Der Neutal-Damm - ein Superlativ des Straßenbaus

Von allen Tälern, die sich nach Lindenberg hin öffnen, ist das östliche Neutal ganz besonders bemerkenswert. Es ist über die Karlstraße und die Neutalstraße erschlossen (-->Zur Orientierung), die beide bei der katholischen Kirche in die Hauptstraße münden. Die Neutalstraße ist für Kletterer der "Zubringer" zum Klettergarten unterhalb der Cyriakus-Kapelle und mit dem von ihr abzweigenden Weinbietweg Ausgangspunkt für Wandertouren zu östlichen Wanderzielen im Pfälzerwald, wie etwa zum Weinbiet mit seinem Aussichtsturm.

Folgt man der Neutalstraße ins Neutal hinein, vorbei an den ab 1989 dort entstandenen Häusern, gelangt man an ihrem Ende zu mehreren Weihern mit einem Kinderspielplatz daneben. Die Weiher speist, neben einer Quelle, ein Wasser, das an einer überaus hohen Stelle eines unvermittelt steil aufsteigenden Hanges zum Austritt kommt und dann über eine gut 15 m lange und in den Hang gelegten Rinne herabrauscht. Dies ist überaus erstaunlich und müßte eigentlich jeden rasch zur Erkenntnis bringen, daß wir es hier mit einem ganz außergewöhnlichen Phänomen zu tun haben, dem wir uns nachfolgend etwas eingehender zuwenden wollen.

Blick auf den unvermittelt steil aufragenden Hang des Neutal-Damms vom vorderen Neutal her: in einer Rinne rauscht das Wasser des Neutalbaches den steilen Hang herab, nachdem es den Damm durchflossen hat (Aufnahme Juni 2010 nach einer Säuberungsaktion des Gländes von Gestrüpp etc.)



Blick auf den Neutal-Damm nach Neuanlage des Geländes (Neubepflanzung, Brücke mit Ruhebänken, Barfußpfad) mit üppiger Vegetation, in welcher sich die Rinne des Neutalbachs (Bildmitte) kaum noch abhebt und auch der Damm kaum noch als monströses künstliches Objekt erscheint (Aufnahme Juli 2013)



Auf diesem während der Bauzeit entstandenen Bild wird das monströse Ausmaß des Neutal-Damms besonders deutlich, mit dem in der Dammitte austretenden und in seiner steilen und langen Rinne herabgeführten Neutalbach sowie dem Lkw und dem Bagger auf der Dammkrone, die wie Spielzeugmodelle erscheinen

Als im Dezember 1978 die Lambrechter Chronik erschien, die u.a. auch auf die historische Entwicklung des Staßennetzes in unserer Region einging, vermerkte diese S. 357 noch: "Der Fertigstellung harrt die Kreisstraße Nr. 16, von Wachenheim oder Gimmeldingen über Silbertal und Lindenberg kommend, die an der Gemarkungsgrenze den Anschluß an die B 39 finden wird." Tatsächlich war die Vollendung der Straße schon im November 1978 erfolgt, allerdings zu diesem Zeitpunkt noch ohne die Bahnunterführung an ihrer Einmündung zur B 39. Da letztere erst 1981 erschaffen wurde, band die neue K 16 in ihrem Schlußstück zur B 39 noch an die alte Lindenberger Chaussee an, führte so noch über den alten beschrankten Bahnübergang hinweg, um dann erst in die B 39 einzumünden.

Daß die K 16 heute eine der wichtigsten Verkehrsverbindungen in unserer Region darstellt, steht außer Zweifel. Die Lambrechter Chronik - unter Einschluß der noch "unvollendeten" K 16 - formuliert diesbezüglich an gleicher Stelle: "Alle diese Straßen schließen auf zum Naturpark Pfälzerwald, dem neuen Anziehungspunkt unseres Raumes."  In dieser positiven Bewertung zielte sie auf die touristische Erschließung unserer Region und als wichtigsten Anziehungspunkt speziell wohl auf den "Kurpfalz-Park", beidem war der Bau der K 16 gewiß von großem Nutzen. Darüber hinaus findet sie aber auch ihre Qualitäten in der Herstellung kürzester Verbindungen, etwa ins Rhein-Pfalz-Zentrum Ludwigshafen u.a., unter Vermeidung der sonst unumgänglichen Alternative durch Neustadt an der Weinstraße, das sich als "Flaschenhals" des dort häufigen Massenverkehrsaufkommens, ganz besonders zu Stoßzeiten, zur echten Mobilitätsbremse auswirkt.

Die K 16 als einen "Segen" für unsere Region zu sehen, dürfte heute keinen Widerspruch auslösen. Aber ihr Bau hätte durchaus auch zum "Fluch" werden können. Wenn sich nämlich ihre ursprüngliche Planung durchgesetzt hätte, wonach die Straße mitten durch Lindenberg hätte geführt werden sollen (was während der Bauzeit auch provisorisch der Fall war). Lindenberg wäre dann Durchfahrtsort geworden! Es hätte somit auch den mittlerweile stark angewachsenen Verkehr auf dieser Straße, von Touristen und Berufspendlern sowie von Zubringerbussen für den "Kurpfalz-Park", auszuhalten, eine vor allem aus heutiger Sicht völlig unakzeptable Zumutung! Nur dem klugen und entschlossenen Widerstand der damaligen Dorfoberen ist zu verdanken, daß es nicht soweit gekommen ist und daß Lindenberg heute in einer überwiegend verkehrsberuhigten Zone liegt.

So kam es für die Trassierung der K 16 zu der heutigen Lösung, indem ihr Bau als Umgehungsstraße erfolgte, in die Berghänge gelegt, östlich Lindenberg vorbei und nur mit dem zur B 39 anbindenden Schlußstück den südlichsten Ortszipfel durchquerend. Dabei mußte die Straße auch über das von Lindenberg östlich abziehende "Neutal" geführt werden, das die Straßentrasse quert. Eine Heraus-forderung an die damaligen Straßenbauer. Sie wurde gemeistert, indem in dem Tal ein mächtiger Straßendamm aufgeworfen wurde.

    

Blick auf die über den Neutal-Damm führende K 16 (Bild links). Der der Kurve folgende Osthang des Dammes ist deutlich zu erkennen. Von der Ostkante des Dammes fällt er ca. 12 m nach Osten hin zum abgeschnittenen Teil des Neutals ab (Bild rechts), durch dessen vermutlich durch eine Aufschüttung eingeebneten Talboden der Neutalbach fließt, welcher dann den Damm durchquert (Eintrittstelle etwa an der schattigen Stelle am ansetzenden Hang)

Dieser ist insgesamt fast 300 m lang. Zieht man davon seine "als Damm" nur gering ausgebildeten Übergänge an den beiden Enden ab, so ist sein Mittelteil, wo der Straßendamm seine stärkste Ausprägung findet, immerhin noch etwa 150 m lang. Seine tiefste Stelle an der östlichen Basis liegt in der mittleren Talsohle des Neutals bei 233 m Höhe. Von dort steigt sein Osthang bis zur östlichen Dammoberkante auf etwa 245 m an und gewinnt so eine Höhe von etwa 12 m. Nach dem Überqueren seines 13 m breiten Scheitels, als Auflage des Straßenkörpers, fällt der Damm von der westlichen Dammoberkante, bei einer Ausladung seines Hanges um etwa 18 m nach Westen, auf seine tiefste Stelle an der westlichen Basis zum Talauslauf hin ab, welche bei 217,5 m liegt. Damit weist der Damm an seinem Westhang einen beachtlichen Höhenanstieg auf, der bei 28 m liegt!

Im tiefsten Verlauf der Talsohle, wo auch der Neutalbach sein Bachbett hat (siehe nachfolgende Zeichnung!) und wo die vorgenannten Höhenwerte ermittelt wurden, beträgt die Dammbreite an der Basis bis zu 58 m. In dieser Breite ist eine vermutete Auffüllung des durch den Damm abgeschnittenen hinteren Teil des Neutals mit einbezogen, durch welche dieses Talstück eingeebnet und so das Bachbett des Neutalbaches auch angehoben wurde. Weshalb der Bach nach dem Durchfließen des Dammes in so exorbitanter Höhe wieder aus dem Damm tritt.

Mit 58 m Breite und 28 m Höhe an seiner ausgeprägtesten Stelle (s.o.) weist der Straßendamm schon gewaltige Ausmaße auf. Zu seinen beiden Enden hin verjüngen sich Breite und Höhe des Dammes stetig. Die Straße selbst steigt vom südlichen Ende des Dammes (ausgeprägter mittlerer Teil) von ca. 245 m auf etwa 253 m am nördlichen Ende an, mit fließenden Übergängen zu stärkeren Anstiegen bzw. Gefällen unmittelbar davor bzw. danach, so daß im gesamten Dammkörper keinerlei Gleichförmigkeit zu erkennen ist, vielmehr nur ein Einpassen dessen in die gegebene Topographie. Auch beschreibt der Damm eine Kurve ins Neutal hinein.

Als die Aufschüttung des Dammes vollendet war, wirkte er hinsichtlich seiner riesigen Masse von der Neutalstraße her wie ein "monströses Weltwunder", das überhaupt nicht in die Landschaft passen wollte (siehe oben). Als größten Straßendamm Deutschlands stellte ihn die Presse vor, was seine gigantischen Ausmaße noch einmal besonders unterstreicht. Durch Begrünung und die gärtnerische Kunst der Natur passte er sich zunehmend im optischen Erscheinen der ihn umgebenden Naturlandschaft an, so daß er heute kaum noch groß auffällt. Und so muß man sein Auge schon auf den nach Möglichkeit geübten topographischen Blick einstellen, um diesen "Superlativ des Straßenbaus" am Ostrand Lindenbergs mit gebührendem Respekt in der Landschaft wahrzunehmen.

Auch weil der Blick auf den Damm vom vorderen Neutal her (s.o.) einer optischen Täuschung zu erliegen droht. So schätzt man die Austrittsstelle des durch den Straßendamm geleiteten Neutalbachs leicht in den oberen Teil des Dammes hinein. Tatsächlich liegt diese aber noch im unteren Teil des Dammes, knapp unter dessen mittleren Höhe. Durch einen etwa 3 m breiten Rundweg, der knapp über der mittleren Höhe des Dammes den Dammhang quert, ist der obere Dammteil um die Wegbreite etwas nach hinten versetzt. Dies und der unmittelbar beim Rundweg noch hohe, aber dann zur Dammkrone hin abflachende Aufwuchs, bewirken, daß der obere Dammteil hinsichtlich seiner tatsächlichen Höhe optisch geschrumpft erscheint.

Entzieht man sich diesem optischen Täuschungsversuch indem man den Zick-Zack-Weg hinauf geht, der zum Rundweg führt und über den man dann direkt über die Stelle gelangt, wo darunter der Neutalbach aus dem Dammhang tritt, gewinnt man einen Eindruck der tatsächlichen Dimensionen. Die Austrittsstelle des Neutalbachs liegt mit 5-7 m noch deutlich unterhalb des Standorts und der von hier jetzt besser einzusehende obere Teil des Dammes hebt zielstrebig noch um weitere 12 m bis zur Dammkrone an! Nicht nur dieser Feststellung wegen sollte man besagten Punkt aufsuchen, sondern auch wegen des herrlichen "Neutal-Blicks", welcher sich hier einem erschließt.

                      

Herrlicher Blick vom Damm ins Neutal hinein. Im Bild unten die Austrittsstelle des Neutalbachs

    

Die Flutkatastrophe im Neutal 1834

Mit dem Lindenberger Neutal verbindet sich die Überlieferung einer verheerenden Flutkatastrophe im Jahr 1834. Sie wird in der Lindenberger Chronik (S. 129ff) von Dr. Kurt Lembach recht realitätsnah und detailliert geschildert. Es heißt dort:  "...In der Nacht zum 9. Juni (1834) steigerte sich das Unwetter - es waren mehrere Wolkenbrüche hintereinander - zu einem rasenden Inferno... (das Unwetter) konzentrierte sich auf Lindenberg, das Weinbiet und in Richtung der Dörfer Haardt, Gimmeldingen und Königsbach..."

In den aufgeführten Dörfern richtete es große Sachschäden an, indem etwa in Haardt mehrere Häuser fortgerissen und auch Vieh getötet wurde. In Lindenberg aber wurde es zur Tragödie, als ein Haus am Eingang des Neutals, samt seinen Bewohnern, von der Wucht der vom Unwetter entlassenen Wassermassen erfaßt und von diesen durch das ganze untere Schlangenbachtal mitgerissen wurde, bis diese es auf und neben der Landstraße - der heutigen B 39 - schließlich völlig zertrümmert und verstreut zurück ließen. Beinah einen ganzen Kilometer von seinem ursprünglichen Standort entfernt!

In dem fortgeschwemmten Wohnhaus kamen Franz und Charlotta Laub mit ihren zehn- und vierjährigen Söhnen Jakob und Ludwig ums Leben. Die Toten fand man an verschiedenen Stellen und z. T. auch erst nach tagelangem Suchen. Der dritte Sohn Caspar überlebte, weil er sich bei Anbahnung des Unwetters in Lambrecht aufhielt und es vorzog, dieses dort abzuwarten. Bis heute hält ein Sammelgrab mit Gedenkstein auf dem alten Lindenberger Friedhof die Erinnerung an die Opfer dieser Tragödie wach.

Gedenkstein für die Opfer der Flutkatastrophe von 1834 auf dem alten Lindenberger Friedhof. In der Denkmal-topographie des Landkreises Bad Dürkheim beschrieben als "quaderförmiger Sockel mit reliefierten Tuchgehängen und vier Vasenaufsätzen".

Könnte sich eine solche Katastrophe heute wiederholen? Mit Wolkenbrüchen und Platzregen ist auch in heutiger Zeit auf jeden Fall zu rechnen. Als natürliche Abläufe bzw. Rinnen einer Berglandschaft sind so auch die Täler noch heute überaus gefahrvoll. Erst in jüngster Zeit setzte ein Platzregen im Elmsteiner Tal ein Haus schlagartig bis zum ersten Stock unter Wasser!

Dennoch stellt sich die Situation heute etwas anders dar, als im Jahr 1834. Daß damals Häuser weggespült werden konnten, lag wohl hauptsächlich daran, daß diese aus Holz errichtet waren, wie in dem geschilderten tragischen Fall der Familie Laub. Speziell für das Lindenberger Neutal wäre aber heute dessen Straßendamm von großem Nutzen (s.o.). Denn quer zum Tal verlaufend, bildet er so auch einen Damm gegen Wassermassen, wie sie Unwetter auszulösen vermögen. Zudem bildet er mit den Talhängen des durch ihn abgeschnittenen hinteren Teil des Neutals ein großes "Retentionsbecken", in welchem ein Großteil derartiger Wassermassen vorübergehend zurückgehalten werden könnte. So kann man denn auch zur Einschätzung gelangen, daß sich die Flutkatastrophe von 1834, so dramatisch wie sie damals verlief, wohl nicht mehr wiederholen dürfte.

Wo einst das Haus der bei der Flutkatastrophe so tragisch ums Leben gekommenen Familie Laub stand, erhebt sich heute dieser stattliche und stilvolle Sandsteinbau (Hauptstraße 88) am Eingang zum Neutal

  

Der Barfußpfad für neue Tast- und Sinnenerlebnisse

Nicht nur mit seinem Straßen-Damm ist das Neutal ein echter "Geheimtipp" für Besucher und Gäste, sondern auch mit seinem neuen Barfußpfad, geschwungen angelegt und am Rand mehrerer Weiher verlaufend, die zusammen ein Feuchtbiotop bilden, wo seltene Amphibien, Insekten und Pflanzen zu beobachten sind. Der Pfad ist zum Begehen ohne Schuhe und Strümpfe in mehrere Sektoren mit den unterschiedlichsten Belägen unterteilt. Letztere bestehen z. T. aus natürlichen Materialien wie Rindenmulch oder "Butzle" (Tannenzapfen) oder Steingranulat von fein- bis grobkörnig, Sand oder Kiesel.

So können die Füße die unterschiedlichsten Beläge und Materialien ertasten und damit zu neuen Sinneswahrnehmungen gelangen, wie auch ihr Muskelspiel üben, mit dem sie für das Gleichgewicht des ganzen Körpers unentbehrlich sind. In kühlem Quell- und Waldbachwasser können die Füße auch Erfrischung und Erholung finden, so daß der Barfußpfad insgesamt sehr zur Gesundheit der Füße beiträgt.

   Der neue Barfußpfad lädt ein zum Laufen ohne Schuhe und Strümpfe auf unterschiedlichen Belägen, wie etwa auf "Butzle" (Tannenzapfen), die ein variierendes Laufgefühl vermitteln, etwa mit geschlossenen  Zapfen bei kühler Witterung oder mit offenen Zapfen bei sonnigem Wetter

Bei der Einweihung des Barfußpfades am 22. Juni 2011 durch Bürgermeister Reiner Koch und im Beisein zahlreicher Gäste, bereitete der Pfad gerade den jüngeren Besuchern viel Vergnügen. Und so bietet er sich, zusammen mit dem nahen Feuchtbiotop als interessantes und naturnahes Beobachtungsobjekt, gerade für den Besuch von Familien mit Kindern an. Wozu auch der nahe Kinderspielplatz sich gut einfügt. Mit seinem Damm, dem Feuchtbiotop mit Weihern und dem neuen Barfußpfad hat das Neutal also viel zu bieten und stellt so auch eine echte touristische Empfehlung dar.      

    

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