Die Stadt Lambrecht (Pfalz)

Vom Kloster zur "Kleinen Stadt im Pfälzerwald"

1. Die Gründung des Benediktiner-Klosters durch Otto von Worms

Die Stadt Lambrecht (Pfalz) führt ihren Anfang auf das Jahr 977 bzw. 987 zurück (darüber streiten die Historiker). Damals stiftete Graf Otto von Worms (->Heimathefte), der Enkel Kaisers Otto I. und Großvater des späteren Kaisers Konrad II., in einem Talkessel des nahen, menschenleeren Waldes beim Weiler Grevenhausen ein Bendiktiner-Kloster zu Ehren des höchsten Herrn und des heiligen Märtyrers Lambertus und stattete es mit umfangreichem Besitz vom Rhein bis zum Westrich hin aus.

  Basilika der Benediktiner (Rekonstruktion)

Die Klostergründung St. Lambrecht war ein bedeutender Schritt zur Besiedlung dieser unwirtlichen Mittelgebirgs-Landschaft und ihrer abgelegenen, tiefeingeschnittenen, versumpften Täler, die nur an wenigen Stellen von den uralten Hochstraßen der Kelten und Römer gekreuzt wurden. Das Gebiet der Pfalz war nach Abzug der Römer, im Jahr 406, jahrhundertlang Durchzugsgebiet der nachströmenden germanischen Völkerstämme, verbunden mit starkem Siedlungsschwund.

Nach dem Durchzug der Hunnen, 451, folgten seßhaftere Germanenstämme, von denen diejenigen des Mundobert und Sigibert überliefert sind. Sie folgten dem ertragreichen Boden die oberrheinische Tiefebene herauf und aus dem heutigen Lothringen über die Saar zur Sickinger Höhe. Die Aufrichtung des Frankenreiches durch die Merowinger, um das Jahr 500, förderte, daß Siedlungen neu entstanden und sich auch immer weiter in den Pfälzerwald vorschieben konnten. Dabei haben die Klöster der Benediktiner, Zisterzienser, Prämonstratenzer und Augustiner große Verdienste erworben.

Fast ein Jahrhundert hielten die Salier ihre schützende Hand über das Kloster St. Lambrecht, auch, nachdem sie seit Konrad II., dem Enkel des Stifters, als Kaiser das Reich regierten. Doch der vom Kaiser in Speyer begonnene gewaltige Dombau wurde St. Lambrecht zum Schicksal. Im Jahr 1065 verschenkte Kaiser Heinrich IV. das Kloster und seinen Besitz in Kreuznach der Domkirche, zur weltlichen und geistlichen Ausstattung dieser salischen Grablege.

Auch unter dem neuen Herrn, dem Bischof des Hochstifts, der jetzt geistliches und weltliches Oberhaupt zugleich war, ging das Leben im Kloster weiter. St. Lambrecht muß damals eine beachtliche Bedeutung erreicht haben, denn wie eine Urkunde des Jahres 1172 belegt, unterhielt es weithin geschäftliche Beziehungen, so etwa den Rhein hinunter bis nach Westfalen.

2. Die Ablösung der Benediktiner durch die Dominikanerinnen

Das Kloster hatte in der zweiten Hälfte des zwölften Jh. bereits ein eigenes Gemeinwesen mit einem Schultheiß. Eine ausdrückliche Erwähnung der dörflichen Siedlung als "villa St. Lamberti" findet sich erstmals in einem Erbvertrag des Bischofs Konrad von Leinigen, im Jahr 1237. Zu dieser Zeit war allerdings das benediktinische Kloster ziemlich heruntergewirtschaftet. Große Teile des Besitzes, so z.B. Alsenbrück und Neunkirchen im Raum Kaiserslautern, waren notgedrungen verkauft worden. Weiterer Besitz war verpfändet. Die Agrarkrise des Mittelalters und der allgemeine Verfall der Klosterzucht machten auch vor den Mauern Lambrechts nicht Halt. Und so entschloß sich Bischof Konrad von Eberstein zu einem radikalen Bruch. Die Benediktiner wurden aus Lambrecht entfernt und auf andere Klöster verteilt. In das alte Kloster zog aber eine junge Gründung ein, die von Papst Innozenz IV. am 15. April 1244 bestätigt wurde. Die Zeit der Dominikanerinnen begann.

3. Der Bau der Klosterkirche

Sie führten ein vorbildliches und religiöses Leben und unter ihrer Regie war das Kloster St. Lambrecht bald das reichste Dominikanerinnen-Kloster der Pfalz und Rheinhessens, wohlhabend durch Stiftungen und Schenkungen. Und auch die Wirtschaft entwickelte sich kräftig. In dieser Zeit wurde die heute zum Teil noch erhalten gebliebene Klosterkirche gebaut, die in ihrer klassischen Schlichtheit den reinen Typ der Bettelordenkirchen verkörpert und in der Pfalz das einzige Zeugnis solcher Gebäude aus dem Hochmittelalter ist.

Rekonstruktion des ursprünglichen Zustands (vor dem Abbruch der drei westlichen Joche von 1802)

Mit ihrem Kirchenbau überbauten die Dominikanerinnen eine benediktinische Basilika, auf deren Fundamente man 1979/80 stieß (s.o.). Kurze Zeit nach Vollendung unter der Priorin Kunegund von Fleckenstein, wurde der Kirchenraum ausgemalt. Von den in Secco-Technik erstellten Ausmalungen ist ein Teil im Chor wieder freigelegt, der aus einem Zyklus von fünf Bildern besteht, die in Art der im Mittelalter üblichen "biblia pauperum" (Bibel der Armen, i. S. von "bildhaft", da diese nicht lesen konnten) in bildlicher Form erzählen. Neben einer archaich anmutenden Darstellung von Christus, als den Herrn der Kirche, finden wir auf den ungewöhnlich großen Feldern die Legende des heiligen Quirinus, einen großen Zyklus von Reliquien-Heiligen sowie das Stifterbild, worauf zwei mit Grafenkronen dargestellte Nonnen Maria, als der Mutter der Kirche, den Neubau darbringen.

   St. Lambertus (Lambertuswand)

4. Auf Blütezeit folgt Not 

Im Jahr 1332 überfielen Kaisertreue das Kloster, um so ihre Loslösung vom Bann zu erpressen, was glimpflich ausging (siehe unten). Für Aufregungen sorgten Auseinandersetzungen mit den Speyerer Bischöfen als weltliche Gewalt, insbesondere was das Patronat der Kirche in Steinweiler betraf. In große Schwierigkeiten geriet das Kloster in kriegerischen Auseinandersetzungen, so als 1460 durch die Veldenzer zwei große Schafhöfe des Klosters in Dannstadt und Schauernheim niedergebrannt wurden. Auch die Bayerisch-Pfälzische Erbfolge-Fehde (1493-1507), der Bauernkrieg (1525) und insbesondere auch die Reformationszeit setzten dem Kloster zu und ließen seine Verhältnisse schließlich vollends zerrütten.

5. Das Ende monastischen Lebens nach gut 550 Jahren

Mit der Reformation wurde die Kurpfalz calvinistisch, was mit einer Machtverschiebung zugunsten des Kurfürsten einherging, der nun die Oberhoheit über das Kloster übernahm. Dieser unternahm  Versuche, das in immer neuen Krisen zerfallende Leben der Klöster zu erneuern. Hieraus entwickelte sich, daß der Schirmherr selbst, in Person des Kurfürsten Friedrich II., das Ende des St. Lambrechter Klosters einleitete, indem er es seiner darniederliegenden Universtät Heidelberg vermachte, um dieser wirtschaftlich aufzuhelfen. Die Übergabe erfolgte unter der letzten Priorin Ursula Johe am 1. September 1553. Hiermit endete in Lambrecht nicht nur die über 300-jährige Epoche der Dominikanerinnen, sondern zugleich die Epoche des monastischen Lebens in seinen Klostermauern, nachdem es dort ein gutes halbes Jahrtausend überdauert hatte!

6. Wallonische Glaubensflüchtlinge bringen die Tuchmacherei 

1464 hatte Lambrecht etwa 155 Einwohner gezählt. Jetzt waren es nach zeitgenössischen Berichten nur etwa 30 männliche Einwohner, Hirten, Köhler und Flößer, die in wenigen geringen Häuslein wohnten. St. Lambrecht und das benachbarte Grevenhausen, beide gleicharm, waren durch Bach und Grenze in zwei Herrschaften getrennt, hier Kurpfalz, da Oberamt Kirrweiler im Hochstift Speyer.

1559 hatte Friedrich III., mit dem Beinamen der Fromme, die Regierung angetreten. Er lieh den französischen Hugenotten in ihren Kriegen Unterstützung und förderte auch in den damals spanischen Niederlanden die Sache der Reformierten. Der Gegendruck machte sich in Widerstand Luft, der im Frühjahr 1567 den Herzog von Toledo, Alba, auf den Plan rief, der auf Geheiß seines Königs im heutigen Belgien und dem südlichen Holland mit seiner plündernden Soldateska ein Schreckensregiment aufführte. Die Hinrichtungen des Grafen Egmond, eines Schwagers Friedrich des Frommen und des Grafen Hoorn, am 5. Juni 1568, wurden zum Fanal. Die Auswanderungswellen der niederländischen Protestanten vermehrten sich. Wann genau der Landesherr den Glaubensflüchtlingen das Kloster St. Lambrecht als Asyl anbot, ist nicht belegt. Aber das Jahr 1568 wird als Gründungsdatum einer protestantischen Gemeinde in St. Lambrecht genannt (siehe ausführlich dazu --->450 Jahre Wallonen).

Sehr wahrscheinlich war auch schon vor dem Einzug der Wallonen in Lambrecht Tuch gemacht worden, denn die Nonnen hatten Schafhöfe besessen (s.o.). Die wallonischen Tuchmacher aber stammten aus einer Gegend, die seit langem geradezu berühmt war für das gute Tuch. In St. Lambrecht fanden sie einen Bach vor, in dem man die Wolle und die fertigen Stoffe waschen konnte. Und Wiesen gab es auch, drüben am sonnigen Hang von Grevenhausen, wo man die gewaschenen, gefärbten, gewalkten Wollwaren trocknen konnte. Was brauchten die wallonischen Wollweber mehr? Fleißig waren sie, ehrlich und sehr streng in ihren Vorschriften.


Der Einzug der Wallonen in St. Lambrecht nach einer historisierenden Zeichnung von J. Eschbach

Vor der ältesten St. Lambrechter Zunftordnung aus dem Jahr 1580 gab es eine Vereinbarung der drei Zünfte in St. Lambrecht, Frankenthal und Otterberg, die wohl überwiegend zum Schutz vor den Lohnforderungen der Gesellen getroffen worden waren. Über diese gemeinsame Abmachung hinaus enthielt die Lambrechter Ordnung besondere Güte- und Güteschutzbestimmungen, Verordnungen über Lehrlinge und Gesellen sowie den Lohn der Scherer und Spinner. Kurz darauf wurde sie von Pfalzgraf Johann Casimir geändert und ergänzt. 1603 wurde von den Zünften der genannten drei Gemeinden erneut eine gemeinsame Ordnung beschlossen. 1749 folgten die von Kurfürst Karl Theodor erlassenen Artikel. Sie schützten den Lambrechtern die Märkte der näheren Umgebung.

Die Lambrechter Tuche waren besser als alles, was man bisher in der Pfalz gewebt hatte. Sie waren begehrt auf Messen und Märkten weit und breit, von Anfang an. Immer neue Wallonen kamen in das Waldtal: Weber, Tuchscherer, Färber, soviele, daß bald die ursprüngliche Einwohnerschaft nur noch ein Siebtel der Bevölkerung ausmachte. Die Wallonen blieben lange ein Völkchen unter sich, streng religiös, ernst in ihrer Lebensweise, gewissenhaft. Auf ihren Verkaufstouren babbelten sie pfälzisch, wie die andern, zuhause aber durften sie auch weiterhin ihre französische Muttersprache parlieren.

Die Tatsache, daß am 20. August 1606 in Lambrecht die Provinzialsynode zusammentrat, läßt erkennen, welchen Rang die protestantische Gemeinde St. Lambrecht damals hatte. Unter den Predigern, die bis 1720 die französische Sprache beibehielten, ragt Dr. Junius hervor, der in Lambrecht pfarramtliche Dienste versah, zugleich Professor der Neustadter, später der Heidelberger Hochschule war und als Leuchte der theologischen Fakultät der Universität Leiden starb.

7. Der große Glaubenskrieg und die Kriege danach

Mit ihrer Verbündung mit den französischen Hugenotten (s.o.), ihrem Drang nach der Führerschaft in der protestantischen Union gegen die katholische Liga und dem Streben, Kurpfalz in den Mittelpunkt des Reiches zu stellen, hatte sich die kurpfälzische Politik auf das Vorspiel des großen Glaubenskrieges eingelassen. Ihr jähes Ende sollte sie im mißlungenen Griff nach der Wenzelskrone durch den pfälzischen Kurfürsten Friedrich V. finden, als "böhmisches Abenteuer" und als Auslöser des nun folgenden Schreckens: den "30-Jährigen Krieg".

Bevor dieser über St. Lambrecht hereinbrach, hatte man 50 alteingesessene und 350 fremde Familien wallonischer Ansiedler gezählt. Nach Verwüstungen durch Spinola, 1621, und weiteren, 1625, 1628/29 und 1639, mit Hungersnot und Pest im Gefolge, war der Ort zeitweilig völlig entvölkert. Nur zögernd kehrten die Geflüchteten danach zurück, so daß 1658 wieder 50 Bürger, davon 30 Tuchmacher gezählt werden konnten. Auch deutsche Tuchmacher waren zugewandert, so daß die ursprünglich wallonische Kolonie jetzt ihren Charakter verloren hatte.  

Aber 1680 mußten die Bewohner schon wieder fliehen, diesmal vor den Franzosen Montclar´s. Und kaum hatte sich der Ort durch französische Protestanten wieder etwas aufgefüllt, wurde er 1689 durch Melac erneut eingeäschert und, zum dritten Mal innerhalb von 70 Jahren, im Spanischen Erbfolgekrieg. Infolgedessen gab es um 1700 etwa 10, nach dem Erbfolgekrieg, 1709, nur noch 6 Tuchmacher.

St. Lambrecht mit Klosterkirche (Mitte) und Grevenhausen (im Vordergrund) um 1640 (Mattheum Merian)

8. Der Wiederaufbau

Der Wiederaufbau wurde von der kurpfälzischen Regierung begünstigt. 1745 kam zwischen dem kurpfälzischen Hofkämmerer und der Lambrechter Zunft ein Vertrag zur Lieferung von Militärtuchen zustande. Hinzu kamen die Privilegien der Zunftordnung von 1749. Es ging aufwärts. Die Händler aus Lambrecht zogen wieder durchs Land, kauften Wolle und verkauften Tuche. Es klapperten die Webstühle, junge Burschen erlernten das Handwerk, neue Fachleute zogen hinzu, immer mehr Tuch hing in den Gestellen auf den Trockenwiesen des Sommerbergs auf Grevenhausener Gebiet.

Und die Wollweber hatten ein Recht dazu, ihre Tuche, nach dem Walken, Waschen und Färben, auf diesen Trockenwiesen zu sonnen und zu trocknen, da es auf der Lambrechter Seite keine derart sonnigen Plätze gab. Dies war ihnen bereits 1554 so zugestanden und auch im St. Lambrechter Lagerbuch so dokumentiert worden. Doch im Laufe der Zeit waren die Urkunden darüber verloren gegangen.

9. Zwistigkeiten und Reibereien

Im Jahr 1755 sollte es darüber zum Konflikt kommen. Denn nicht nur die Tuchmacher aus Lambrecht, sondern auch von Grevenhausen, die die Tuchmacherei von den Wallonen erlernt hatten, bevorzugten diesen Platz. Aber auch Mißtrauen der katholischen Grevenhausener gegenüber den "reformierten Lambrechter Neubürgern", wie ebenso inzwischen aufgekommene Wald- und Weiderechtsstreitigkeiten sowie weitere lokale Zwistigkeiten und auch die zunehmenden obrigkeitlichen Reibereien heizten den Konflikt an. Dazu kam diese unselige Grenze, hier Kurfürst, dort Fürstbischof.

Das Dorf St. Lambrecht umfaßte damals die Häuser rechts des Speyerbachs und links des Bachs, die östlich und links von der Kaiserstraße (heute Hauptstraße) gelegenen Häuser bis zur heutigen Schulstraße, Grevenhausen dagegen die übrigen Häuser am linken Ufer des Speyerbachs. Lambrecht zählte um diese Zeit 109 reformierte, 23 lutherische und 24 katholische Einwohner, während Grevenhausen 15 reformierte und 23 katholische Einwohner hatte.

Der Zuständigkeitszwist der Oberherren übertrug sich auf die beiden Gemeinden. So hatten die Lambrechter vor 1711 den Luhrbach eigenmächtig durch ihre Wiesen geleitet. Und als die Grevenhausener das Wasser zurückleiteten, veränderten die St. Lambrechter den Bachlauf erneut zu ihren Gunsten. Als aber der Luhrbach durch die Grevenhausener wiederum umgelenkt worden war, zog die ganze Gemeinde Lambrecht mit Hebeln und Stangen und allerlei Werkzeugen aus. Sie rückten auf Speyerer Gebiet, rissen Gartenzäune nieder, zerstörten die Gärten, dann wendeten sie den Bach wieder auf die Wiesen und stießen den Fauth von Grevenhausen, der dagegen protestierte, ins Wasser.

1711 verbot der Schultheiß von Lambrecht den Grevenhausenern auf dem Waschstein, an der Lambrechter Bachseite, zu waschen. Den Stein hatten sie 1618 von einem Steinmetz machen und mit Bleiklammern zusammenheften lassen. Grenzstreitigkeiten waren an der Tagesordnung. Zum bedeutendsten Konflikt kam es aber im Juli und August 1753.

10. Die Cordier'sche Angelegenheit

Johann Cordier aus Otterberg, ein Kurfürstlicher, wollte am Ostende von Grevenhausen ein Wirtshaus erbauen, wogegen die bischöflichen Grevenhausener protestierten, da der Boden Fürstbischöflich und durch diesen Bau die Rechte des bischöflichen Oberherrn verletzt wurden. Beiderseitige Regierungen nahmen Partei für ihre Untertanen. Als der Bau trotz des Verbotes des bischöflichen Oberamtes Kirrweiler fortgesetzt wurde, rissen die Grevenhausener in einer dunklen Nacht den Bau nieder.

14 Tage später rückten 861 Mann kurpfälzischer Kriegstruppen zu Roß und zu Fuß, aus Dragonern und Grenadieren bestehend, samt 192 Pferden, unter Anführung des Kommissarius Johann Trost in das fürstbischöfliche Gebiet ein, besetzten Forst und Niederkirchen und requirierten hier und in Königsbach, Hambach, Diedesfeld, Maikammer, St. Martin, Alsterweiler und Kirrweiler den Weinvorrat sowie Lebensmittel, wobei sie auch Geldkontributionen erhoben und verbrachten alles nach der kurpfälzischen Amtsstadt Neustadt. Erst auf dringende Vorstellungen des Bischofs rief der Kurfürst die Exekutionstruppen zurück.

11. Der Streit um die Trockenwiesen

Daß die Streitigkeiten sich ganz besonders auf St. Lambrecht und Grevenhausen auswirkten, wo ja der Herd des Ganzen lag, ist offenbar. Alter Groll wurde wach und mit Argusaugen beobachteten die Bewohner beider Ufer des Speyerbachs die Bachübergänge. Erneut forderten die St. Lambrechter ihr Recht auf die Trockenwiesen, was die Grevenhausener bestritten, da keine Urkunden mehr vorhanden waren.

So kam im Jahr 1755 die Zeit der Frühjahrssonnenwend, in der die Stimmung besonders gereizt war. Die von einem Fähnlein kurpfälzischer Soldaten verstärkten Lambrechter beschlossen, ihr Recht zu erkämpfen, was die Grevenhausener zu verhindern suchten, indem sie den Zugang zu den Trockenwiesen verbarrikadierten. Doch bevor das Zusammentreffen blutiger Ernst wurde, fand sich doch noch ein Beleg, der den Lambrechtern ihr Recht auf die Trockenwiesen attestierte. So wurde dieser Streit beilgelegt und Frieden geschlossen, mit einem Versöhnungsfest und Umzug durch beide Dörfer. Noch heute hält das hieraus hervorgegangene und über 250 Jahre alte Lambrechter Sommertagsfest (siehe -->Brauchtum und -->Heimathefte) die Erinnerung daran wach.

12. Vereinigung von St. Lambrecht und Grevenhausen

Die Querelen dauerten noch während des ganzen 18. Jh. an, bis die Truppen Napoléons beide Siedlungen besetzten und diese 1801, im Frieden von Lunéville, unter französische Hoheit kamen. 1816 zu Bayern gekommen, wurden beide Dörfer 1839/40 vereint, zunächst unter dem Ortsnamen "St. Lambrecht-Grevenhausen", dann 1887 zur "Stadt Lambrecht" erhoben. Als Stadt Lambrecht (Pfalz) zählt die heutige Gemeinde gut 4000 Einwohner, es waren schon einmal gut 1000 mehr.

Grevenhausen (links) und St. Lambrecht um 1815

13. Die Auflösung der Tuchmacherzunft

Die Lambrechter Tuchmacherzunft blieb über die Französische Herrschaft (ab 1801) hinweg als privater Verein mit numerus clausus erhalten. Sie hatte zuletzt noch ein bißchen Grundbesitz zu verwalten und ihre alte Zunftlade, mit dem aus dem Jahr 1599 stammenden Register der "Foulerie au Pont" (Walkmühle an der Brücke). Die verschnörkelten Eintragungen sind in altfranzösischer Sprache vorgenommen. Darin wird über die Genossen Buch geführt, bis 1759 die Eintragungen enden.

Die meisten Mitglieder hatten französische Familiennamen, Erben der wallonischen Einwanderer. Um 1730 deutschte ein Amtsschreiber in Heidelberg, ohne große philologische Kenntnisse, viele Namen recht und schlecht ein, oft nur nach phonetischen Gesichtspunkten. 1720 hatte der letzte Schullehrer in St. Lambrecht, der tunlichst auch Deutsch sprechen sollte, seinen Dienst quittiert.

14. Die Heidelberger Universität als Herr über das Kloster

Daß es im 18. Jh. zwischen dem bischöflichen Grevenhausen und dem kurfürstlichen Lambrecht nicht immer wie Hund und Katz zuging, dafür sorgten schon die in jener Zeit, nach unserem heutigen Verständnis, recht rigorosen, allgemeinen Begriffe von Zucht und Ordnung, in deren Handhabung sich die beiden Obrigkeiten ziemlich einig waren.    

Besonders seit der Zeit, in der die katholische Düsseldorfer Seitenlinie unter Jan Wellem das Wittelsbacher Erbe in Heidelberg angetreten und das Kloster samt seinem umfangreichen Landbesitz in der Vorderpfalz seinem rechtmäßigen Herrn, der Universtität Heidelberg, zur freien Nutzung zurückgegeben hatte.

Hatte die kurpfälzische Hofkammer zuvor den Klosterbesitz für einen festen Anschlag von einigen hundert Gulden in Dauernutzung genommen, so verstand es jetzt die Universität, den Sinn der Inkorporation von 1551 Wirklichkeit werden zu lassen. Nämlich, der Universität mit den Erträgen des Klosterbesitzes auf die durch Franzoseneinfälle doch recht wacklig gewordenen Beine zu helfen.

So gelang es den rührigen Klosterschaffnern z. B. in den letzten Jahren der Französischen Revolution, den Ertrag der Schaffnerei von 11.000 auf 19.870 Gulden zu steigern. Durch straffe Wirtschaftsführung wurde der Reinertrag, der der Universität zur Verfügung stand, auf das sechsfache gesteigert, wobei wohlgemerkt die zahlreichen Naturalbezüge der Bediensteten, insbesondere die erheblichen Weindeputate der hochwohllöblichen Herren Professoren, bereits abgerechnet waren.

Auch in den übrigen Bereichen kam nach den langen Kriegsjahren ein bescheidener Wohlstand auf. Und so konnte die reformierte Gemeinde bei der berühmten Orgelbaufirma Geib ein Instrument in Auftrag geben, das fast unverändert noch existiert und als ein international anerkanntes Juwel unter den Orgeln des Spätbarocks gilt.

     Geiborgel auf der Empore der Klosterkirche

15. Das Ortsgericht

Doch ansonsten herrschte unter der Fuchtel der Universitätsschaffner, die als der verlängerte Arm der Heidelberger Herrschaft fungierten, ein scharfer Ton. Die Protokolle des Ortsgerichts berichten in deutlicher Sprache von den Verfehlungen in jener Zeit und ihrer drastischen Ahndung. Es waren Diebstahl, Betrug, moralische Vergehen:

Der Forstmeister des gnädigen Kurfürsten hatte einen erwischt, als er sich 30 Forellen aus dem Bach fischte. 27 davon setzte er zwar wieder ein, drei aber waren schon tot. Er hatte sich an herrschaftlichem Eigentum vergriffen: siebeneinhalb Gulden Strafe...

Ein Bäckermeister wurde überführt, etwas vom Klosterholz, das die Gemeinde für die Truppen der Armee gekauft hatte, in seiner Bäckerei verfeuert zu haben: zwölf Ster mußte er nachbezahlen, drei Gulden Strafe und die Gerichtskosten...   

Ein kinderreiches Ehepaar, er als Saufkopp geschildert, hatte auf dem Neustadter Markt eine Tasche voll Lebkuchen mitgehen lassen, was zwei Gulden Strafe machte...

Ein Krämer hatte mit einem Zweipfundstein gewogen, der zwei Lot zu leicht befunden wurde: ein Gulden, 30 Kreuzer...

Zwei junge Männer waren durch die vorzeitige Niederkunft ihrer Angetrauten des vorehelichen Beischlafs überführt worden: 25 Gulden, für jeden(!).

16. Die Tuchmacherei im Industriezeitalter und ihr Ende

Und was ist über alledem aus der Tuchmacherei geworden? Da hat sich vieles verändert. Hervorgerufen durch die Gewerbefreiheit der neuen Französischen Republik, durch das Verbot der Einfuhr englischer Tuche und durch Militärtuchlieferungen - Napoléons Gang nach Moskau stand ja noch bevor - blühte das Geschäft in Lambrecht zunächst auf. Als die Pfalz 1816 zu Bayern gekommen und die Kontinentalsperre aufgehoben war, sank die Beschäftigtenzahl von 700 auf 400 und darunter. Mit der Entwicklung der mechanischen Spinnerei kam das kleine, auf alte Betriebsformen eingestellte, Lambrecht immer mehr ins Hintertreffen. Erst im ersten Drittel des 19. Jh. entschloß man sich dort zu modernen Spinnereigenossenschaften, anschließend zu Fabrikgründungen mit modernen Spinn- und Webmaschinen. So entstanden als erste Spinnereien 1823 die "Alte Maschine" im Nonnental und 1832 die "Neue Maschine" nur ein Stück talaufwärts, heute Industriebrache Knoeckel, Schmidt & Cie. Damit war der Schritt ins Industriezeitalter vollzogen (siehe auch unter --->Tuchmacherei).

Lambrecht etwa zu Beginn der vorletzten Jahrhundertwende

Günstig wirkten sich die Eingliederung in das Gebiet des Deutschen Zollvereins aus und der Anschluß an die Eisenbahnlinie (1849). Nach 1860 kamen auch wieder staatliche Aufträge. Die vielen kleinen Tuchmanufakturen machten wenigen großen Platz, die fast nur Uniformstoffe herstellten. 1860 waren es noch dreißig, 1914 noch sieben, 1950 nur drei Tuchfabriken. Heute gibt es keine mehr. In einem einzigen Lambrechter Betrieb, dem mit über 425 Jahren ältesten in der Pfalz, werden noch Filze und technische Vliese gewebt. Ansonsten können von den Lambrechter Unternehmen nur noch wenige, und diese auch nur im weitesten Sinne, der Textilbranche zugerechnet werden.

Weber bei seiner Arbeit am Webstuhl

17. Soziale Spannungen, Arbeitskämpfe und politische Wirren 

Eine Arbeiterfrage hat es zu Beginn des 19. Jh. noch nicht gegeben. Aber mit dem Aufkommen der Maschinen hatte das patriachalische Leben ein Ende. Aus den kleinen Meistern und später den Wollspinnern, die mit den kapitalkräftigeren Kollegen nicht mehr mitkamen, ging in Lambrecht ein Arbeiterstand hervor. Die völlige Neugestaltung der Lebensweise verschlechterte seine Lage. Als mit wachsender Industrie fortwährend Arbeiter von außerhalb nach Lambrecht kamen, brachten sie neue Ideen mit, die hier auf fruchtbaren Boden fielen und ein soziales Klassenbewußtsein herbeiführten.

Diese Entwicklung hatte schon um 1840 begonnen. 1859 kam es zum ersten Streik der Weber. Die übrigen Arbeiter waren dadurch ebenfalls zum Feiern gezwungen. Vor dem Streik hatten die Weber z. B. das Tuch unentgeltlich zum Sommerberg bringen und von dort wieder abholen müssen. Der Streik war nach geltendem Recht "verbotene Koalition". Einige Arbeiter fanden sich deshalb bald im Gefängnis wieder.

Im Mai 1872 ging es um eine zwanzigprozentige Erhöhung der Löhne. Der Streik führte zu einem einheitlichen Tarif aller Lambrechter Fabrikanten, der eine geringfügige Erhöhung vorsah und die Arbeitszeit bei dreizehn Arbeitsstunden beließ. Das waren die Anfänge von Arbeitskämpfen, die sich über die Jahrhundertwende hinaus fortsetzten, zunehmend von außen beeinflußt wurden, wochen-, ja monatelang dauerten und teilweise Modellcharakter für die gesamte deutsche Tuchindustrie hatten. Dabei kam es nicht nur zwischen Arbeitern und Fabrikanten, sondern auch zwischen Alteingesessenen und den von den Fabrikanten während der Streiks und der Aussperrung angeworbenen Ortsfremden und Ausländern immer wieder zu Spannungen.

Hinzu kamen natürlich die allgemeinen politischen Wirren des 19. Jh., wobei der Mai 1849 einen Lambrechter Höhepunkt der Revolution bildete. In Lambrecht breitete sich das Gerücht aus, königstreue Truppen würden anrücken, um mit Hilfe einheimischer Katholiken den Protestanten die Hälse abzuschneiden. Woraufhin die St. Lambrechter Bürgerwehr am 7. Mai mobil machte und gegen 7 Uhr abends mit allen Waffen und Munition nach Neustadt zog, um dort gegen zwei Regimenter Preußen zu kämpfen, die in der Nacht erwartet wurden.  Gegen 3 Uhr morgens kam das Chor unverrichteter Dinge wieder aus Neustadt retour, nachdem es nur der Bischof von Speyer war, der mit seinem Gefolge auf Firmungsreise nach Neustadt unterwegs war.

Ähnliche wirre Kriegszustände wiederholten sich im November 1923. Als bewaffnete Separatisten von Neustadt her und in Kompaniestärke in einem Vergeltungsangriff gegen Lambrecht vorrückten, dort drei unbeteiligte Bürger erschossen und dann auf heftigste Gegenwehr trafen und, nachdem mindestens sechs der Angreifer tödlich getroffen waren, schließlich wieder das Weite suchen mußten.

18. Die beiden Weltkriege

Schon der Erste, mehr noch der Zweite Weltkrieg, forderte von Lambrecht hohen Blutzoll. Zu den 202, die an der Front ihr Leben ließen oder vermißt wurden, kamen 60 Frauen, Kinder und Männer, die durch Kriegseinwirkungen in Lambrecht und der näheren Umgebung ihr Leben verloren. Allein bei einem Angriff, am 2. März 1945, starben 14 Menschen in den Trümmern der zerbombten Häuser der Pilgergasse. Acht Prozent der bebauten Stadtfläche wurden zerstört oder stark beschädigt, darunter der Güter- und der Personenbahnhof, ein Fabrikanwesen, die Apotheke. Allmählich nur haben sich die Wunden geschlossen.

19. Altes Brauchtum für den Fremdenverkehr

Wegen des unverkennbaren Schwunds an industriellem Potential gingen in Lambrecht auch Bemühungen um den Fremdenverkehr einher. Schon vor 1900 setzten diese ein, doch erst die überaus großen Anstrengungen in den Zwanzigerjahren des letzten Jh. zeigten besondere Wirkung. So mit dem Sommertagsfestspiel (--->Heimathefte und --->Brauchtum) von Karl Rauch, dessen Aufführungen Tausende von Fremden nach Lambrecht zog. Es wurde bald vom Geißbockfestspiel von Ernst Schäfer überflügelt, das 2013, im 80. Jahr seines Bestehens, wieder großartig in Szene gesetzt wurde und wieder zahllose Gäste aus Nah und Fern erfreute.

Während das Sommertagsfestspiel den Streit von 1755 zum Gegenstand hat, nimmt das Geißbockfestspiel in einem Streifzug durch die Geschichte insbesondere die Lieferung eines Tributbocks für ein im nahen Wald von Deidesheim gewährtes Weiderecht auf, wovon ein Weistum König Ruprechts aus dem Jahr 1404 kündet und das kein geringerer als der Franzosenkaiser Napoléon 1808, von seinem Feldlager im spanischen Burgos aus, bestätige.

Und so steht bei den alljährlichen Pfingstfestlichkeiten der Lambrecher Geißbock im Mittelpunkt, ob beim Heimatabend oder beim alle fünf Jahre stattfindenden Geißbockfestspiel, wo auch jeweils das jüngstgetraute Ehepaar mit der Geißbockführerschaft betraut wird, um den Tributbock dann am Pfingstdienstag in der Früh in die Geißbockpartnerstadt Deidesheim zu führen, begleitet von einer mehrhundertköpfigen Schar an Mitwanderern. Im Gegensatz zu älteren Zeiten, die manchen Geißbockstreit auslösten, auch gerichtlicher Art, wie 1851, weil seine Beschaffenheit (pfälz. umschrieben: "gut gehörnt und gut gebeutelt") nicht den vertraglichen Vorschriften entsprochen haben soll, läuft es heuer reibungslos.

20. Lambrecht in der Gegenwart

1977 feierte Lambrecht sein 1000-Jähriges Bestehen. Ob 10 Jahre zu früh (s.o.), kann dahingestellt bleiben, denn vor der Klostergründung existierte schon der Weiler Grevenhausen, der zum späteren Dorf Grevenhausen ausgebildet, bei dessen Vereinigung mit Lambrecht, diesem dann einen Altersbonus bescherte, mit dem die Feier von 1977 durchaus gerechtfertigt erscheint.

Eine Retrospektive im Jubeljahr konstatierte, daß Lambrecht in den letzten Jahren vieles verloren hatte: Mit Ausnahme einer Schwertuchweberei, seine gesamte Tuchindustrie, eine Textil-Ingenieurschule, die sich aus den Anfängen einer Webschule für den örtlichen Berufsnachwuchs entwickelt hatte und bis 1974 noch als Fachschule bestand, die Güterabfertigung und seine verwaltungsmäßige Eigenständigkeit im Rahmen der Kommunalreform von 1972. Aber es war Standort für eine Reihe von mittleren und kleineren Unternehmen geblieben, Sitz einer Hauptschule sowie der Verbandsgemeinde Lambrecht geworden.

Ehemalige Textilingenieurschule ("Webschule") auf dem Sommerberg, heute Verbandsgemeindeverwaltung

In den folgenden drei Jahrzehnten vollzog sich weiterer Wandel. Am gravierendsten hinsichtlich des Ortsbildes mit der zu Beginn der 80er-Jahre eingeleiteten Stadtkernsanierung. So mußte eine ganze Häuserzeile der mittleren Hauptstraße weichen, mit zahlreichen Geschäftshäusern und dem ehemaligen evangelischen Gemeindehaus (1981) darunter. Nur so konnte die Hauptstraße verbreitert und mit dem "Herzog-Otto-Platz" eine repräsentative Anlage mit Geißbock-Brunnen geschaffen werden. Im Zuge ihrer Fortsetzung Richtung Stadtzentrum wurde 2000/1 dann die Friedrich-Ebert-Brücke per Neubau saniert und der komplette Bereich, einschließlich Friedrich-Ebert-Platz mit dem Walkmühl-Gedenkstein, neu gestaltet. In der folgenden Stufe wurde die Färberstraße und der ehemalige Spielplatz daran einer völligen Neugestaltung unterzogen, womit die Stadtkernsanierung nun fast vor ihrem Abschluß steht.

Eine ganze Reihe von weiteren baulichen Maßnahmen wirkte ebenfalls auf das Ortsbild ein. So die Neuerrichtung der Kuhbrücke (1979/80), nachdem ihr das Jahrhunderthochwasser von 1978 schwer zugesetzt hatte, der Neubau des Gemeinschaftshauses (1982/3), Die Errichtung des neuen Feuerwehrgerätehauses an der Hauptstraße (Dezember 1986 - Mai 1988), der Abriß des alten Feuerwehrgerätehauses an der Brücke (1994) und der sich unmittelbar daran anschließende Neubau des heutigen Arzt- u. Geschäftshauses, mit der ebenfalls neuen Fußgängerbrücke als Verbindung von dort zum Bereich Färberstraße, die Neuerrichtung der Brücke am Treppenaufgang zum Kleinen Weg (2001), die komplette Sanierung des Zunfthauses und die Neuanlage des Seniorenhauses in der Klostergartenstraße (beides 2005/6), aber auch die städtische Ausweitung durch das Baugebiet Häuselgarten u.a. Alles hat durchweg positiv das Ortsbild beeinflußt, so daß man sagen kann, Lambrecht ist in großen Teilen ein gutes Stück schöner und behaglicher geworden.

Besonders einschneidend im gewerblichen Bereich war das Flammeninferno, das in der Nacht vom 9. auf den 10. April 1991 die Firma Hoffmann/Bernius in der Wiesenstraße heimsuchte und drei große Lagerhallen sowie zwei Produktionsstätten innerhalb kürzester Zeit total vernichtete. Zwar konnte die Firma wieder neu aufgebaut werden, doch am Ende stand ihre Schließung. Lambrecht verlor damit einen seiner letzten großen Arbeitgeber. Gut war nur, daß die vielen neuen Werkhallen zahlreiche neue Unternehmen lockten, die das "Industriegebiet Ost" heute umtriebig beleben. Was die Gastronomie angeht, so hat sie sich innerhalb des letzten Jahrzehnts, nach einer Schwächephase, wieder erholt, und mit der Niederlassung mehrerer Großmärkte hat sich eine überaus komfortable Versorgungslage eingestellt.         

Bedauerlich war der Verlust des Personenbahnhofs, doch mit dessen umfassender Modernisierung zum Anschluß an das S-Bahn-Netz mit neuer Park & Ride - Anlage, hat Lambrecht insbesondere als Knotenpunkt für den Pendlerverkehr gewonnen. Schwer wog auch die Schließung des Postschalters, für dessen Ersatz jedoch wechselnde Postagenturen privater Betreiber einsprangen, wogegen man sich über den Zugewinn als Sitz des Biosphärenreservats Pfälzerwald freuen durfte. Weitere Aufgaben auf dem Gebiet der kommunalen Selbstverwaltung wurden an die Verbandsgemeinde übertragen, so jüngst auch der Bereich Fremdenverkehr.

Und hier hat Lambrecht mit seinen Bergen und ausgedehnten Wäldern mit ihrer reinen Luft und einer ausgeprägten Infrastruktur darin, wie gut erschlossene Wegenetze, bewirtschafte Waldhäuser und -hütten, Burgen und Türmen (--->Heimathefte) u.a., ein bedeutendes Potential aufzuweisen. Hinzu kommt seine facettenreiche Geschichte, aus der seine Kultur und seine Traditionen und das Brauchtum reichlich schöpfen und so Feste und Veranstaltungen hervorbringen, die in der Pfalz einzigartig sind. Das Sommertagsfest (--->Heimathefte), der Heimatabend und das Geißbockfestspiel fanden bereits Erwähnung, der Geißbock-Marsch und das Eierpicken, aber auch die auf das Jahr 1451 zurückgehende Kerwe (--->Heimathefte) seien ergänzend angefügt. Nicht vergessen werden dürfen auch die "Abendmusiken" im Spätjahr, für die die ehrwürdige Klosterkirche einen vorzüglichen Resonanzkörper bildet und die Lambrecht große Anerkennung in der musikalischen  Fachwelt  eingetragen haben.

Blick vom "Beutelstein" auf Lambrecht und seine Klosterkirche

Mit dem Abriß des ehemaligen Versandhauses "Trifels" an der Ecke Klostergartenstraße zur Friedrich-Ebert-Brücke wurde Platz geschaffen für ein neues in die Zukunft gerichtetes Projekt für "Generationen-Wohnen", das mittlerweile zu seinem Abschluß gekommen ist und zeigt, daß Lambrecht in seiner anpackenden Art nicht nachlassen möchte. Diese gilt es auch weiterhin zu wahren, wenn die "Kleine Stadt im Pfälzerwald" in dem sich vollziehenden tiefgreifenden Wandel, in dem wir uns befinden, sich auch weiterhin behaupten will.

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Gästeführungen mit zertifizierten Gästeführern

  Die Stadt Lambrecht bietet Gästeführungen mit zertifizierten Gäste-  führern an! Interessenten wenden sich dazu bitte an die Volkshoch-  schule der Verbandsgemeinde Lambrecht:

VHS, Sommerbergstraße 3, 67466 Lambrecht

Tel.: 06325-181-112, E-Mail: traudel.fuesser@vg-Lambrecht.de

Einen virtuellen historischen Stadtrundgang durch Lambrecht finden Sie auf der Seite -->Stadttour dieser Homepage!    


Ergänzende Beiträge aus der Lambrechter Geschichte:


Zwangsweise auf der Nonnen Wohl getrunken - die St. Lambrechter Bannweingerechtigkeit

Anfang des 15. Jh. gab es zwischen Bischof Raban von Helmstädt (1396-1430) und den Dominika-nerinnen St. Lambrechts öfters Streitigkeiten, die zur Entscheidung sogar vor König Ruprecht anhängig wurden. Der wohl unter ständigen Geldnöten leidende Bischof war nämlich nicht gerade zimperlich, wenn es darum ging, sich neue Einkünfte zu erschließen. Auch die St. Lambrechter Nonnen bekamen dies zu spüren, wehrten sich jedoch dagegen.

U.a. benanspruchte der Bischof das ganze Fischrecht, so daß den Nonnen nichts für den Eigenbedarf verblieb. Wie rigoros er dieses Recht an sich zog, macht die Geschichte um des Bischofs Aal deutlich. Sollte danach ein Müller sich beigehen lassen, der Priorin einen im Speyerbach gefangenen Aal zu senden, so sollten die bischöflichen Amtsleute befugt sein, denselben in der Klosterküche wieder aus der Pfanne zu nehmen. Sie taucht in einem Weistum von 1402 auf, in welchem König Ruprecht dem Bischof allerdings nur die Hälfte des Fischrechts zugestand und die andere Hälfte den Nonnen für den Eigenbedarf zusprach.

Mit einer fiskalischen Idee zur direkten Geldbeschaffung in St. Lambrecht und Grevenhausen sollte der Bischof gänzlich scheitern: die Belegung dieser Orte mit einem Bannwein. Die so von Bischof Raban zuerst okkupierte direkte Besteuerung wurde - wohl als Ausgleich für eine Anzahl weiterer Steuereinforderungen des Bischofs gegenüber dem Kloster - nämlich den Dominikanerinnen eingeräumt und so dem Bischof verweigert.

Nach dieser im Weistum König Ruprechts von 1404 eingeräumten Bannweingerechtigkeit waren die St. Lambrechter Nonnen befugt, dreimal im Jahr, nämlich zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten ein halbes Fuder Wein vor Ort zu vermarkten und dabei das Maß Wein um einen Pfennig teurer zu verkaufen als die Wirte im Ort. Jeweils die Hälfte davon sollte "Zum neuen Kern" und "Zum Holler-Baum" zum Ausschank gelangen, wie die ältesten Gaststätten Lambrechts damals hießen. Die Frist, dort sein Pflichtmaß abzuholen, betrug 14 Tage.

Für den Fall, daß niemand innerhalb der genannten Frist bei den Wirten vorbeikam, um sein Weinkontingent abzuholen, so waren die Nonnen befugt, in jedes Haus zu Grevenhausen ein halbes Viertel Maß zu tragen. Wurde dessen Empfang jedoch verweigert, so stand ihnen das Recht zu, den Wein mit einer Hand in ein Geschirr zu schütten und mit der anderen Hand ein Pfand zu nehmen. Wurde das Pfand nicht innerhalb 14 Tagen ausgelöst, so konnten die Nonnen dieses verkaufen.

Wie willkommen der Zwangskonsum des Nonnenweins zu überhöhtem Preis war, darüber schweigt sich die Geschichte aus. Fast genau 600 Jahre später war sie allerdings willkommener Stoff für das heitere Bühnenstück mit dem Titel "Klosterwein" von Karl Heinz Himmler, das beim Heimatabend 2005 zur Erstaufführung kam und mit großen Erfolg die Geschichte des Lambrechter Bannweins lebendig in Szene setzte.

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Der Überfall auf das Kloster St. Lambrecht im Jahr 1332

(vormalig "Thema spezial" Nr. 7 v. 18.10.09)

Das große Heilige Römische Reich Deutscher Nation, 968 von Otto dem Großen gegründet und von ihm und seinen Nachfolgern zur höchsten Blüte geführt, hatte bis zur Mitte des 13. Jh. Glanz und Kaiserherrlichkeit eingebüßt. In erbitterten und wechselvollen Kämpfen mit dem Papsttum um die Vorherrschaft, hatte es seine Kräfte aufgezehrt. Mit dem Tod von Kaiser Friedrich II., 1250, war der letzte deutsche Kaiser gestorben, den ein Papst gekrönt hatte. Die Enthauptung seines Enkels Konradin, 1268, auf dem Marktplatz von Neapel, besiegelte den endgültigen Zusammenbruch der Kaiserherrschaft.

In Deutschland beginnt die "kaiserlose Zeit". Die Zersplitterung des Reiches schreitet unter dem Fehlen eines starken Königs voran. Die mächtiggewordenen Kurfürsten gewinnen die Oberhand. Als sie 1273 Rudolf von Habsburg zum König wählen, blüht das Reich unter seiner ordnenden Hand noch einmal auf. Doch als er 1291 stirbt, hinterläßt er keinen Nachfolger.

Die selbstsüchtigen Kurfürsten wählen fortan schwache Nachfolger aus den Herrschaftshäusern, die um Macht und Ansehen konkurrieren. 1314 versucht Friedrich der Schöne von Österreich (Habsburg) auf den Kaiserthron zu kommen. Als er im Bonner Münster zum König gekrönt wird, wird gegen ihn Ludwig der Bayer zum König proklamiert.

Ludwig der Bayer IV. (1314-1347), aus dem Hause der Wittelsbacher, wurde 1287 im Schloß zu Heidelberg geboren, von wo er später auch regierte. Im hausinternen Machtkampf hatte er sich gegen seinen Bruder Rudolf I. durchgesetzt und wurde Herzog von Bayern und Pfalzgraf bei Rhein.

Weil Speyer zu Ludwig hielt, fiel der Bruder Friedrichs des Schönen, Herzog Leopold von Österreich, über die bischöflich-speyerischen Besitzungen her. Doch Ludwig bezwang Leopold mit Hilfe des Speyerer Bischofs Emich von Leiningen. Der Hauptkampf fand beim "Judenkirchhof" der Stadt Speyer, an der Wormser Straße gelegen, statt. Sehr wahrscheinlich unter Beteiligung jenes als "bischof- und kaisertreu" beschriebenen Ritters Schleder von Lachen, der später bei einem Überfall auf das St. Lambrechter Kloster zu einer Hauptfigur werden sollte.

Noch im Jahr 1314 wurde Ludwig, wohl dieses Sieges wegen, von der Mehrheit der Kurfürsten zum deutschen König gewählt. Er besiegte schließlich den "Gegenkönig" Friedrich den Schönen 1322 bei Mühldorf am Inn und setzte ihn auf Burg Trausnitz gefangen. So zum starken König geworden, strebte Ludwig nun nach der Kaiserkrone.

Das Papsttum war in der Zwischenzeit in die Abhängigkeit des französischen Königs geraten und residierte seit 1309 in Avignon (sog. Babylonische Gefangenschaft der Kirche). Weil Papst Johannes XXII. Ludwig die Krönung zum Kaiser verweigerte, wie ebenso die damit verbundenen Rechte auf Oberitalien, kommt es zum erbitterten Streit.

In dessen Verlauf spricht Johannes über Ludwig 1324 erstmals den Bann aus, wie ebenso über dessen Anhänger und Mitstreiter, Bischof Emich sowie weitere namhafte Persönlichkeiten des hiesigen Bereichs. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dürften neben dem oben schon erwähnten Ritter Schleder von Lachen auch die weiteren Beteiligten an besagtem Überfall auf das St. Lambrechter Kloster davon betroffen gewesen sein. Bann und namentliche Exkommunikation werden 1327 von Johannes wiederholt.

Zu Papst Johannes hielten die Dominikaner in Speyer, dabei in aktiver Rolle. Denn hatte der Bann seit jenem demütigen Gang Kaisers Heinrich IV. nach Canossa, 1077, auch viel von seiner Wirkung als Kirchenstrafe verloren - kein Kaiser hätte sich danach mehr einem Papst im Büßergewand zu Füßen geworfen -, so war der Bann immer noch ein empfindliches Übel. Er traf die Betroffenen in der eigenen religiösen Haltung, bedrohte in der tief religiös geprägten Welt des Mittelalters ihre Würde, Stellung und Achtung, bis hin zu deren völligen Verlust.

Entscheidend war, daß der Bann auch "publik", d. h. öffentlich wurde. Solange dies nicht der Fall war, konnte allein nur partielles Wissen darüber, etwa bei den Gebannten selbst, zumeist nicht die gewünschte Wirkung erzielen. Auf die "Publizierung" der verhängten Kirchenstrafen kam es den Speyerer Dominikanern aber maßgeblich an, indem sie diese aktiv betrieben.

Dazu bedurfte es eines offiziellen "Publizierungsaktes", wollte man nicht Gefahr laufen, durch inoffizielle Verbreitung "ehrenrühriger Behauptungen" mit dem darin sehr strengen germanischen Recht in Konflikt zu geraten. Im Spätjahr 1332 war es wohl soweit. In Trier fand ein Provinzialkapitel statt, eine Zusammenkunft der provinziellen Kirchenhäupter. Der Speyerer Prior Konrad war mit weiteren Brüdern aus dem Speyerer Konvent sowie den oberrheinischen Konventen angereist. Der Streit zwischen Papst Johannes und König Ludwig sowie die verhängten Kirchenstrafen wurden offiziell bekannt gemacht, somit die formale Publizierung vollzogen.

Als die Dominikaner auf ihrem Heimweg nach Speyer zu einer Zwischenrast im Dominikanerinnen-Kloster in St. Lambrecht weilten, kam es zu einem Überfall von gebannten Kaisertreuen, den die "Lambrechter Chronik" auf Seite 118f uns so schildert:

"...andererseits versuchten gebannte Anhänger des Kaisers mit z. T. recht ungewöhnlichen Mitteln, ihre als religiös unzumutbar empfundene Position zu ändern und eine Lösung von den Kirchenstrafen zu erreichen.

In einen derartigen Fall wurde im Jahr 1332 auch das Kloster St. Lambrecht verwickelt. Auf dem Rückweg vom Provinzialkapitel in Trier war der Speyerer Prior Konrad mit drei anderen Predigern aus oberrheinischen Konventen hier abgestiegen, als das Kloster von Kaisertreuen überfallen, die Dominikaner als Geiseln verhaftet und auf der Wolfsburg eingekerkert wurden.

Als Hauptbeteiligte an dem Überfall werden die Ritter Simon Schleder... von Lachen, damals Beisitzer des Landgerichts im Speyergau, und sein Sohn Arnold, Heinrich Knebel, Johann von Wathenheim, Heinrich de domo lapidea, der Neustadter Schultheiß Skoba und ein nicht näher bekannter Plunderer genannt. Da die papsttreuen Dominikaner sowohl die Prozesse Johannes XXII. gegen Ludwig als auch Bann und Interdikt gegen seine Anhänger bekanntmachten, waren der Überfall und die berichteten Mißhandlungen seitens der kaiser- und bischofstreuen Pfälzer verständlich.

Daß man die Prediger anschließend jedoch als Faustpfänder auf der Wolfsburg festsetzte, hatte einen anderen, nüchtern kalkulierten Hintergrund:

Sie wurden nicht eher freigelassen, bis sie zugesagt hatten, für alle Beteiligten die päpstliche Dispens von den verhängten Kirchenstrafen zu erwirken. Für die Realisierung dieser Zusage mußte sich unser Konvent mit seinem gesamten Besitz verbürgen..."

Daß diese "Zusage" der Dominikaner auch verbindlich war, dürfte ihre schriftliche Verkörperung in einem "Vertrag" besorgt haben. Dieser dürfte trotz der Zwangslage der Dominikaner dann auch rechtsgültig gewesen sein. Denn das rechtliche Institut eines "innerlich freien" Handlungswillens, als Voraussetzung einer gültigen Willenserklärung, bestand damals noch nicht.

Daß unser Konvent, also unser Kloster, mit seinem gesamten Besitz haften mußte, solange die "päpstliche Dispens" (sprich die päpstliche Entbindung) von den Kirchenstrafen nicht erfolgt war, stellte ein erhebliches Druckmittel dar. War dieser Besitz des Klosters doch gewaltig.

Über die Lösung dieses Falles führt unsere Chronik dann auch weiter aus:

"...Die über den Vorgang bestimmt schwer verärgerte Kurie reagierte erstaunlicherweise verhältnismäßig rasch und positiv, indem sie den Straßburger Bischof (vermutlich in dessen Eigenschaft als "Conservator Jurium et Privilegiorum", die der Papst 1319 als Dauereinrichtung einer vom übrigen Episkopat unabhängigen Kontrollinstanz geschaffen hatte) mit einer Bulle vom 9. Januar 1333 anwies, den Übeltätern unter bestimmten Auflagen die Absolution zu erteilen..."

Als besonders interessant erscheinen die nun folgenden Mutmaßungen:

"...Dies ist möglicherweise dem Umstand zu verdanken, daß zu dieser Zeit der Speyerer Dominikaner Heinrich de Cigno (von Schwan), dessen Bruder Johannes dem Speyerer Konvent angehörte und dessen Schwester Mechthildis Nonne in Lambrecht war, die Pönitentiarie an der Kurie in Avignon innehatte, also gerade der Mann war, dem Fälle dieser Art zur Entscheidung übertragen waren. Er dürfte wohl sein Möglichstes getan haben, um sowohl den Prior seines Heimatkonvents als auch das Kloster, in dem seine Schwester lebte, möglichst rasch aus dem Druck dieser erpresserischen Geiselnahme zu befreien..."

Daß ausgerechnet der Inhaber der Pönitentiarie, d. h. der oberste Richter des päpstlichen Strafgerichts (!) für die Rücknahme der Kirchenstrafen zur entscheidenden Figur geworden sein könnte, mag wie eine zufällige Ironie des Schicksals erscheinen. Als berechnetes Kalkül dagegen, i. S. von bewußtem Ausnutzen einer günstigen Konstellation, wäre hier zweifelsohne der eigentliche "Geniestreich" des Überfalls zu erblicken.

Weitere Aufschlüsse zu diesem Vorfall vermittelt Otto Reicherts "Lachen-Speyerdorf, Heimat-geschichte", Seite 49ff. Es heißt dort:

"...Sigismund Sleder... und sein Sohn Arnold erwiesen sich als treue Anhänger des Kaisers Ludwig des Bayern und auch als echte mittelalterliche Haudegen, so daß ihnen in den Kämpfen zwischen Papst Johannes XXII. und Kaiser Ludwig eine aktive Rolle zufiel. Es waren nämlich die Dominikaner Konrad, Prior zu Speyer, Theoderich, Lektor zu Speyer, Johann, Lektor zu Bern, und Götzmann von Hagenau, alle aus der deutschen Ordensprovinz, auf der Rückkehr von einem Privinzialkapitel im Dominikanerinnen-Kloster St. Lambrecht eingekehrt. Dort wurden sie von einer Anzahl bewaffneter, dem Ritter Simon, genannt Sischlider..., Arnold, seinem Sohn, ferner Heinrich, genannt Knebel, Johann von Wachenheim, Heinrich de domo lapidea, Heinrich Skoba, dem Schultheiß zu Neustadt, und Rudeger Plunderer, alle Rebellen gegen die Kirche, feindlich angegriffen, weil sie die päpstlichen Prozesse gegen Kaiser Ludwig und die Rebellen gegen die Kirche publiziert hatten. Die bewaffnete Schar erbrach die Tore des Klosters, tat den Dominikanern Gewalt an und machte sogar von ihren Waffen Gebrauch, so daß mehrere der Predigerbrüder verwundet wurden. Sie nahmen die Wehrlosen gefangen und schleppten sie durch Dornengesträuch und Gebüsch auf die Burg Wolfsburg, in deren Kerkern die Brüder längere Zeit gefangen gehalten wurden. Man gewährte den Dominikanern erst die Freiheit, als sie versprachen, ihren Angreifern die Loslösung durch die Kirche zu verschaffen... Zugleich mußten sie alle Güter des Klosters dafür als Pfand setzen. Die Dominikaner berichteten in der Tat über den Vorfall an den Papst und baten ihn, den Rittern die verlangte Absolution zu gewähren. Ihr Gesuch begründeten sie mit dem doppelten Hinweis, daß sie selbst bei Verweigerung der von den Rittern erbetenen Absolution ohne Todesgefahr nicht mehr in jene Gegend kommen könnten und daß auch das Kloster Lambrecht den Verlust aller Güter gewärtigen mußte. Papst Johann XXII. ermächtigte hierauf in einer Bulle vom 9. Januar 1333 den Bischof von Straßburg den sakrilegischen Verbrechern die Absulotion anzubieten, wenn sie sich verpflichten würden, den entsprechenden Schadensersatz zu leisten und die von dem Priester auferlegte Buße zu übernehmen..."

Zeigt diese Schilderung die gewalttätige Vorgehensweise auf (ein deutlicher Hinweis auf den hohen Grad der Verfeindung der Parteien), so nimmt eine weitere Quelle vor allem eine genauere Datierung des Überfalls vor. Nach Klaus Conrad, Die Geschichte des Dominikanerinnenklosters in Lambrecht, Seite 23, ergeben sich Jahr und Ort des Geschehens aus der Herkunft der Dominikaner. Er zieht hieraus den Schluß, daß das Provinzialkapitel kurz vor 1333 stattgefunden haben muß. Insoweit sei auch diese Quelle abschließend erwähnt.

(Anmerkung: Dieser historische Überfall auf das St. Lambrechter Kloster diente mir als Vorlage für mein 1994 in 2. Fassung erschienenes Bühnenstück "Der Raub der Dominikanerinnen", einem Mundartschwank in fünf Bildern, der beim Lambrechter Heimatabend 2001 zur Aufführung kam)

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Lambrechts ältester Grabstein

(vormalig "Thema spezial" Nr. 8 v. 1.03.10)

In der Ostwand des Gebäudes Klemmhof 1 und 2 (ehem. St. Pankratius-Pfarrkirche) in Lambrecht ist kopfstehend im Sockelbereich zur Marktstraße hin Lambrechts ältester Grabstein vermauert. Auf dem ca. 100 x 60 cm großen Sandstein findet sich die folgende lateinische Inschrift:

  1. Zeile:    ANO ° DNI ° 1544 ° DOMICA ° IV
  2. Zeile:    DICA ° DE ° 30 ° APRiLLiS ° ObiiT °
  3. Zeile:    DNA ° bRIGIT # A ° Ab ° ARMA
  4. Zeile:    STORFF ° CVIVS ° ANIMA
  5. Zeile:    REQVIESCAT ° IN ° PACE

Die lateinische Inschrift weist einige Besonderheiten auf: zwischen den einzelnen Wörtern wird als Trennsymbol ein rautenähnliches Zeichen verwendet, hier mit "°" dargestellt. Über einzelnen Wörtern befindet sich deutlich erkennbar ein griechisches Omega (hier als "Unterstreichung" erscheinend). Als Symbol für "Anfang und Ende" markiert es weggelassene Buchstuben bei Wörtern, die nur mit ihrem Anfang und Ende angegeben wurden. So ist etwa beim ersten Wort nach dessen Anfang "AN" ein weiteres "N" einzufügen, an das dann als Ende "O" anschließt, so daß das vollständige Wort eigentlich "ANNO" lautet. Dem entsprechend ist nach "D" als Anfang des zweiten Wortes "OMI" einzufügen, was mit dem anschließenden "NI" als Wortschluß nun das komplette Wort "DOMINI" ergibt. Nach gleichem Vorgehen wäre das vierte Wort "DOMICA" als "DOMINICA" und das erste Wort in der 3. Zeile "DNA" als "DOMINA" zu vervollständigen.

Weitere Eigentümlichkeiten bestehen. So in der Verwendung von großem und kleinen "i" ohne erkennbare grammatikalische Logik. Dies trifft auch auf die Verwendung vom kleinen "b" zu. Das "V" stellt in der lateinischen Schrift korrekterweise das "U" dar. Das Zeichen "#" markiert die Stelle, wo zum Heben des Steines ein Loch für das Hebeisen eingeschlagen wurde, wobei wohl das zweite "T" im Namen "bRIGITTA" dabei verloren ging.

Übersetzung

  1. ANO = ANNO, v. lat. annus, das Jahr, abl., im Jahr
  2. DNI = DOMINI, v. lat. dominus, Herr, gen., des Herrn
  3. DOMICA = DOMINICA, v. lat. (dies=Tag) dominica, Sonntag
  4. IVDICA = v. lat. iudicare, richten, urteilen, hier vom Introitus (Eingangs- bzw. Anfangsgesang der kirchlichen Liturgie) übernommene Bez. für den 5. Fastensonntag, den 2. Sonntag vor Ostern, (Sonntag) Judika
  5. DE ° 30 ° APRILLIS = Datum: am 30. April
  6. ObiiT = OBIIT, v. lat. obire, hingehen, sterben, 3. Pers. sing., perf., ind., ist hingegangen, gestorben
  7. DNA = DOMINA, v. lat. domina, Herrin, Dame, Edeldame, die Dame
  8. bRIGIT#A = BRIGITTA = Name: Brigitta
  9. Ab ° ARMASTORFF = elsässisches Geschlecht: von Armastorff
  10. CVIVS = CUIUS v. lat. cuius, wessen, deren
  11. ANIMA = v. lat. anima, Seele
  12. REQVIESCAT = v. lat. requiescere, ruhen, 3. Pers. sing., präs., konj., sie möge ruhen
  13. IN ° PACE = v. lat. pax, Frieden, in Frieden
  1. Zeile:    Im Jahr ° des Herrn ° 1544 ° Sonntag ° Ju-
  2. Zeile:    dica ° am ° 30 ° April ° ist gestorben °
  3. Zeile:    die Dame ° Brigitta ° von ° Arma-
  4. Zeile:    storff ° deren ° Seele
  5. Zeile:    ruhen möge ° in ° Frieden

Der Grabstein der elsässischen Dame Brigitta von Armastorff im Sockelbereich der Ostwand des Gebäudes Klemmhof 1 und 2 (ehemalige St. Pankratius-Pfarrkirche) in Lambrecht

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Quelle zum Nachlesen:

1000 Jahre Lambrecht - Chronik einer Stadt, Dr. Ernst Collofong und Hans Fell, Edeldruck-Verlag Lambrecht, 1978

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