Die "Optischen Telegraphen" in der Pfalz

Bei meinen Recherchen zu den "Aussichtstürmen im Pfälzer Wald" (->Heimathefte) stieß ich immer wieder auf Hinweise über die "Optischen Telegraphen" in der Pfalz. Ein Nachrichtensystem, das mittels beweglicher Balken und Zeiger an einem Mast, der bevorzugt auf einem weithin sichtbaren Turm aufgerichtet war, unterschiedliche Zeichen bilden konnte. Von ebenso ausgerüsteten und bis zu 15 km entfernt positionierten Nachbarstationen konnten diese dann mittels Fernrohr gelesen und mit den gleichen Mitteln nachgebildet werden, damit weitere Nachbarstationen der gleichen Art sie wiederum lesen und nachbilden konnten usw. Auf diese Weise konnten Zeichen und Nachrichten rasch über mehrere hundert Kilometer übermittelt werden.

   Der optische Telegraph zur Nachrichtenübermittlung

Gab es ähnliche Methoden schon in der Antike, so kam die "Optische Telegraphie" erst in der Zeit der Französischen Revolution in Frankreich zur vollen Entwicklung eines effektiv und perfekt funktionierenden Telegraphennetzes, das sich über 5000 km erstreckte und 29 Großstädte mit Paris verband. Diesem messen französische Historiker und Autoren höchste Bedeutung zu, wenn sie überzeugend darlegen, daß die Französische Republik ohne die "Optische Telegraphie" garnicht möglich gewesen wäre!

Dabei soll das französische Telegraphennetz sich auch über die Pfalz bis nach Mainz ausgedehnt haben, nachdem das linksrheinische deutsche Gebiet infolge der Revolutionskriege an Frankreich gefallen war. Tatsächlich konnte die Linie Metz-Mainz fast komplett rekonstruiert werden, während weitere kursierende Linien noch weitestgehend ungesichert sind. Die Problematik ist dabei, daß es kaum noch substantielle Reste gibt und auch die Quellenlage sehr dürftig ist.

Lange Zeit hielt der "Volksmund" die Erinnerung an die "Optischen Telegraphen" aufrecht, allerdings zunehmender Verblassung ausgesetzt. Veraktungen fanden nur in wenigen Ausnahmen statt und die sonstigen schriftlichen Übermittlungen, lange nach ihrer Existenz zu Papier gebracht, müssen, weil nicht "zeitauthentisch" und "zeitzeugerisch", als kritisch angesehen werden. Als die Erinnerung an die "Optischen Telegraphen" vollends zu verblassen begann, bemühte sich 1932 der Heidelberger Professor Daniel Häberle um eine umfassende Konservierung dessen, was zu diesem Zeitpunkt noch an Wissen und Nachrichten über sie bestand. Die "Optischen Telegraphen" gerieten danach in nahezu völlige Versenkung und nur noch selten stieß man noch hie und da auf vage Hinweise über sie.  

Die unbefriedigende Situation trieb mich lange umher, bis ich vor einiger Zeit dann auf die neuesten Forschungsergebnisse in Frankreich - dem Mutterland der "Optischen Telegraphie" - stieß. Kurz danach publizierte Professor Winfried Lang, Kaiserslautern, eine profunde Abhandlung zum Thema, in der er darlegte, daß viele "Vorstellungen" darüber auf die Vermessung der Pfalz unter bayerischer Verwaltung zurückgingen und von daher "Der Optische Telegraph im Pfälzerwald - Ein kollektiver Irrtum?" sei.     

In meiner Schrift "Aussichtstürme im Pfälzer Wald" (s.o.), wo ich im 2. Teil eine Ausarbeitung zum Thema verfaßt habe, widersprach ich dieser Sicht, unter Hinweis auf die französischen Ergebnisse. In der zwischenzeitlichen weiteren Auseinandersetzung mit diesen, wurde ich darin bestärkt, indem sich dabei die überhaupt erste Pfälzer Linie von Straßburg nach Mainz herauskristallisierte. Bisher noch in keiner Literatur behandelt, wird sie Gegenstand in einer eigenen Schrift zum Thema sein.

Vorab soll die nachfolgende Abhandlung über diese Linie einen vorläufigen Eindruck über das Thema vermitteln. Diese war ursprünglich als Beitrag für das Kreisjahrbuch des Landkreises Bad Dürkheim vorgesehen, weshalb sie sich auf diesen Landkreis auch besonders bezieht. Da hierbei aber auch ein Eingehen auf die pfälzische Gesamtsituation unvermeidlich war, gibt sie ebenso einen vorzüglichen Einblick in diese. Hinsichtlich des Zeitraums jedoch speziell nur auf das Jahr 1795 bezogen, als die Herrschaft Frankreichs über die Pfalz sich als unabwendbare Realtät zu etablieren begann.

"Kasperletheater" überm Haardtrand

- der optische Telegraph spielte auch in den Lüften über unserem Landkreis

Der optische Telegraph - eine Errungenschaft der Französischen Revolution

Die Französische Revolution von 1789 bewirkte in Frankreich eine große Aufgeschlossenheit gegenüber technischen Neuerungen. Eine von diesen gewann dabei eine derart große Beachtung und Förderung durch Politik und Militär, daß französische Autoren darüber urteilen, nur durch sie sei die Französische Republik überhaupt erst möglich gewesen. Gemeint ist die optische Telegraphie.

Als ihr Pionier und Wegbereiter gilt Claude Chappe. Dieser erfand eine Konstruktion, bestehend aus einem leiterähnlichen Mast mit einem beweglichen Balken und zwei drehbaren Zeigern, mit welcher er Zeichen bzw. Nachrichten zu gleichsam konstruierten benachbarten Stationen senden konnte, bei Anreihung mehrerer solcher über hunderte Kilometer hinweg. In der Folge entstand in Frankreich und seinen eroberten Gebieten ein optisches Telegraphennetz, welches auf der Höhe seiner Entwicklung sich über eine Gesamtstrecke von rund 5000 Kilometer erstreckte und mit 534 ständigen Stationen 29 Großstädte mit der Hauptstadt Paris verband.

Diese neue "revolutionäre" Nachrichtentechnik sollte auch bis in unsere pfälzische Region exportiert werden. Allerdings hier kaum nachhaltige Spuren hinterlassend, weder in substanzieller Art noch in erschöpfender zeitlich authentischer Berichterstattung über sie. Erst spät, wohl nachdem ein "kollektives Wissen" um sie merklich zu schrumpfen begann, nahm man sich ihrer zielstrebigen Erforschung an.

Immerhin konnte so noch die Existenz einer optischen Telegraphenlinie von Metz nach Mainz sicher nachgewiesen werden. welche mit zwei Stationen bei Pfeffelbach und Ulmet unsere heutige Pfalz an ihrer nordwestlichen Grenze tangierte. Für eine weitere Telegraphenlinie von Straßburg nach Mainz über den Eschkopf scheint zwar eine Anzahl einschlägiger Mitteilungen zu sprechen, jedoch sind diese oft nur vage bzw. hinterlassen Lücken und Ungereimtheiten, wie dies noch viel mehr auf weitere Annahmen von optischen Telegraphenlinien auf Pfälzer Gebiet zutrifft.

Nach einer Zusammenfassung aller Erkenntnisse darüber in einer Abhandlung von 1932 durch Professor Daniel Häberle waren danach kaum noch nennenswerte Fortschritte zu verzeichnen. So ruhte das Thema und verschwand fast gänzlich aus unserem Bewußtsein. Erst neuere Beiträge, insbesondere aus dem Mutterland der optischen Telegraphie, ließen es auch bei uns wieder aufleben. Was den Autor bewog, im 2005 vom Verkehrsverein Lambrecht herausgegebenen dritten Lambrechter Heimatheft "Aussichtstürme im Pfälzer Wald" auf den aktuellen Stand der optischen Telegraphie in der Pfalz näher einzugehen. Hierauf aufbauend und sich inzwischen auf weitere neue Erkenntnisse und Überlegungen stützend, soll die nachfolgende Betrachtung hier insbesondere auch einmal der Frage nachgehen, inwieweit unser Landkreis selbst von der optischen Telegraphie berührt gewesen sein könnte. Schlagen wir hierzu den Bogen zu den relevanten geschichtlichen Vorgängen.

Der Griff Frankreichs nach dem linksrheinischen deutschen Gebiet

Nachdem die nach 1789 zwischen Frankreich und den Koalitionsmächten Preußen und Österreich ausgebrochenen Revolutionskriege für Frankreich günstig verliefen, rückte dessen Kriegsziel greifbar nahe: der Griff nach dem linksrheinischen deutschen Gebiet. Entscheidend hierfür waren die militärischen Erfolge des französischen Invasionsheeres am 13. Juli 1794, u.a. bei der "Schlacht am Schänzel", wo mit 1500 Gefallenen, Verwundeten und Gefangenen, Preußen allein ein Drittel seiner Truppen in der Pfalz einbüßte. Woraufhin die preußischen Truppen sich ganz aus der Pfalz zurückzogen. Zwar rückten sie in der zweiten Septemberhälfte des Jahres noch einmal erfolgreich bis nach Kaiserslautern vor, brachen jedoch ihren Angriff wieder ab, um sich erneut zurückzuziehen und am 23. Oktober 1794 endgültig das linksrheinische deutsche Gebiet zu verlassen.

Damit folgten sie den österreichischen Truppen, welche nach ihrer Vertreibung aus den Niederlanden bereits zuvor, am 2. September, diesen Schritt vollzogen hatten. Nachdem schließlich noch die Festung Rheinfels am 2. November kampflos den Franzosen übergeben wurde und diese mit der Beschießung Mannheims (Beginn am 24. Dezember) auch die Aufgabe der gegenüberliegenden Rheinschanze erzwangen, war Ende 1794, bis auf das befestigte Mainz, das gesamte linksrheinische Gebiet nun in französischer Hand.

Wohl schon in Anbetracht der entscheidenden militärischen Erfolge vom 13. Juli 1794 (s.o.) und der hierdurch gewachsenen Zuversicht, das gesteckte Ziel erreichen und sich des linksrheinischen deutschen Gebietes bemächtigen zu können, verlieh der französische Nationalkonvent einer bereits am 4. August 1793 ergangenen Anordnung nun Nachdruck, indem er diese am 4. Oktober 1794 wiederholte. Sie betraf den Bau einer optischen Telegraphenlinie von Saarburg über Straßburg nach Landau. Als Division (Teilabschnitt) der - allerdings erst 1798 vollständig errichteten - Linie Paris- Straßburg mit ihrer "elsässischen Sektion" (Unterabschnitt) von Straßburg nach Landau, sollte sie eine schnellere Nachrichtenverbindung nach Landau schaffen, wo an seiner bisherigen Nordgrenze Frankreichs "größte Festung der Christenheit" nun im Mittelpunkt der aktuellen Entwicklung stand.

Die Errichtung der Telegraphenlinie von Saarburg über Straßburg nach Landau

Mit dem Bau dieser Linie wurde der Telegrapheningenieur Charles Rémy Sordi beauftragt. Noch Ende 1794 begann er mit ihrer Realisierung. Anfang des Jahres 1795 richtete er im Straßburger Münster ein technisches Büro ein, zum Bau der benötigten Maschinen. Am 16. April 1795 erfolgte die Ausschreibung von 12 Häuschen und 4 Zwischenhäusern für die ausgewählten Stationen und schließlich wurden die Arbeiten zum Bau dieser Linie aufgenommen. Nach einer von Sordi erstellten Planskizze mit exakten Entfernungsangaben ist ihre Trassierung mit ihren Haupt- und Hilfsstationen weitestgehend rekonstruierbar (s. auch Tabelle).

Danach umfaßte die Telegraphenlinie (Division) Saarburg-Landau insgesamt 16 Stationen, von denen mindestens 5 Hilfsstationen waren, bei einer Gesamtlänge von genau 140,6 Kilometer. Ihr erster Unterabschnitt (Sektion) von Saarburg nach Straßburg umfaßte 6 Stationen (inklusive Straßburg) und war 60 Kilometer lang, während ihr zweiter Unterabschnitt ("elsässische Sektion") 11 Stationen aufwies (ebenfalls inklusive Straßburg) bei einer Länge von 80,6 Kilometer. In der weiteren Betrachtung wollen wir uns hauptsächlich dem zweiten Unterabschnitt, der "elsässischen Sektion", näher zuwenden.

Ihre "Anfangsstation" bildete demnach das Straßburger Münster. Von dort führte die Hauptlinie nach Norden und zwar zunächst nach Kilstett, wo der genaue Standort dieser Station allerdings nicht näher zu bestimmen ist. Die nächste Station befand sich größtmöglicher Wahrscheinlichkeit nach im Fort Louis, einer wohl als Rheinschanze dienenden Vauban-Festung auf dem französischen Rheinufer, südöstlich von Roeschwoog. Für die nächste Station bei Oberlauterbach kommen zwei Erhebungen südlich des Ortes in Betracht, wobei der "Guckenberg" schon von seiner Namensbezeichnung her als Telegraphenstation favorisiert werden muß.

Dieser bisher beschriebenen Hauptlinie auf elsässischer Seite folgte etwas weiter westlich eine parallele Linie mit Hilfsstationen bei Hoerdt, Kurtzenhouse, dann bei einem unbekannten Ort und bei Trimbach, welche Fort-Louis zu umgehen schien, aber wohl immer miteingebunden werden mußte, wenn Nachrichten dorthin transferiert wurden, da die Distanzen zwischen den angegebenen Hauptstationen z. T. zu groß waren (Kilstett-Fort Louis 22 Kilometer!).

Bei Lauterburg wechselte diese älteste elsässische Telegraphenlinie auf das heutige pfälzische Gebiet mit der nächsten anzunehmenden Station auf dem "Wurmberg" bei Dierbach, der südlich von diesem Ort als topographischer Punkt eine exponierte Höhenmarke setzt. Dann folgte Mörzheim mit dem "Lochberg", wahrscheinlich so benannt, weil er südlich der Mörzheimer Gemarkung eine signifikante Grenzhöhe bildet (Loch=Loog, wo früher mit der Loogaxt die Grenzzeichen in die Grenzbäume geschlagen wurden). Auf seiner Höhe steht heute ein Antennenträger, wo der Blick von dieser am umfassendsten ist und wo von daher die Position des Telegraphen vermutet werden muß. Als Ankunftspunkt in Landau ist in der Planskizze von Sordi die Stiftskirche markiert, mit der Zeichnung des Turmes, der für den Telegraphen bestimmt war, mit einer "Jakobinermütze" als Spitze.

  

Das Straßburger Münster (linkes Bild) nach einem alten Stich mit dem optischen Telegraphen (auf dem rechten Ende des Kirchenschiffs) als Startpunkt der "elsässischen Sektion" und die Stiftskirche in Landau (rechtes Bild) als deren Ankunftspunkt und zugleich Beginn der Fortführung dieser Telegraphenlinie nach Mainz als erste Pfälzer Telegraphenlinie 

Mit ihrer geringen Streckenlänge von nur 80,6 Kilometer (an der Hauptlinie entlang von Telegraph zu Telegraph) verband die "elsässische Sektion" somit allein drei Militärstandorte von größter militärischer Wichtigkeit (voran Landau, dann Straßburg und Fort Louis) und war somit für das revolutionäre Frankreich und dessen Vorhaben im Norden von größter strategischer Bedeutung.

In der französischen Literatur bestehen allerdings Zweifel hinsichtlich ihres Funktionierens. Dabei scheinen gewichtige Gründe gegen diese zu sprechen. So die nachweislich intensiven und gründlichen Bemühungen um ihre Errichtung (s.o.). Dazu die viel zu lange Bauzeit, die sich ergeben würde, wäre das Bauwerk tatsächlich nicht zur Vollendung gekommen, wo diese doch bei weit längeren Linien schon wesentlich kürzer auszufallen pflegte.

Wohl das höchste Gewicht dürfte die schon angesprochene strategische Bedeutung dieser Linie einräumen, wie insbesondere die "elsässische Sektion" dies untermauert. Die uns überdies so auch ein Indiz liefert, indem sie entgegen dem ursprünglichen Vorhaben, nämlich eine Telegraphenlinie von Paris nur bis Straßburg zu errichten, über dieses "hinausschießt" und so andeutet, bereits den Anfang einer neuen Linie zu bilden, mit der das im Norden Frankreichs gerade neu eroberte Gebiet erstmals telegraphisch erschlossen werden sollte.

Die Fortführung der "elsässischen Sektion" von Landau nach Mainz

Tatsächlich liefert die Ausschreibung von Sordi uns einen ersten Anhaltspunkt dafür (s.o.). Nach dieser hat er nämlich insgesamt 16 Häuschen für den Bau der Division Saarburg-Straßburg-Landau disponiert. Dies kommt zunächst zwar mit der Anzahl von 16 geplanten Stationen für diese Linie überein, allerdings konnte Sordi in mindestens drei Fällen auf vorhandene feste Bauten zurückgreifen (Straßburg, Fort-Louis, Landau), so daß er tatsächlich höchsten 13 Häuschen benötigte. Womit sich die Frage stellt, wofür die mindestens drei übrigen Häuschen dann bestimmt waren?

Die angedeutete Vermutung scheint zur Gewißheit zu werden mit einer Nachricht, die bisher noch nicht in diesem Zusammenhang gesehen wurde. Sie teilt uns über den Wartturm bei Kirchheimbolanden mit, daß dieser ursprünglich zwei hölzerne Stockwerke trug, die wegen Schadhaftigkeit im Jahr 1795 abgebrochen werden mußten. Zu diesem Zeitpunkt soll der Wartturm einen optischen Telegraphen der französischen Besatzung aufgenommen haben.

    Wartturm bei Kirchheimbolanden

Das in dieser Nachricht angegebene Jahr korrespondiert voll und ganz mit der Hauptbauzeit der "elsässichen Sektion" von Straßburg nach Landau, dem Jahr 1795. Vollste Kongruenz schafft ihr Nachrichtengegenstand mit der Existenz eines optischen Telegraphen auf dem Wartturm zu diesem Zeitpunkt. Womit der Wartturm eindeutig mit einer Fortführung der "elsässischen Sektion" in Beziehung gestanden haben muß! Womit spätestens hiermit nun auch davon ausgegangen werden kann, daß die "elsässische Sektion" funktioniert haben muß, insoweit ihre Fortführung von Landau nach Norden sonst keinen Sinn ergeben hätte!

Mit ihrem so auch klar zu ermittelnden Richtungsverlauf nach Norden zielte die Fortführung der "elsäs-sischen Sektion" auch direkt auf unseren Landkreis, hauptsächlich aber dorthin, wo Frankreich - nach der Verschiebung seiner Nordgrenze an den Rhein - nun einen neuen strategischen Schwerpunkt sah, nämlich zum befestigten Mainz.

Dieses konnte bei seinem erfolgreichen Vordringen auf das linksrheinische deutsche Gebiet im Jahr 1794 durch seine Revolutionstruppen nicht eingenommen werden, da es sich behaupten konnte. So sah man sich gezwungen, lediglich an seiner Westseite einen Belagerungskordon darum legen zu können. Womit Mainz - wie das spätere militärische Vorgehen der Franzosen auch aufzeigt - der strategische Brennpunkt schlechthin war. So daß wir auch zu dem Ergebnis gelangen, daß die "Endstation" der Fortführung der "elsässischen Sektion" von Landau nach Norden sich jedenfalls nicht in Mainz befunden haben kann, aber sehr wahrscheinlich nahe vor Mainz, nämlich wohl dort, wo der französische Kriegsrat sich etabliert hatte, um das weitere Vorgehen zu beraten und vorzubereiten.

Der optische Telegraph auf der Kalmit

Mit diesem Richtungsverlauf nach Norden lenkt die Fortführung ab Landau den Blick nun unweigerlich auf die Kalmit, vor allem als höchste Erhebung in sichtbarer Nachbarschaft zu Landau und in idealster Ausrichtung zu ihrem "Endpunkt". Die älteste Nachricht (Aloys Schreiber, 1816) teilt über sie mit:

"...Die schönsten Puncte der Umgebung, wo man eine herrliche Umsicht hat, sind: ...Der Kalmück, die höchste Erhebung des Haardtgebirges, wo die Franzosen einen Telegraphen anlegen wollten und einen 80 Schuh hohen Bau aufführten, um mit Mainz und Landau zu correspondieren."

Sie bestätigt uns, daß die Franzosen die Kalmit als Telegraphenstandort ausersehen hatten, ja so sehr, daß man sich zu weit über das übliche Maß hinausgehenden Bemühungen entschloß, hierfür einen Turm aus Stein (!) zu errichten, der von seiner Mächtigkeit und Höhe her etwa dem heutigen dort anzutreffenden Turm entsprach. Hinsichtlich der Errichtung dieses Turms ist die obige Nachricht auch eindeutig, indem sie in der bezüglichen Formulierung im Indikativ gehalten ist! Woher auch sonst, als von einen existierenden Bauwerk dieser Größe, sollte der Berichterstatter die Kenntnis erlangt haben, daß der Turm fast 23 m hoch war?!

   Die Kalmit mit Turm als Telegraphenstandort

Hinsichtlich des Telegraphen auf der Kalmit verwendet der Berichterstatter allerdings eine - konjunktivisch gehaltene - vorsichtige Formulierung. Er war - aus nachvollziehbaren Gründen - nicht sicher, ob dort tatsächlich ein Telegraph errichtet wurde. Seine offensichtlichen Zweifel darüber dürfte die nachfolgende Mitteilung (bei Heinz Wittner) gegenstandslos machen, welche lautet: "Nach 1795 errichteten die Franzosen auf der Kalmit eine Telegraphenstation an der Linie Paris-Mainz."

Angesichts der in dieser Mitteilung gemachten zeitlichen Angabe "nach 1795" für die Errichtung eines Telegraphen auf der Kalmit stellt sich die Frage, ob nun für das genannte Jahr ein solcher auszuschließen wäre. Dies bestimmt nicht. Die Angabe "nach 1795" scheint sich zum einen auf den von Aloys Schreiber angeführten Steinturm (für eine Nachfolgelinie!) zu beziehen, der gewiß erst "nach 1795" zu seiner Entstehung kam, zum andern auf die Ausgangssituation von 1795 hierfür, als anstelle eines Steinturms noch auf eine einfachere Behelfslösung zurückgegriffen werden mußte. So kann unter der Annahme, daß die Franzosen bereits 1795 die Eignung der Kalmit als Telegraphenstation durchaus erkannt hatten, davon ausgegangen werden, daß schon zu diesem Zeitpunkt dort ein Telegraph errichtet war, in herkömmlicher Art und Weise, mit einem - der zuviel disponierten - Häuschen (s.o), auf einem Holzgerüst zur Erhöhung seiner Position. Bei diesem Holzturm könnte es sich dann auch um denjenigen gehandelt haben, der als Vorläuferbau der danach in Stein errichteten Türme auf der Kalmit nachgewiesen ist.

Der "Eremitensitz" auf dem Peterskopf als optischer Telegraph

Mit der Kalmit und dem Warturm bei Kirchheimbolanden als sicher anzunehmende Standorte von optischen Telegraphen stellt sich nun die Frage, wie die Verbindung zwischen diesen - über unseren Landkreis hinweg - hergestellt gewesen sein könnte. Konkrete Hinweise dazu fehlen leider, doch kann eine Beschreibung des Peterkopfes bei Bad Dürkheim, welche uns August Becker übermittelt, zu einer durchaus logischen, den damaligen Konstruktionsprinzipien für die Telegraphen-Errichtung entsprechenden Vorstellung darüber verhelfen. In seinem volkskundlichen Werk "Die Pfalz und die Pfälzer" schreibt er: "...Auf der kalten und rauhen Spitze des Peterskopfes bemerken wir noch Spuren einer Wohnung, die vielleicht einst ein Eremitensitz war..."

Seiner Vermutung kann zwar nicht entsprochen werden, insoweit ein Eremitensitz auf dem Peterskopf nicht nachgewiesen werden kann. Dennoch als Vergleich damit erscheint diese nicht einmal abwegig, wenn man weiß, daß die Bediensteten der optischen Telegraphen durchaus wie Eremiten ihren Dienst fristeten, indem sie meist allein, in aller Abgeschiedenheit und fast auch "andächtig" in der Stube oder im Häuschen ihrer Telegraphenstation geduldig auf Regungen bei ihren benachbarten Stationen harrten. Und so müßten diese (steinernen!) "Rudera" (Becker a.a.O.) auf dem Peterskopf auch wohl eher als Reste eines optischen Telegraphen zu halten sein.

Hierfür würde sprechen, daß die Distanz zwischen der Kalmit und dem Wartturm bei Kirchheimbolanden 38 Kilometer Luftlinie beträgt, so daß auf jeden Fall noch weitere Zwischen-stationen erforderlich waren. In Idealkonstellation, gemäß den damaligen Konstruktionsprinzipien, noch deren drei. Ziemlich in der Mitte zwischen beiden Punkten stellt der Peterskopf - neben dem Heidenfels mit 496 m Höhe - die höchste Erhebung dar. Sie weist heute 487 m auf. Im relevanten Jahr 1795 war sie allerdings höher, so nach einer Angabe August Beckers (a.a.O.) mit 1700 bayerischen Schuh bzw. Fuß, was einer Höhe von 496 m entsprechen würde. Wahrscheinlich war sie aber noch höher, da seine glatte Höhenangabe abgerundet erscheint, wenn Becker (a.a.O) ebenfalls über den damaligen Peterskopf formuliert, daß er der "erhabendste Gipfel dieser Gegend sei".

   Der Peterskopf mit dem Bismarckturm

Der Grund für seinen Höhenschwund ist, daß die ursprüngliche Felsenspitze des Peterskopfes massiv abgetragen wurde, um das Baumaterial für den heutigen dort befindlichen und 40 m hohen Bismarckturm zu gewinnen, aber auch um das Plateau zu schaffen, worauf dieser Turm heute steht. Dabei dürften spätestens auch die letzten Reste der von Becker beschriebenen "Rudera" verschwunden sein, wenn diese nicht schon vorher zum Bau einer steinernen Pyramide abgetragen wurden, welche sich noch Ende der 1820-er-Jahre als trigonometrischer Punkt auf dem Felsmassiv des Peterskopfes befunden haben soll.

Mit dem Peterskopf als Telegraphenstation wäre die Verbindung zwischen diesen Stationen gut herzustellen gewesen, mit Abständen von durchschnittlich 10 Kilometern, was auch eine gute Übertragung der Signale gewährleistet hätte.

Der "Hintere Stoppelkopf" bei Lambrecht als Standort eines Telegraphen

Hinsichtlich der so noch benötigten Telegraphenstation zwischen Kalmit und Peterskopf ergeben sich folgende Überlegungen: Im Norden der Kalmit liegt in Querrichtung der über 600 m hohe und fast ebenso breite Bergrücken der Hohen Loog (618 m). Beim Blick von der 673 m hohen Kalmit - wegen ihres dichten Aufwuchses leider nicht von ihrer höchsten Stelle aus - verdeckt die Hohe Loog so die hinter ihr liegenden Gipfel, so daß selbst zum 553 m hohen Weinbiet keine Blickverbindung von der Kalmit aus besteht. Nur durch dessen 133 m hohen Sendemast "ohne Fuß" ist die Position des "unsichtbaren" Weinbietgipfels überhaupt auszumachen. Selbstverständlich gilt dies auch umgekehrt, wo vom Weinbiet aus zwar der ca. 60 m hohe Stahlturm auf der Kalmit zu erblicken ist, jedoch ebenfalls nur dessen höheren Teile und nicht der Gipfel selbst. Somit kommen die Gipfel hinter der Hohen Loog auch nicht als Standorte für optische Telegraphen in Frage (das Weinbiet auch deshalb nicht, weil im Norden der Vordere Langenberg [544 m] den Blick zum Peterskopf versperrt!).

  

Der Stoppelkopf nördlich Lambrecht (linkes Bild) mit Gipfelkreuz und Aussichtskanzeln (Hintergrund) mit guten Blick zum Peterskopf mit dem Bismarckturm (rechtes Bild)

Aus diesen topographischen Zwängen scheint daher, auch als absolut idealste Lösung hierfür, nur der Hintere Stoppelkopf nördlich Lambrechts als Telegraphenstandort in Betracht zu kommen. Er wird von der Hohen Loog nicht verdeckt und ist von der Kalmit aus - auch durch seine markante Kegelform - gut sichtbar. Auch liegt er entsprechend mittig zwischen Kalmit und Peterskopf und stellt mit 566 m die absolut höchste Erhebung in diesem Bereich dar. (Auf dem Felsengipfel des Hinteren Stoppekopfes hat übrigens 1911 der Verschönerungsverein Lambrecht eine Aussichtskanzel errichtet, die auch als hölzerner Turm mit quadratischem Grundriß beschrieben wird. Sie soll bis kurz nach 1920 dort bestanden haben und in den 1930-er Jahren durch eine Pyramide aus mächtigen Fichtenstämmen ersetzt worden sein, welche trigonometrischen Zwecken gedient haben soll. Gerhard Braun, der letzte Lambrechter Förster, kann sich noch daran erinnern, daß die Konstruktion mit einer in der Mitte der Pyramide hängenden Fichte errichtet war, um ein möglichst freies Schwingen zu gewährleisten und so die Konstruktion stabil zu halten. Er selbst habe dann mitgeholfen, dieselbe wieder abzubauen.)

Die weitere Trassierung der Telegraphenlinie von 1795

Als so noch weiter erforderliche Station zwischen Peterskopf und Wartturm bei Kirchheimbolanden kann wohl der 366 m hohe Kühberg am nördlichen Ortsrand von Stauf vermutet werden. Für die nachfolgende Station nach dem Wartturm bei Kirchheimbolanden ist der Wartturm bei Alzey zu nennen. Er ist als Telegraphenstation überliefert. Die Stationen zwischen diesem und der "Endstation" vor Mainz sind nicht näher zu lokalisieren. Für die knapp 30 Kilometer lange Distanz, welche bis dorthin noch zu überbrücken war, dürften allerdings noch mindestens zwei Zwischenstationen benötigt worden sein, bis die Linie Straßburg-Landau mit ihrer Fortführung nach Norden schließlich in ihrer "Endstation" vor Mainz ankam. Als überhaupt erste "pfälzische" Telegraphenlinie von Straßburg nach Mainz ließe sie sich demnach wie folgt zusammenstellen:         

Die erste "pfälzische" Telegraphenlinie von Straßburg nach Mainz 1795

Nr. Station/OrtStandort/ Höhe Km Km 
  Bauwerk (Turm-Turm)(Summe) 
  1. StraßburgMünster--  -
  2.Kilstett?13,000   13,000 
  3.RoeschwoogFort Louis22,200  35,200
  4.OberlauterbachGuckenberg178 16,200  51,400 
  5.DierbachWurmberg 176 14,800   66,200 
  6.Mörzheim Lochberg 215   9,800   76,000 
  7.Landau Stiftskirche   4,600   80,600 
 + 4 Hilfsstationen=11*)     
12. Maikammer Kalmit 673 13,700   94,300 
13. Lambrecht Stoppelkopf 566   8,625 102,925 
14. Bad Dürkheim Peterskopf 487 10,200 113,125 
15. Stauf Kühberg 366 11,125 124,250 
16. Kirchheimbolanden Wartturm 360 11,700 133,950 
17. Alzey Wartturm 275 10,900 146,850 
18. unbek. Station 
19. unbek. Station 
20. Mainz "frz. Kriegsrat" ca. 30,000=zus. ca.177,000 
      
 *) Hoerdt,    Kurtzenhouse, unbek. Station, Trimbach   


Das Ende dieser ersten "pfälzischen" Telegraphenlinie

Wie berichtet wird, wurde die Linie Saarburg-Landau mit ihrer "elsässischen Sektion" schon Ende 1795 aus Geldmangel wieder aufgegeben und die Stationen teilweise offen gelassen bzw. Materialien daraus verkauft, was auch das Ende ihrer Fortführung nach Mainz bedeutet haben muß. Andererseits, nachdem die Franzosen ihre Eroberungszüge auf die rechte Rheinseite verlagerten, dort allerdings Niederlagen einstecken und sich schließlich wieder auf die linksrheinische Seite zurückziehen mußten, um nun dort weiter bedrängt zu werden, dürfte darin der Hauptgrund für das Einstellen dieser Linie zu erblicken sein. So wurde am 28./29. Oktober 1795 Mainz entsetzt und im folgenden November die Franzosen auf Stellungen bei Kaiserslautern bzw. zwischen Bad Dürkheim und Neustadt zurückgeworfen. So oder so war das sich rasch nähernde Ende dieser Linie dann auch vorbestimmt.

Der optische Telegraph mit viel Unterhaltungswert für die Bevölkerung

Trotzdem dürften die Pfälzer entlang ihres Verlaufs durch die Pfalz und dabei auch durch unseren Landkreis einiges über sie mitbekommen haben. Spätestens Ende Frühjahr des Jahres 1795 dürften Erkundungstrupps, angeführt von wichtigen Herren, mit einem Detachement Soldaten, zu Roß und mit Wagen mit allerlei wunderlichem Gerät darin, dabei zu beobachten gewesen sein, wie sie die höchsten Gipfel des Ostrandes des Pfälzerwaldes bzw. des Haardtgebirges nach geeigneten Standorten für die Telegraphen dieser Linie inspizierten. Wahrscheinlich markierten sie die als geeignet erscheinenden Punkte mit auffälligen Attrappen und hinterließen so erste weithin sichtbare Zeichen. Spätestens Mitte des Jahres 1795 dürften sich dann größere Trupps, voran wieder wichtige Herren, wieder mit einem Detachement Soldaten, dazu Pioniere, Holzmacher, Handwerker, Wagen mit seltsam anmutenden Apparaten beladen, zu den ausgewählten Punkten aufgebrochen sein, um dort nun die "echten" Telegraphen zu installieren. Spätestens jetzt dürfte dann auch störender Aufwuchs beseitigt, wahrscheinlich sogar ganze Gipfel kahlgeschlagen worden sein.

Bei "Probeläufen" der errichteten Maschinen sandten diese vielleicht so erste Zeichen durch die Pfälzer Lüfte. Und so dürften die Pfälzer entlang dieser Linie erstmals auch den Eindruck vom "Kasperletheater" - einer damals beliebten Volksbelustigung - gewonnen haben, wenn der Telegraph mit seinem drehenden Balken und den beiden Zeigern am fernen Horizont wie eine zappelnde menschliche Figur erschien. Erst recht, als dann die Linie ihren Betrieb aufnahm und in Anbetracht der Ereignisse des Jahres 1795 rege Tätigkeit an den Tag gelegt haben dürfte, bis dieser, vielleicht nach zwei oder höchstens drei Monaten, schließlich wieder eingestellt werden mußte.

So dürfte der optische Telegraph auch in den Lüften über unserem Landkreis sein Spiel getrieben haben. Von der Kalmit aus "schwebten" seine Zeichen über der "Stadter Bank" auf dem Schauerberg, südlich von Lambrecht, in den Luftraum unseres Kreises ein, um über den Stoppelkopf und den Peterskopf westlich Hettenleidelheim, über dem Katzenberg, diesem dann wieder zu enteilen.

Insbesondere den Lambrechtern wie auch den Dürkheimern, die im "Theater" des Telegraphen die vordersten Ränge einnahmen, dürfte er so viel Unterhaltung geboten haben. Nach dem kurzen Intermezzo des Jahres 1795 mindestens noch einmal zu einem späteren Zeitpunkt, als auf der Kalmit dann der oben erwähnte steinerne Turm hierfür errichtet wurde.

Wahrscheinlich erzwangen Gründe, die wir nicht kennen, daß von einer Linie über die Kalmit und weitestgehend am Ostrand des Pfälzerwaldes bzw. an der Haardt entlang Abstand genommen werden mußte und deshalb dann der Bau der Linie Straßburg-Mainz über den Eschkopf und den Donnersberg Präferenz erfuhr, die Kalmit damit außen vor lassend. Mit ihren überlieferten Stationen auf dem Eschkopf und der Bloskülb und von dort weiter zum Donnersberg, durchstreifte diese Linie ebenfalls unseren Landkreis, diesmal an seiner westlichen Grenze, am weit abgelegenen Ende des Elmsteiner Tales. Wenn diese Betrachtung damit ihren Schluß finden möge, dann im Bewußtsein, daß es unbedingt noch weiterer Aufhellung zum Thema bedarf.

Lindenberg, im Juli 2006

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