweizergarde" in Diensten des Vatikans.

In regelrechten Auswanderungswellen kamen so vor allem Schweizer auch immer wieder in unser pfälzisches Gebiet, oft auch angelockt durch die Landesherren. So etwa 1654 durch ein "allgemeines Wiederaufbau-Patent" nach dem 30-jährigen Krieg. Aber schon davor wie auch danach erlebte unsere Pfalz immer wieder mal stärkere Zuzüge an Schweizern. So auch nach Lambrecht und in das übrige Lambrechter Tal, voran Esthal, wo einst nahezu die gesamte Einwohnerschaft schweizerischer Abstammung war. Der Uzname "Dickschtrimp" für die Esthaler (hd. "Dickstrümpfe", die gestrickten "Wadenstrümpfe" der alpenländischen Tracht), zeugt noch heute davon.

Die schweizerischen Einwanderer brachten natürlich auch ihre Kultur in die neue Heimat mit und ließ diese, wo immer es möglich war, auch in die neue Umgebung einfließen. Voran ihre Sitten und Gebräuche, zu denen auch das Eierpicken gehörte. Und so fand dieses gewiß so auch seinen Weg nach Lambrecht, wo es sich zunächst wohl als "Nachbarschaftsgaudi" zu etablieren begann. Es muß so auch über einen längeren Zeitraum hinweg gepflegt worden sein und sich so auch nachhaltig im Bewußtsein der Lambrechter Bevölkerung eingenistet haben, daß auch der zwischenzeitliche Niedergang die positive Erinnerung daran nicht verblassen ließ.

Mit der Gründung der "Gesellschaft Frohsinn" ging deshalb wohl auch seine Neubelebung einher. Diese ist etwa Anfang der 1890-er Jahre festzumachen. Seidem, so heißt es, habe das Eierpicken in ununterbrochener Folge stattgefunden, sogar in den Kriegs- und schlechten Zeiten, als die Eier rar waren.

1892, am 19. April, begann es um 5.45 Uhr. Die Berichterstattung darüber sprach in Analogie von einer "Eierbörse". Dabei stellte sie auch Vergleiche mit dem Eierpicken in früheren Jahren an, was auf dessen Existenz weit vor 1892 hindeutet. Schon damals sollen übrigens "Holz- und Gypseier" als faule "Aktien" ins Geschehen eingeschmuggelt worden sein!

Sein traditionell früher Beginn am Ostermontag ist damit zu erklären, daß der Klerus von dem heidnischen Brauch des Eierpickens nicht sehr angetan war und insbesondere darauf bestand, daß hierdurch der Gottesdienst nicht gestört werden sollte. So legte man das Eierpicken vor den Kirchgang, was den frühen Beginn notwendig machte. Später wohl auf 6 Uhr gerundet, wurde er bis 1975 so beibehalten. Als dann das Fernsehen im Aufziehen des 1000-Jahr-Jubiläums von Lambrecht auf den urigen Brauch aufmerksam wurde, kam im Jahr 1976 die Verlegung seines Beginns auf 7 Uhr. Ihn festigte dann so endgültig die Einführung der Sommerzeit im Jahr 1980.

Die Bemühungen der "Gesellschaft Frohsinn" um das Eierpicken endeten wohl mit deren Aufgehen im "Comite für die Erhaltung des historischen Sommertags-Festes in Lambrecht", kurz nach dessen Gründung im Jahr 1912. Da sich das "Comite" ausschließlich dem Sommertagsfest zuwandte, muß das Eierpicken danach wohl in "Eigenregie" fortgeführt worden sein, gewiß auch mit Unterstützung durch den einen oder anderen Verein. Bis 1964 scheint es jedenfalls so als "Selbstläufer" zelebriert worden zu sein, um dann ab 1965 dem Verkehrsverein unterstellt zu werden. Grund war, daß im Jahr davor "Spezialbehandlungen" der Eier zu heftigem Ärger geführt hatten. Denn bis dahin durften die Picker ihre Eier selbst auf den "Pickplatz" mitbringen. Dies verleitete allzu sehr zu "Manipulationen", die nicht nur in bloßem Ärger, sondern z. T. auch in Handgreiflichkeiten mündeten.

Schon oben wurde die Verwendung von "Holz- und Gypseiern" als "Mogeltrick" angesprochen. Auch "Straußeneier" sollen einmal darunter gewesen sein. Um Ostereiern eine besondere Festigkeit zu verleihen, ließen sich die Lambrechter so manches einfallen. Etwa das Füttern der Hühner mit besonders kalkreichem Futter, auf daß diese Eier mit besonders dicken Schalen legten. Auch für das Abkochen der Eier hatte man sich besondere Techniken ausgedacht, durch die nämlich das Ei während des Kochens in der Horizontallage um seine Längsachse gedreht werden konnte, damit die "Luftblase" sich seitlich verteilte und nicht etwa im spitzen oder stumpfen Ende als den eigentlichen "Kampfzonen" des Eies landete. Beim Bemalen mit "Wasserglas" (Leim), oft in mehreren Schichten, kam es dann zum letzten "Härtungsprozeß". Solchermaßen präparierte Eier mutierten dann zu echten "Panzereiern", gegenüber denen diejenigen der ehrlichen Picker ohne Chancen waren.

Ein solches Objekt führte schließlich dazu, daß der Verkehrsvein dann auch beschloß, sich dem alten Osterbrauch anzunehmen und hierfür nur noch Eier zuzulassen, die er auch selbst bereitstellte. So mußte er fortan nur noch auf die strenge Geheimhaltung der Eierfarbe vor den "Spionen" achten, deren Zahl vor dem Eierpicken in Lambrecht ja bekanntlich sprunghaft in die Höhe schnellt. Weshalb die Besorgung und Anlieferung der Eier auch unter perfekter Tarnung vonstatten geht. Erst auf dem "Pickplatz" wird das "Geheimnis" dann gelüftet.

Der ursprüngliche Pickplatz für das Eierpicken bildete übrigens einst der Platz hinter dem ehemaligen "Konsum" (Vereinstraße 15), zur Wallonenstraße hin. Seit der Umnutzung des Gebäudes als Wohnhaus (ca. um oder nach 1970) unterliegt auch der Platz einer völligen privaten Nutzung, die öffentliche Veranstaltungen darauf nicht mehr ermöglicht. Weshalb das obere Teilstück der Wallonenstraße zur Karl-Marx-Straße, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Vorgänger, zum heutigen Pickplatz umfunktioniert wurde.

Punkt Glockenschlag 7 Uhr eröffnet das Eierpicken dort der musikalische Auftakt durch die Stadtkapelle. Palettenweise mit ihren Ostereiern bewaffnet streben die Picker dann lautstark in die Eierschlacht. Zunächst werden mit dem Ruf "Ganzes" Gegner mit ganzen Eiern zum Duell aufgefordert. Schlaggeschwindigkeit, Auftreffwinkel, Zielgenauigkeit etc. werden jetzt mitentscheidend. Gelingt es dem darin Geschickteren, nach Festlegung mit welchem Eierende begonnen wird und danach in entsprechendem Wechsel, beide Enden des gegnerischen Eies einzudellen, so hat er das so lädierte Ei gewonnen. Trägt jeder einen Schaden an seinem Ei davon, so geht das Treffen unentschieden aus und jeder behält sein Ei.

Solange ein Ei an einem Ende noch unbeschädigt ist, kann mit diesem weitergepickt werden. Entsprechend welches Ende dies ist, ruft der Pickmatador jetzt etwa "Schpitz" (hd. Spitze), wenn er mit dem unversehrten spitzen Ende einen weiteren Einsatz wagen möchte. Gegner mit gleichartigen Eiern erwidern den Ruf und stellen sich so dem Eierscharmützel. Jetzt entscheidet jeder einzelne Picktreffer. Pikant wird es, wenn das stumpfe Ende die Breche schlagen soll. Dann lautet der Ruf hierfür nämlich "A(r)sch" (der vulgäre Ausdruck für das Hinterteil). Nur beim Eierpicken ist es erlaubt, diesen straflos zu verwenden!

Wenn das Eierpicken schließlich nach etwa einer Stunde endet, weil dann in der Regel die 3000 (und mehr) bunten Eierwaffen verschlissen sind, begeben sich die "Müdegekämpften" in die Grundschul-Turnhalle. Dort erwartet sie Stärkung in Form des beliebten Kraftfrühstücks (Eier mit Schinken und ein Glas Sekt). Nach erfolgter Auswertung findet dann die Siegerehrung mit Kürung des Pickkönigs statt. Dieser erhält den seit 1976 von der Stadt gestifteten Königspokal überreicht. Aber auch nachrangig Platzierte erhalten Pokale und Urkunden wie ebenso die im Mannschaftswettbewerb erfolgreich gewesenen Teams (Vereine, Gruppen, Familien usw.).

Das Lambrechter Eierpicken ist das Spaßereignis der Region! Und wer es einmal erlebt hat, den läßt es so schnell nicht wieder los. Man trifft dort Altpicker mit jahrzehntelanger Teilnahme ebenso wie Jungpicker und Pickküken. Letztere haben ihr "Pick-Gen" häufig durch Eltern ererbt, die oft selbst in der Vergangenheit erfolgreich als Pickkönige (oder Pickköniginnen) hervorgetreten sind. Für viele fortgezogene und in der Ferne wohnende Lambrechter ist das Eierpicken ein fester Termin des Jahres, um wieder einmal in der Heimatstadt zu weilen und dabei alte Freunde und Bekannte wiedersehen zu können. Auch Ausländer befinden sich oft darunter, wie etwa aus der Schweiz als einem Mutterland dieses uralten und schönen Osterbrauchs, den man in Lambrecht so leidenschaftlich pflegt. 

Eindrücke vom Lambrechter Eierpicken:

  Andrang auf dem Pickplatz

  Jugend...

  ...auf dem Vormarsch

  Pickküken und...

  ...alte Hasen

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Anhang:

Der Ursprung des historischen Lambrechter Sommertagsfestes 1755

(vormalig "Thema spezial" Nr. 9 v. 22.03.10)

Recht fröhlich und bunt wurde am 14. März 2010 das historische Sommertagsfest in Lambrecht gefeiert. In der Begrüßung und Moderation wurde dabei wie üblich auch auf die Entstehung dieses alten Lambrechter Brauchtums eingegangen. Als Novum wurde diesmal jedoch das Jahr 1750 hierfür verkündet, gestützt auf einen Vorbericht in der örtlichen Presse. Dort war die Redaktion wohl auf alte Presseberichte zum ersten großen Sommertagsfest von 1914 gestoßen, wo in der Tat das fragliche Jahr für die Entstehung dieses alten Brauchs so aufgeführt wird.

Als ich 1991 den Vorsitz des Verkehrsvereins Lambrecht übernahm und so - neben der Stadt - zum Hauptverantwortlichen für die Durchführung dieses alten Festes wurde, bin ich bei meinen Begrüßungsansprachen ebenfalls auf den historischen Ursprung eingegangen. Dabei habe ich für den Beginn der Sommertagsfest-Historie zunächst das Jahr 1753 propagiert, das damals in der heimatlichen Presseberichterstattung üblicherweise hierfür angegeben wurde und auch so beim Verkehrsverein selbst veraktet war.

Nachdem ich so über Jahre hinweg dieser Ansicht gefolgt war, beschlichen mich dann erste Zweifel an der Richtigkeit dieses Datums. Stutzig machte mich der für das gleiche Jahr dokumentierte sog. "Lambrechter Feldzug" in Kontextur zu einem demgemäß nur kurz davor begangenen Sommer-tagsfest. Ich fragte mich, ob die Dramaturgie in sich schlüssig ist, daß an Lätare 1753 ein Friedens- und Versöhnungsfest - woraus ja das historische Sommertagsfest hervorgegangen ist - zwischen den Nachbargemeinden Grevenhausen und St. Lambrecht gemeinsam gefeiert werden konnte und diese dann schon ein knappes Viertel Jahr danach wieder in feindseligen und kriegsähnlichen Umgang miteinander verfallen konnten? Welche Glaubwürdigkeit wäre einem solchen Friedens- und Versöhnungsfest beizumessen und hätte es danach noch überhaupt eine Überlebenschance gehabt?

Ich beschloß, einer genaueren Ergründung nachzuspüren. Dabei stieß ich natürlich auch auf jene Presseberichte von 1914 (Thalpost, Neustadter Zeitung, Pfälzische Presse u.a.) sowie auf eine Reihe weiterer noch in den Jahren danach. Sie alle führten explizit das Jahr 1750 als Entstehungsjahr an, vermochten ansonsten aber keine weiteren konkreten Einzelheiten zu nennen. Mir erschien dies schon recht früh als suspekt, weil mir das fragliche Jahr zu glatt und zu griffig und daher eher als "geschätzt" erschien, in Ermangelung jeglicher weiteren Stützung durch weitere histori-sche Details. Auch weil ein Teil der Berichte aus diesen Jahren überhaupt kein Entstehungsjahr angab, weil es den jeweiligen Verfassern vielleicht doch nicht so gesichert erschien.

Ich erinnere mich, in einer späteren Mitteilung gelesen zu haben, daß das "Comite" als zuständige Organisation des historischen Sommertagsfestes bzw. Karl Rauch selbst als Motor des Ganzen das Vorhaben bekundete, den geschichtlichen Hintergrund noch genauer aufhellen zu wollen, was meine inzwischen gewonnene Einschätzung nur stützte. Und so nehme ich an, daß wohl Karl Rauch sich auch konkret diesem Vorhaben zuwandte und dabei auch zu neuen Erkenntnissen gelangt war.

Von welcher Qualität diese Erkenntnisse waren, ist nicht mehr nachvollziehbar. Sehr wahrscheinlich aber sind sie in einen Vorbericht zum Sommertagsfest des Jahres 1927 eingeflossen, abgedruckt im 2. März=Heft 1927, 9. Jahrg., Nummer 18, in "Pfälzische Verkehrs=Zeitung - Pfälzer Illustrierte". Neben einer ausführlichen Schilderung des historischen Lambrechter Sommertagsfestes als bedeutendes Pfälzer Volksfest, geht der Verfasser (mit R. K. angegeben) dort auch auf die geschichtliche Entwicklung dazu ein.

Als Ausgangspunkt führt er das den St. Lambrechter Tuchmachern schon 1577 eingeräumte Recht an, auf den auch Kreuzwiesen genannten Trockenwiesen des Sommerbergs, auf Grevenhausener Mark, ihre Tuche trocknen zu dürfen. Danach geht er auf das Verhältnis zwischen Grevenhausen und St. Lambrecht ein und dessen zunehmende Verschlimmerung.

Er greift dann eine erste stärkere Zuspitzung im Jahr 1750 auf, als die kurpfälzische Regierung anstelle eines Zollhauses früherer Jahre, einen neuen Zollstock vor dem bischöflichen Grevenhausen errichten wollte, wogegen das Domstift heftig protestierte und es so zu "neuerlichen und sehr ernsten Reibereien" kam. Über deren weiteren Entwicklung teilt der Berichterstatter uns mit:

"Im Jahre 1753 erreichten diese ihren Höhepunkt. Kurpfälzische Truppen fielen, da der Bischof den Zollstock in Grevenhausen niederwerfen ließ, in die bischöflichen Ämter um Neustadt ein und führten des Bischofs feinste Weine davon. Die reichsten Bauern aus der Umgebung wurden nach dem kurpfälzischen Neustadt verbracht und ins Gefängnis geworfen. Die kurpfälzischen Bauern fielen über die bischöflichen her und plünderten die Wälder. Auf beiden Seiten gab es Tote."

Diese Darstellung weist eine starke Parallelität zum sog. "Lambrechter Feldzug" im gleichen Jahr auf, so daß man vermuten könnte, hier ist dem Verfasser eine Verwechselung unterlaufen. Andererseits bestehen aber auch gravierende Unterschiede hinsichtlich dessen Überlieferung.

Auslöser dieses nach Lambrecht benannten kriegerischen Ereignisses war danach nicht der niedergeworfene Zollstock, sondern die "Cordier'sche Angelegenheit". Johann Cordier stammte aus Otterberg und war Kurfürstlicher. Er wollte an der Grenze zwischen St. Lambrecht und Grevenhausen, etwa wo sich heute an der Hauptstraße "Der Brillenmacher" befindet, ein Wirtshaus errichten. Die Grevenhausener protestieren dagegen, da nach ihrer Meinung der Bau auf bischöflichem Grund erfolgte. Sie riefen ihre Herrschaft um Beistand an und so kam es, daß ein Trupp vom bischöflichen Oberamt in Kirrweiler anrückte und mit Hilfe der Grevenhausener, in einer dunklen Nacht, den schon bis zum zweiten Stockwerk aufgeführten Bau niederriß.

Weshalb, und weil der bischöfliche Exekutionstrupp bei seinem Rückmarsch auch ein paar kurpfälzische Kartoffelstöcke herausriß, wobei es zu einem Schußwechsel kam, im Juli und August 1753 ein kurpfälzischer Vergeltungstrupp in der Stärke von 861 Mann, mit 192 Berittenen, in bischöfliche Dörfer entlang der Haardt einrückte, dort Wein, Nahrungsmittel requirierte und Geldkontributionen einzog und nach dem kurpfälzischen Neustadt verbringen ließ. Von Inhaftierten und Toten ist hierbei allerdings nicht die Rede. Wie dem auch sei, die Gemüter der Bürger beider Seiten waren gewaltig am Kochen und so fährt der Verfasser unseres Berichts auch entsprechend fort:

"Daß dieser Streit sich ganz besonders in St. Lambrecht und Grevenhausen auswirkte, wo ja der Herd des Ganzen lag, ist klar. Alter Groll wurde wach und mit Argusausgen beobachteten die Bewohner beider Ufer des Speyerbaches die Bachübergänge. Außerdem forderten die St. Lambrechter Tuchmacher erneut ihre Rechte in der Mark Grevenhausen betr. der Trocknung ihrer Waren. Die Grevenhauser bestritten diese Rechte, da keine Urkunden mehr darüber vorhanden waren. Es kommt zu Anpöpelungen und Anrempelungen. Die St. Lambrechter wollen mit Gewalt ihre Rechte sich erkämpfen. Der Kurfürst wird von ihnen um Hilfe angerufen. Die Hilfe wird ihnen gewährt (=eig. Ergänzung), indem der Kurfürst ein Fähnlein Soldaten nach St. Lambrecht wirft. Der Streit wogt hin und her."

In der Fortsetzung des Berichts fällt auf, daß sein Verfasser fortan keine zeitlich präzisen Angaben mehr zu dem nachfolgenden Geschehen macht, wenn er etwa ohne Jahresangabe fortfährt:

"So kommt die Zeit der Frühjahrs=Sonnwend. Von da an sollten die Trockenrechte auf den sogen. Kreuzwiesen jedes Jahr ihre Gültigkeit haben. Man rüstet zur althergebrachten Sonnwendfeier. Die Stimmung wächst. Der gute Wein tut sein möglichstes und in einer solchen Stimmung beschließen die St. Lambrechter ihre Rechte in Grevenhausen zu erkämpfen. Die Grevenhauser, die von dem Vorhaben der St. Lambrechter Kenntnis haben, versperren die Bachübergänge und die Zugänge zu den Kreuzwiesen mit Barrikaden und wollen den St. Lambrechtern den Zugang gewaltsam wehren. Es kommt zum Krach. Die Lambrechter kommen bis zum Aufgang zu den Kreuzwiesen, wo eine Kapelle zu Ehren des hl. Pankratius stand. Dort erwarten die Grevenhauser sie. Mit "Spießen und Stangen" sind beide Parteien ausgerüstet. Außerdem stehen den St. Lambrechtern noch die Soldaten zur Verfügung."

Die Auflösung dieser nun bis zum Äußersten angespannten Auseinandersetzung schildert uns der Verfasser dann wie folgt:

"Es kommt aber hier nicht zu ernsthaften Schlägereien, wie das früher oft der Fall war. Im letzten Augenblick kommt durch das bischöfl. (eig. Anm.: richtig ist wohl "kurpfälzische") Oberamt in Neustadt die Meldung, daß die Rechte der St. Lambrechter zu recht bestehen. Der Streit findet so ein Ende. Langsam wird in dem Tale Ruhe. Die St. Lambrechter feierten zum Andenken an diese Begebenheit jedes Jahr ihre Sonnwendfeier auf den Kreuzwiesen. Als dann die beiden Gemeinden sich vereinigten, wurde auch diese Feier gemeinsam weiter beibehalten zum Andenken an jene Begebenheit."

Und so formuliert der Verfasser als Zwischenschluß seines Berichts:

"Das ist die geschichtliche Unterlage, welche das Lambrechter Sommertagsfest weit über die anderen Sommertagsfeiern hinausträgt..."

Trotz solcher Worte größter Anerkennung und höchsten Lobs für das Lambrechter Brauchtum bleibt unser Berichterstatter dennoch leider die genaue Datierung dieses ersten historischen Lambrechter Sommertagsfestes schuldig. Gewiß aber nur, weil er zum Zeitpunkt seiner Berichterstattung selbst keine genauen Kenntnisse darüber hatte.

Resümieren wir zunächst, daß die anfängliche Meinung, das historische Sommertagsfest sei erstmals 1750 gefeiert worden, durch den hier dargestellten jüngeren und daher aktuelleren Bericht von 1927 auf keinen Fall zutrifft. Auch das Jahr 1753 scheidet hierfür eindeutig aus, da der Bericht von 1927 den Ursprung des historischen Sommertagsfestes ebenfalls eindeutig auf Lätare nach diesem Jahr bestimmt, also frühestens Lätare 1754 hierfür in Frage kommt. Aber auch hier hege ich Zweifel:

Vom sog. "Lambrechter Feldzug" im Juli und August 1753, der ja die Gemüter so mächtig in Wallung versetzte, bis zu Lätare 1754 wäre gerade mal ein halbes Jahr verstrichen. Ob dies ausreichte, die Wogen einigermaßen zu glätten, muß auf jeden Fall bezweifelt werden. "Der Streit wogt hin und her", mit diesen Worten beschreibt der Verfasser unseres Berichts von 1927 die Situation und suggeriert damit, daß der Streit wohl noch recht lange hin und her wogte.

Tatsächlich verstrickten sich die Landesherren in einen Aktenkrieg, der zuletzt sogar vor dem Regensburger Reichstag anhänig wurde und die Untertanen wohl nicht unberührt ließ. Wogegen sie Streitigkeiten um Waldnutzungs- und Weiderechtrechte in einem Vergleich vom 23.8.1753 aus dem Wege räumten. Cordier baute sein Wirtshaus, den "Kurpfälzischen Hof", schließlich doch noch und dürfte damit die Grevenhausener weiterhin provoziert haben, denn mit seiner Platzierung direkt an den Beginn der "Grevenhausener Thekenmeile", wo sich mehrere Wirtshäuser befanden (Hirsch-, Einhorn-, Schwanen-, Ochsenwirt)  machte er deren "Gasthaus-Monopol" Konkurrenz.  

So dürfte besagter Streit noch recht lange vor sich hingebrodelt haben und das Tagesgespräch geblieben sein, das auch die Gemüter weiterhin erregte. Und dies gewiß noch über Lätare 1754 hinaus, so daß wohl erst zu Lätare 1755 die Zeit dafür reif schien, angesichts neu aufziehender Krawalle, nachdem die aus der Cordier'schen Angelegenheit wohl gerade erst etwas abgeklungen schienen, nun endlich Vernunft walten zu lassen für eine friedliche Koexistenz der beiden Nachbardörfer. Diese schließlich so auch begründend durch das erste historische Sommertagsfest in diesem Jahr als Friedens- und Versöhnungsfest zwischen Grevenhausen und St. Lambrecht.

Dies habe ich zur Grundlage genommen für das von mir verfaßte und 2005 vom Verkehrsverein herausgegebene LAMBRECHTER HEIMATHEFT "250 Jahre historisches Lambrechter Sommertagsfest 1755 - 2005".

* * *


*) s. auch Ausführungen unter -->Lambrecht (Pfalz) bzw., -->Verkehrsverein  desweitern unter --> Heimathefte und den dort angeführten einschlägigen thematischen Ausarbeitungen;

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