Eine Stadttour durch Lambrecht

Als 1977 die Stadt Lambrecht (Pfalz) ihr 1000-jähriges Bestehen feierte, wurde auch eine "Historische Wanderung" in das Festprogramm aufgenommen. Damals nahmen über 2000 (!) Wanderer an der Tour durch den Altstadtkern und zu den interessantesten Ausblickpunkten in der nahen Peripherie von Lambrecht teil. Die nachfolgende (virtuelle) Stadttour möchte an diese Veranstaltung, die einen so unerwartet großen Zuspruch fand, anlehnen und gleichermaßen zu den historisch interessantesten und sehenswertesten Punkten der "Kleinen Stadt im Pfälzerwald" geleiten.

Als Startpunkt hierfür sei der Bahnhof ausersehen. Zum einen ist er ein fester Ankunftspunkt für die Bahntouristen, zum andern aber auch ein guter Orientierungspunkt, der ohne große Mühe auszumachen und aufzufinden ist. Hier also soll unsere Stadttour beginnen, zu der ich den geneigten Leser hiermit gerne einlade.

1. Der Bahnhof

Schon der Startpunkt für unsere Stadttour stellt von seiner Lage und seiner Umgebung her einen historisch bedeutsamen Ort Lambrechts dar. Bevor nämlich die Bahnstrecke, die "Ludwigsbahn", von der 'Ludwigschanze' (dem späteren Ludwigshafen) bis in das Saarland errichtet wurde, befanden sich in seinem Bereich die "Trockenwiesen". Sie lagen im damals auslaufenden Hang am Fuße des Kreuzbergs, der sich nördlich des Bahnhofs erhebt, einem von der Sonne besonders verwöhnten Platz im Lambrechter Talkessel, darum auch "Sommerberg" genannt. Hier befanden sich die Gestelle, auf denen die Lambrechter Tuchmacher ihre Tuche, nach dem Waschen, Walken, Färben, an der Sonne trockneten und bleichten.

Territorial gehörten die "Trockenwiesen" zum bischöflichen Grevenhausen, das sich hauptsächlich nördlich des Speyerbachs ausbreitete und ein eigenständiges Dorf bildete, bis es dann im Jahr 1839 mit St. Lambrecht verehelicht wurde. Zwischen den beiden Dörfern kam es 1755 zu einem heftigen Streit um die "Trockenwiesen", der Züge eines lokalen Kriegshandels annahm, jedoch glücklicherweise friedlich beigelegt werden konnte. Das "Lambrechter Sommertagsfest" ging daraus hervor und erinnert so noch heute an diese heikle historische Begebenheit (-->Lambrecht/Heimathefte/ Verkehrsverein).

Der Bahnhof vom Lambrecht (links darüber die "Webschule")

Dem Fortschritt fielen die "Trockenwiesen" anheim, als die Schienenstränge der "Ludwigsbahn" über sie gelegt wurden und so Lambrecht 1849 Anschluß an die Eisenbahn erhielt. Hierbei kam Lambrecht auch zu seinem ersten Bahnhof-Dienstgebäude für den Personenverkehr. Das alte zweistöckige Bahnhofgebäude fiel mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs einer Brandstiftung zum Opfer, vermutlich als Racheakt von Zwangsarbeitern. Mehrere Jahre diente danach eine Holzbaracke aus Rundhölzern als Provisorium, bis dann 1957 das heutige modernere Bahnhofgebäude eingeweiht wurde.

Sein großer Warteraum ziert eine Wandmalerei mit der Darstellung eines "Webers bei der Arbeit am Webstuhl" als Hinweis auf die vor über 425 Jahren gegründete Tuchmachertradition in Lambrecht. Desweiteren sind darauf "Brautpaar und Geißbock" zu finden, welche die über 600-jährige Geißbocktradition symbolisieren.

Bahnhoffresko (ohne Uhr dazwischen): Die "Deidesheimer" (mit "Imbs" aus Käsebrot und Wein sowie der Urkunde mit Siegel) erwarten das Lambrechter Brautpaar mit dem Tributbock (linke Hälfte), die Lambrechter Tuchmacher prüfen die Qualität ihres Tuches, während ein Weber fleißig seinem Handwerk nachkommt (rechte Hälfte)

Der Bahnhof wurde in neuerer Zeit zu einem S-Bahnhof umgestaltet und dabei auch sein Umfeld als moderne Park & Ride - Anlage neu geschaffen. Wenn er auch als Personenbahnhof mit eigenem Schalter ausgedient hat, so stellt er doch vor allem für die Berufspendler des Lambrechter und Elmsteiner Tales heute ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt dar wie auch bevorzugte Ausgangsstation für die Taltouristen, um von hier aus zu ihren Touren in die erholsame Tal- und Waldlandschaft um Lambrecht aufzubrechen.

2. Der alte Marx'sche Turm bzw. Postturm

Nur etwa 50 Schritte vom Bahnhof westwärts treffen wir auf ein ganz besonders sehenswertes Kleinod Lambrechts. "Bau er mir so en Turm dohi!" (hd. "Baue er mir so einen Turm dahin!"), so lautete der Imperativ des Commerzienrats und Tuchfabrikanten Carl Marx an den Bahnbaumeister Adam Alker, mit dem er diesen zum Bau seines "Marx'schen Turmes" beauftragte. Dabei zog er eine selbstgefertigte Skizze hervor, auf der sich das Vorbild befand. Ein Türmchen des Schlosses Miramare bei Triest, das ihn während einer Italienreise fasziniert hatte. Und so entstand 1885 dieser prächtige Sandsteinturm in freier Nachschöpfung des romantischen Burgenwiederaufbaus vom Rhein mit seiner gefälligen spätklassizistischen Gliederung, wie den neugotischen Schmuckformen mit Bogenfriesen, Ecktürmchen, Maßwerkfenstern und freiem Balkon sowie den auf Spitzbogenkonsolen aufgesetzten Zinnen.

    Der Marx'sche Turm bzw. Postturm

Er diente zunächst als Wasserturm für die Marx'sche Tuchfabrik (mit einem Alter von über 425 Jahren ältestes Unternehmen in der Pfalz), dann als Bibliothek mit Bad und kleiner Kneipp-Anlage. 1928, acht Jahre nach dem Tod seines Erstbesitzers, erwarb die Post den Turm und baute einen Lastenfahrstuhl ein, unter starker Beeinträchtigung seiner Substanz. 1960 stellte diese die Nutzung ihres "Postturms" ein. Auf Antrag der Stadt wurde dieser dann 1985 unter Denkmalschutz gestellt und zwei Jahre darauf von den Stadtwerken erworben.

Dazu beigetragen hatte auch ein adventliches Turmblasen, das von der Stadtkapelle und dem --> Verkehrsverein über mehrere Jahre gemeinsam beim Turm ausgerichtet wurde, um damit auch auf dessen schlechten baulichen Zustand aufmerksam zu machen und die Öffentlichkeit für seinen Erhalt zu sensibilisieren. Diese Bemühungen mündeten schließlich auch in die Illumination des Turms während der Adventszeit und seinen Verkauf an einen Investor im Jahr 1998, der ihn einer gründlichen Sanierung unterzog. Der leidenschaftliche Jägersmann belegte ihn dann auch mit dem neuen Namen "Jagdturm".

3. Der Herzog-Otto-Platz

Vom Postturm, respektive Jagdturm, weitere 50 m westwärts kommen wir unterhalb der über den Bahnkörper führenden "Hermann-Schneid-Brücke" (Name von einem früheren Bürgermeister von Lambrecht) in die "Apothekergasse". Sie ist benannt nach der ehemaligen alten Schellbach'schen Apotheke, deren Vorgängerin die "Rot-Kreuz-Apotheke" war und die heute das östliche Eckgebäude an der Einmündung der "Apothekergasse" in die "Hauptstraße" markiert. Am 18. März 1945 wurde diese durch einen Bombentreffer in Schutt und Asche gelegt. Bei ihrem Wiederaufbau stieß man auf die Fundamente der mittelalterlichen "Pankratius-Kapelle", welche einst am dort beginnenden ursprünglichen Aufgang zu den "Trockenwiesen" stand und wo in dem oben geschilderten Streit von 1755 die Hitzköpfe von Grevenhausen und St. Lambrecht aufeinandergeprallt waren.

Der "Herzog-Otto-Platz" zwischen Schul- und Hauptstraße

Überqueren wir dort die "Hauptstraße" (früher "Kaiserstraße" nach Kaiser Wilhelm I.), fällt uns der mit dem "Geißbock-Brunnen" repräsentativ gestaltete und von der Haupt- und Schulstraße umarmte "Herzog-Otto-Platz" ins Auge. Seine Realisierung wurde im Zuge der Anfang der 1980er-Jahre eingeleiteten Stadtkernsanierung möglich, bei der u.a. eine ganze Häuserzeile an der Südseite der "Hauptstraße" weichen mußte. So konnten im Jahr 2000 Brunnen und Platz festlich eingeweiht werden.

     

Der "Geißbock-Brunnen" auf dem Herzog-Otto-Platz, ein Hingucker besonders zur Osterzeit

Der Platz wurde dem rhein-fränkischen Grafen Otto von Worms und Herzog von Kärnten aus dem Geschlecht der Salier gewidmet, der 977 bzw. 987 (darüber streiten die Historiker) das Kloster St. Lambrecht gründete, als Urzelle der heutigen Stadt Lambrecht (Pfalz). Der "Geißbock-Brunnen" geht auf eine Initiative der früheren Stadtbürgermeisterin Erna Merkel zurück und 'verkörpert' die seit 1404 belegte Geißbocktradition in Lambrecht, nach der für bestehende Weiderechte im nahen Deidesheimer Wald, jeweils Dienstag nach Pfingsten, ein Tributbock nach Deidesheim zu liefern ist. Hieraus gestalten sich in Lambrecht alljährlich zu Pfingsten einzigartige Feste, wie etwa die "Heimatabende" oder die "Pfingsfestspiele", wobei vor allem die Aufführungen des großen historischen "Geißbockfestspiels" als größtes Freilichtspiel im Südwesten jeweils Tausende von Besuchern nach Lambrecht locken.

4. Die Grevenhausener Chaussee

Dort, wo sich heute der "Herzog-Otto-Platz" erstreckt und einst auch die "Stadtwaage" ihren Dienst verrichtete, ist auf einer der ältesten Darstellungen von St. Lambrecht und Grevenhausen ein 'Zunftbaum' zu entdecken. Er markierte wohl nicht nur den Beginn der "Grevenhausener Chaussee", sondern warb wohl auch für eine schon Mitte 18. Jh. und wohl schon davor bestehende Gastronomie Grevenhausens.

Als älteste Gaststätte ist der "Hirschwirt" für das Jahr 1749 nachgewiesen (heute Hauptstraße 52a). Die dortige "Hirschgasse" ist danach benannt. Weitere drei historische Wirtschaften können noch angeführt werden, darunter der "Schwanenwirt" (1800), den einst der berühmt berüchtigte Schinderhannes mit einem Brandbrief um '200 Carolin und zwei goldene Uhren' zu erleichtern suchte, allerdings ohne Erfolg! Heute versinnbildlichen die 'historische Thekenmeile' etwa noch das "Eiscafé Venezia mit Pizzeria", gegenüber der östlichen Spitze des "Herzog-Otto-Platzes", und von diesem wenige Meter auf der "Hauptstraße" nach Westen das "Stadt-Café".

5. Das Wassergäßchen und die Grevenhausenstraße

Von letzterem ist es nur ein weiteres kurzes Stück Richtung Westen, um linkerseits der "Hauptstraße" das "Wassergäßchen" wahrzunehmen. Ihm gegenüber zwängt sich das Luhrbachtal zwischen den "Kreuzberg" im Osten und den "Eichelberg" im Westen. Der "Luhrbach" braust - heute eher mäßig - aus diesem Tal heran, um dann durch das Wassergäßchen dem "Speyerbach" zuzustreben. Sein Wasser war früher viel stärker und konnte einst sogar eine "Nagelschmiede" antreiben. In früheren Zeiten war er öfter auch Gegenstand von Streitigkeiten zwischen den Einwohnern Grevenhausens und St. Lambrechts und wurde dabei mehrmals von den Streithähnen weg- und wieder zurückgeleitet.

   Abgang "Wassergäßchen" von der Hauptstraße (rechts)

Als Anfang der 1980er-Jahre in diesem Bereich mit der Stadtkernsanierung begonnen wurde, stieß man dort beim Abriß eines Hauses auf Reste einer sehr alten Brunnenanlage. Leider wurden diese allzu hastig wieder zugeschüttet, so daß sie einer archäologischen Begutachtung nicht mehr zugänglich waren. Vielleicht hätte eine solche die Vermutung erhärten können, daß in der gegenüber dem Wassergäßchen sich öffnenden Mündung des Luhrbachtales jenes "Gravenhus" (gräfliches Jagdhaus) stand, von welchem aus der salische Gründer Lambrechts einst zu seinen Jagden im "Lutramsforst" aufbrach und von dem "Grevenhausen" seinen Namen erhielt.

Hauptstraße 75: hier stand das ehemalige "Schul- und Rathaus" von Grevenhausen, dahinter mündet die "Grevenhausenstraße" in die Hauptstraße

An das ehemalige "Grevenhausen", dessen "Schul- und Rathaus" (später Konditorei Fritz) einst seinen Platz einnahm, wo sich heute das Gesundheitszentrum Gensheimer (vormals die "Drogerie Ullrich", Hauptstraße 75) befindet, erinnert die "Grevenhausenstraße", welche unmittelbar westlich des Wassergäßchens von der Hauptstraße nach Süden abzweigt. Wo nach deren Überquerung heute ein großer Schaukasten Informationen über Lambrecht und seine Vereine anbietet, bildete früher das alte "Evangelische Gemeindehaus" (einst auch königl. bayr. Postamt) einen Engpaß, bevor dieses dann 1981 für die Verbreiterung der Hauptstraße weichen mußte.

6. Die Katholische Kirche

Kaum 100 m weiter westwärts erblicken wir an der Nordseite der Hauptstraße die "Katholische Kirche". Ihr heutiger Bau mit seinen hellen Putzflächen entstand 1952/3 als Neubau, unter Einbeziehung von Teilen alter Bausubstanz, wie der zur Kirchstraße gegenüber hingewandten und wirkungsvollen Querschnittsfassade mit ihrer Gliederung durch Kantenpilaster und den "Oculi" (von lat. oculum=Auge) sowie dem Volutengiebel mit Figurennische. Ihr Vorgängerbau war 1749/50 im Rahmen eines durch Fürstbischof Franz Christoph von Hutten betriebenen Programms zum Aufbau von Pfarreien errichtet und dem heiligen Johannes von Nepomuk geweiht worden. An den damaligen Kirchenstifter erinnert in Form einer Rocaille-Kartusche das darin eingebrachte Wappenrelief des Fürstbischofs von Hutten unterhalb der Giebelnische (dazu ausführlich unter -->Lindenberg).

   

Katholiche Kirche (Hauptstraße 82)                                    Christusfigur in Wandnische

Die große "Christusfigur" in dieser hat Pfarrer Dr. Bernhard Würschmitt erschaffen, der von 1826 bis 1828 als katholischer Pfarrer und auch als Bildhauer und Maler in Lambrecht wirkte. Von ihm stammt auch das 1826 erschaffene und in den Hochaltar integriert gewesene Altargemälde mit der Kreuzigungsdarstellung, das bei der letzten Renovierung leider abging. So ziert dieses nun nicht mehr den Kircheninnenraum, der in seinen Formen durchaus noch charakteristische Merkmale der alten Kirche erkennen läßt, welche eine barockisierende Formensprache unterstreicht. Als wesentlich für seine Darstellung sind anzuführen der geräumige nach Norden ausgerichtete Saalbau mit schmalen, durchgangsartigen Seitenschiffen, eingezogenem, flach geschlossenen Chor, Orgelempore und östlich dem Schiff angebautem und mit einem Steilhelm bekrönten Glockenturm.

Bei der Katholischen Kirche endete einst die Grevenhausener Ortsbebauung im Westen und ließ dort auch die Grevenhausener - in die "Lautrer Chaussee" übergehen. Der dort südlich anbindenden "Kirchstraße", in die wir uns jetzt begeben wollen, verlieh der stattliche Kirchenbau ihren Namen.

7. Die Kirchstraße mit dem Kaufhaus Cohrssen

Auffälligstes Gebäude in der "Kirchstraße" ist der 1903 errichtete Bau mit der Hausnummer 6 mit der im Sinne des späten Historismus gegliederten Putzfassade mit übergiebeltem Seitenrisalit und den barockisierenden Rechteckfenstern mit vom Jugendstil geprägter Flächengliederung aus kurvlinear geschwungenen Ziegelbändern, die das Ladenfenster und den in das Satteldach ragenden Zwerchgiebel einfassen. Es handelt sich um das ehemalige "Kaufhaus Cohrssen", dessen Besitzer der jüdische Kaufmann Siegfried Cohrssen war. Dieser war Vorbesitzer des Kaufhauses 'Weickert' in Neustadt und hatte neben Haßloch und Mundenheim so auch in Lambrecht jeweils eine Filiale als Ableger etabliert. In Fragmenten noch entzifferbare Schriftzüge in der Außenfassade lassen das Gebäude als früheres Geschäftshaus erkennen, das sich heute in Privatbesitz befindet.

    

Ehemaliges "Kaufhaus Cohrssen" (Kirchstr. 6)                   Alte "Klostergartenmauer"

Nur wenige Meter von dort Richtung Stadtmitte mündet von rechts die "Matthias-Erzberger-Straße" (früher "Wörthstraße") in die Kirchstraße ein. Der Blick in diese Straße trifft auf den "Evangelischen Kindergarten" an der linken Straßenseite. Zwischen ihm und dem Wohnhaus davor - wohl direkt auf der Grundstücksgrenze - ist noch ein letztes Stück der alten Mauer erhalten geblieben, mit welcher der ehemalige "Klostergarten" im dortigen Bereich einstmals eingefriedet war.

Kurz bevor wir das südliche Ende der Kirchstraße erreichen, nimmt diese von links die Greven-hausenstraße auf, um sich dann mit der von rechts kommenden "Klostergartenstraße" zu vereinen. Letztere erinnert an jenen ehemaligen Klostergarten entlang ihres Verlaufs, der zur Grundversorgung der Insassen des einstigen St. Lambrechter Klosters diente.

8. Die Friedrich-Ebert-Brücke - Ortsmittelpunkt von Lambrecht

Wo die Kirchstraße und die Klostergartenstraße zusammentreffen, öffnet sich danach weit der große zentrale Platz von Lambrecht, von den Einheimischen kurz die "Brick" (hd. Brücke) genannt. Ursprünglich allein "Friedrich-Ebert-Brücke" geheißen, kam nach 2001 für den Bereich nördlich des Speyerbachs noch der "Friedrich-Ebert-Platz" hinzu. Es ist der Ortsmittelpunkt von Lambrecht, wo sich schon immer Geschäfte (früher auch Unternehmen) konzentrierten und wo bis heute die Lambrechter bei ihren Gängen zur Erledigung des täglichen Bedarfs sich treffen, um dabei auch über Gott und die Welt zu "babble" (hd. erzählen). Auch die "Gäßbock-Kerwe" (hd. Geißbock-Kirchweihe) hat hier ihren angestammten Platz.

Blick von der "Brücke" auf Klosterkirche, altes Pfarrhaus, Spitzdach der ehem. Pankratius-Kirche, Speyerbach (von links nach rechts) 

Schon immer bildete die "Brick" auch einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt. Heute vor allem zur Verbindung der durch den Bachlauf getrennten Lambrechter Ortsteile. Aber auch schon für die mittelalterliche Fernverbindung von 'Spira' (Speyer) über die 'Nuwenstadt' (Neustadt) nach St. Lambrecht und weiter über den 'Elbenstein' (Elmstein) hinauf zur mittelalterlichen Fernwegespinne des 'Johanniskreuz'.

Als "Neustadter Chaussee" kam diese an der Nordseite des Speyerbachs entlang im Talkessel an, um kurz vor ihrem Übergang in die "Grevenhausener Chaussee" südlich abzubiegen und etwa dem heutigen Verlauf der "Schulstraße" zu folgen. Bei der heutigen "Brick" - ursprünglich wohl nur eine breite Furt - überquerte sie dann den Speyerbach, um diesem dann ein Stück an seinem Südufer zu folgen, etwa der heutigen "Mühlstraße" entlang. Wo letztere heute endet, nahm sie dann den Anstieg hinauf zu einem in den Steilhang über dem Speyerbach gelegten Weg, der noch heute als "Kleiner Weg" existiert, und strebte über diesen dann den "Haspeln" unterhalb des "Schorlenbergs" zu.

Über die Baugeschichte wissen wir nur, daß der schon im Mittelalter existierende Brückenbau 1839 einen baulich bedenklichen Zustand aufwies und in einer ersten gemeinsamen Maßnahme des im selben Jahr vereinigten "St. Lambrecht-Grevenhausen" aufwendig repariert wurde. In vier Bögen (je einer für Mühl- und Bewässerungskanal und zwei für den Floßbach) überspannte die Brücke damals den Speyerbach. Nach Baufälligkeit erfolgte dann 1929 ein kompletter Neubau, der auf zwei Widerläger ruhend in einem Zug den Speyerbach überspannte. Als man im August 1988 an seinen Stahlträgern Korrosion entdeckte, wurde die Belastbarkeit der Brücke auf 5,5 to beschränkt. Im Jahr 2000 erfolgte dann ihr Abriß und Neubau, der sich bis 2001 hinzog und ihr das heutige Aussehen verlieh.

Blick auf "Haus Becker", alte Volks- u. Grundschule, modernes Ärzte- und Geschäftshaus (von links nach rechts)

Ihr ursprünglicher Name lautete einfach "Speyerbachbrücke", bis sie dann 1929 den Namen "Friedrich-Ebert-Brücke" erhielt. In nationalsozialistischer Zeit wurde sie dann in "Dr. Kurt-Faber-Brücke" umgetauft, nach einem damals reichsweit bekannten und viel gelesenen Reise- und Abenteuer-Schriftsteller aus einer Lambrechter Familie. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte wieder ihre Umbenennung in "Friedrich-Ebert-Brücke".

Den Rundumblick von der "Brick" dominiert von ihrer Anhöhe im Süden die altehrwürdige "Klosterkirche", zu der die "Marktstraße" hochführt. Im Uhrzeigersinn schwenkend hebt sich nur unweit davon das Steildach der ehemaligen "St. Pankratius-Pfarrkirche" aus dem Dächermeer. Der weitere Dreh in gleicher Richtung gewährt den Einblick in die Mühlstraße und auf den Speyerbach, bevor dann im Westen das neue "Seniorenheim" und davor die neue "Anlage für Generationenwohnen" in den Blick rücken. Für Letztere mußte das mächtige "Trifels-Gebäude" weichen, das ehemalige Großversandhaus für Woll- und Tuchwaren von Hermann Becker, von den Lambrechtern kurz "Woll-Becker" genannt, in dem sich später dann "Siemens & Halske", dann die ersten Lambrechter Supermärkte (SBK und Mack) und schließlich ein Mode-Unternehmen sowie eine Arztpraxis etabliert hatten.

Im weiteren Schwenk im Uhrzeigersinn nehmen wir die Einmündungen von Klostergartenstraße und Kirchstraße und danach vom Wassergäßchen wahr. Das stattliche "Haus Becker" im Norden schließt unmittelbar an bis zur "Schulstraße", die nach der 1842 erst einstöckigen, dann 1910 um ein weiteres Stockwerk erhöhten, ehemaligen "Volksschule" benannt ist, deren stattlicher Sandsteinbau sich an ihrer Ostseite aufrichtet (heute "Haus der Vereine"). Die große Treppe davor mit dem Balkon darüber wurde erst 1929 angefügt, der "Grevenhausen-Brunnen" rechts daneben kam 1936 dazu.

Ein Kolonadengang mit dem "Lehrerzimmer" darauf schloß sich einst an das alte Schulgebäude an und schuf so auch die Verbindung zum ehemaligen großen Feuerwehrhaus im Osten. Die Neugestaltung des "Friedrich-Ebert-Platzes" in 2000/1 ließ nur noch seinen östlichen Teil vor der Schulturnhalle übrig. Das alte Feuerwehrhaus wurde nach dem Bau des neuen Feuerwehrdomizils in der Hauptstraße 1997 komplett abgerissen und durch das moderne Ärzte- und Geschäftshaus ersetzt. Nach diesem streift der Blick wieder über den Speyerbach und schließt den Kreis, indem er sich nun auf den "Walkmühl-Gedenkstein" an dessen linken Ufer richtet.

Das moderne Ärzte- u. Geschäftshaus am Friedrich-Ebert-Platz und der Speyerbach  

Der "Walkmühl-Gedenkstein" wurde auf Initiative und mit dem größten finanziellen Anteil vom --> Verkehrsverein gestiftet, unter finanzieller Beteiligung der Stadt. Er erinnert an die 1570 erbaute und von den Lambrechter Tuchmachern genossenschaftlich betriebenen und 1887 außer Betrieb gesetzten alten Walkmühle, deren Bauten sich am Ufer des Speyerbachs erstreckten, wo etwa heute ihr Gedenkstein steht. Als sie beim Brückenneubau 1929 niedergelegt wurde, wurde zu ihrem Gedenken ein in Zierbeton gestalteter Brunnen an der dortigen Ecke integriert und mit einer Gedenktafel mit Inschrift zur Geschichte der Tuchmacher und deren alten Walkmühle versehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entfernten die französischen Besatzer die Tafel, die dabei verloren ging. Grund wahr wohl, daß man die häufige Nennung der Franzosen mißbilligte hinsichtlich der vielen Rückschläge, welche die Tuchmacher und ihre Walkmühle im Laufe der Geschichte erleiden mußten.

Als dann 2000/1 der Neubau der Brücke anstand, für die der Walkmühl-Brunnen geopfert werden sollte, sann man beim Verkehrsverein über einen Ersatz nach. So entstand nach den Entwürfen seines damaligen Vorsitzenden, in Zusammenarbeit mit dem Hettenleidelheimer Bildhauer und Künstler Theo Röhrig, der zuvor schon den Geißbockbrunnen erschaffen hatte, der Walkmühl-Gedenkstein. Dieser gliedert sich in ein Podestteil mit einem 'Kumb' darin und einer Bronzetafel darüber, bekrönt von einem unterschlächtigen Wasserrad, das der vorbeifließende Speyerbach (symbolisch) antreibt.

    Der "Walkmühl-Gedenkstein"

Der 'Kumb' stellt die sogenannte grubenartige Vertiefung eines Lochbaumes dar, in die hinein das gewebte Tuch in eine Lauge gelegt wurde, um darin von weichbeschuhten Stöseln quasi durchgeknetet zu werden, wodurch sich dabei sein Gewebe verdichten sowie dieses damit homogener als auch geschmeidiger und anschmiegsamer werden sollte. Damit symbolisiert der 'Kumb' exakt die Arbeitsweise der mittelalterlichen Walkmühlen, wie sie in dieser Art auch in Lambrecht bestanden, als letzte von einst Fünfen diejenige an der "Brücke".

Die Bronzetafel darüber stellt textlich eine exakte Kopie der Gedenktafel am ehemaligen "Wahlmühl-Brunnen" dar. Zwar war diese völlig untergegangen, doch hatte der Lambrechter Chronist Dr. Collofong ihren Text in einer Abschrift festgehalten, die bei einer ebenfalls vom -->Verkehrsverein angestoßenen Nachforschung überraschend zum Vorschein kam.

9. Die Mühlstraße

Neben den Walkmühlen repräsentierten die alten Lambrechter Mühlen noch eine ganze Anzahl weiterer Mühlenarten, so Loh-, Mahl-, Grieß- Bord-, Würzmühle, Nagel-, Schleif- und Wappenschmiede oder Eisen- und Kupferhammer. An diese erinnert neben dem "Walkmühl-Gedenkstein" auch die "Mühlstraße", die ihren Namen zwar speziell von der "Obermühle" ableitet, im weiteren Sinne aber auch von einer Konzentration traditioneller Mühlen in ihrem und dem angrenzenden Bereich. Bei der "Brücke" zweigt diese westlich ab und folgt bachaufwärts parallel dem Südufer des Speyerbachs.

Gleich an ihrem Eingang richtet sich zu ihrer Linken der stattliche Bau des 1765 errichteten alten Pfarrhauses (zuletzt Arztpraxis) auf. Ihm gegenüber, wo die Grünanlage beginnt, bedeutet eine 'Schräge' in den Speyerbach die Stelle, wo die Fuhrleute einst ihre Pferde in den Bach führten, um sie darin zu waschen. Nahe der alten "Pferdeschwemme" liegt der "Grabstein" mit der Inschrift: "Hier ruht die Lambrechter Kerwe". Nach altem Brauch gräbt das Kerwekomitee hier unter großem Jubel jeweils die Kerwe (hd. Kirchweihe) aus, um sie nach ihrem Ende dort tränenreich wieder der Erde zu übergeben.

   Grünanlage mit "Kerwe-Grab" an der Mühlstraße

Die sich zwischen der Straße und dem Speyerbach ausdehnende "Grünanlage" war früher die "Anlande" des für Lambrecht bestimmten Floßholzes. Dieses wurde aus dem 'Elmsteiner Forst' bzw. der 'Frankenweide' über den Speyerbach herangeflößt. Für andere Orte bestimmtes Floßholz triftete man auf dem Speyerbach bis nach Speyer oder über den an der "Winzinger Scheid" abzweigenden Rehbach bis Frankenthal und zum Rhein weiter (siehe -->Kulturbach Speyerbach sowie -->Heimathefte). Am Ende der ehemaligen "Anlande" teilt eine künstliche Insel den Speyerbach, in deren Mitte eine seltene "Schwarznuß" ihre Krone in den Himmel reckt. Im Herbst beeindruckt diese mit ihrem goldgelben Farbenspiel, um dann recht spät ihre im Frühstadium nach Zitrus duftenden Früchte zu dunkelbraunen 'Walnüssen' mit extrem harter Schale reifen zu lassen (siehe -->Kulturbach Speyerbach).

Indem wir den Blick zur Straßenseite gegenüber wenden, rückt die "mittelalterliche Stützmauer" mit ihren schräg nach unten ausladenden Pfeilern in den Fokus. Sehr wahrscheinlich wurde sie zur Sicherung des ehemaligen Steilufers im dortigen Bereich errichtet, aber auch um das Gelände mit dem "Klemmhof" darüber zu stabilisieren. Denn dieses hatte einst die "Wirtschaftsgebäude" des Klosters zu tragen, vor allem aber auch die "St. Pankratius-Pfarrkirche".

Mittelalterliche Stützmauer in der Mühlstraße mit dem Bau der ehemaligen "Pankratius-Kirche" darüber (links)

Auf die im Jahr 1451 konsekrierte (geweihte) erste gemeindliche Pfarrkirche in Lambrecht geht die Lambrechter Kerwe, die heutige "Gäßbockkerwe", zurück (siehe -->Heimathefte). Sie wurde im Jahr 1823 säkularisiert (verweltlicht) und danach zum Wohnhaus umgestaltet. Mit ihrem heutigen Bau, der sich mit seinem noch original gotischen Steildach unmittelbar über der mittelalterlichen Stützmauer aufrichtet, tritt sie noch heute signifikant aus den Stadtbild hervor.

Das "Klostergäßchen" zieht von der Mühlstraße aus, an der alten Stützmauer vorbei, zur ehemaligen "Klosterkirche" hoch. Im Blick den "Obermühler Buckel" hoch, wie der Volksmund den Steilanstieg früher nannte und nach dem auch der einstige "Buckelwirt" dort seinen Namen erhielt, erscheint der altehrwürdige Sakralbau als Postkartenidyll. Vieles deutet darauf hin, daß das Klostergäßchen für die Mönche und Nonnen des St. Lambrechter Klosters den ursprünglichen Zugang zum Speyerbach bildete, an deren unterem Ende, bei der alten Stützmauer, sie dann auch über einen Bachübergang verfügten und so zu ihrem Klostergarten gelangen konnten.

   

Mittelalterliche Stützmauer (Mühlstraße)                            Blick den "Buckel" hoch zur Klosterkirche

Die wenige Meter davon parallel mitansteigende "Fischerstraße" erinnert an einen früheren Berufsstand von Fischern, welche mehr schlecht als recht von ihrem Gewerbe zu leben vermochten. U. a. dürfte die alljährliche Naturalsteuer von 800 Forellen an das bischöfliche Oberamt in Kirrweiler ihren Ertrag nicht unerheblich geschmälert haben. Die auffällige kleinparzellige Gliederung und die überwiegende Bebauung mit kleinen einstöckigen Wohnbauten im dortigen Bereich, wo die Fischer einst lebten, spiegelt noch heute deren eher kargen Verhältnisse.

Im gegenüberliegenden Gebäude (Mühlstraße 2) fällt das Kellerportal mit den seitlichen Kugelaufsätzen und den frühklassizistischen Türflügeln ins Auge. Bei dem Gebäude handelt es sich um die ehemalige "Obermühle", zu der weitere Gebäude im hinteren Bereich der Mühlstraße gehörten. Ihr heutiges Aussehen geht auf einen Umbau zurück, für den im steinernen Bogen ihres Kellereingangs das Jahr 1798 dokumentiert wurde. Sie war Bordmühle, die zuletzt als Ohler'sches Sägewerk in Betrieb war.

    Kellerportal der ehemaligen "Obermühle"

Schon um 1400 ist von einem "Mühlbach" die Rede, als Hinweis darauf, daß sich zu dieser Zeit schon eine Mühle im Bereich der Obermühle befand. Es kann sich hierbei nur um die alte "Klostermühle" gehandelt haben, die wohl vor dem Bau der heutigen Klosterkirche errichtet wurde. Wahrscheinlich war sie als Bordmühle zu dem Zweck errichtet worden, um für den damals anstehenden Kirchenbau das in rauhen Mengen benötigte Bauholz zu sägen.

Ein alter Mühlkanal nimmt übrigens seine Bahn zwischen der oben schon erwähnten Insel und der Rückwand des alten Mühlengebäudes hindurch. Das dazugehörige Wasserrad - auf alten Abbildungen noch sichtbar - existiert nicht mehr. Dagegen existiert ein solches noch in einem unzugänglichen (privaten) Teil, der an das Ende der Mühlstraße anschließt. Es weist einen Durchmesser von 3,6 m auf und diente noch in den 1950er-Jahren der Stromerzeugung.

Bei der "Historischen Wanderung" von 1977 führte die Strecke vom Ende der Mühlstraße noch den schmalen Aufgang zum "Kleinen Weg" hinauf, wo in dessen oberen Bereich noch ein Blick auf dieses Mühlrad zu erheischen war. Doch hat man diesen Aufgang - einst Teil des mittelalterlichen Fernweges von Speyer zum Johanniskreuz, über welchen auch der Jakobsweg (!) führt - schon bald danach geschlossen und ihn so auch seiner Verwilderung preisgegeben, so daß er nicht mehr begangen werden kann.

10. Der Urkern Lambrechts um die Klosterkirche

Kehren wir daher am Ende der Mühlstraße um und nehmen den Anstieg der Fischerstraße unter die Füße, um so zum "Klosterbrunnen" mit seinem prächtigen Lindenbaum davor zu gelangen. Von hier aus erschließt sich ein imposanter Blick auf den Urkern Lambrechts mit seinem historischen Gebäudeensemble, aus dem vor allem die altehrwürdige Klosterkirche majestätisch hervortritt.

Klosterbrunnen mit "Eselwanderer und seinen beiden Packeseln"

An ihrer Nordseite tangiert sie die von der "Brücke" halblinks ansteigende "Marktstraße", die ihren Namen einem früheren "Marktplatz" bei dem alten Klosterbau verdankt. Links der Straße erstreckt sich der "Klemmhof", wo einst die klösterlichen Wirtschaftsgebäude lagen. Sein Name (von 'klem' mhd.=knapp, mangelnd) deutet auf ein früheres Armenhaus innerhalb seines Bereiches hin, wo Bedürftige, aber auch die Pilger, die der "Jakobsweg" nach St. Lambrecht führte, einst mit Almosen bedacht wurden.

Blick auf den Urkern Lambrechts mit der "Klosterkirche"

Markante Gebäude sind dort das Eckgebäude (Marktstraße 24) an der Einmündung der Fischerstraße in die Marktstraße. Desweiteren das Gebäude Marktstraße 22, das als ehemaliges "wallonisches Schulhaus" 1612 errichtet wurde (heute Blumengeschäft). Schließlich das hinter seinem Vorplatz liegende Wohnhaus Klemmhof 1 und 2 als jener profanierter Bau, der noch heute die ehemalige St. Pankratius-Pfarrkirche verkörpert.

Das alte "wallonische Schulhaus" (links) und der profanierte Bau der "St. Pankratius-Pfarrkirche" (rechts)

Am Fuße seiner östlichen Giebelwand ist dort übrigens (kopfstehend) Lambrechts ältester Grabstein der elsässischen Dame "Brigitta von Armerstorff" eingelassen, die am 30. April 1544 verschied und auf dem Friedhof bei der Kirche bestattet wurde (-->Thema spezial). Nach der Neuanlage des Friedhofs im oberen Talbereich unterhalb der "Tannen" wurde der alte Kirchenfriedhof aufgelassen, wobei es auch zur Verbauung der dortigen Grabsteine kam. Die hier einst endende Marktstraße, die ursprünglich nur den Zugang zum Kloster als einem abgeschlossenen sakralen Komplex bildete (gem. lat. claustra monasterii=mönchische Abgeschiedenheit), fand so auch zu ihrer Verlängerung zu dem neuen Friedhof hin.

Klemmhof: Grabstein der elsässischen Dame Brigitta von Armerstorff (kopfstehend)

Gegenüber dem Eingang zum heutigen Klemmhof steht das Eckgebäude (Marktstraße 23) des alten "Schul- und späteren Stadthauses" mit seinem Türmchen mit dem Zwiebeldächlein darauf. Nach seiner letztgenannten Nutzung wurde die Verbindung von der Marktstraße in Richtung Osten, zwischen ihm und der Klosterkirche, daher früher auch als "Stadthausgasse" bezeichnet. Es dient heute, nach einer weiteren zwischenzeitlichen Nutzung als Wohnhaus, als "Evangelisches Gemeindehaus".

   Evangelisches Gemeindehaus (altes Stadthaus)

Der beeindruckende Bau der altehrwürdigen "Klosterkirche" wurde vermutlich 1311 unter der Priorin Marcia begonnen und um 1340 von deren Nachfolgerin Kunegund von Fleckenstein vollendet. Somit verdankt er seine Entstehung tüchtigen Nonnen aus dem Orden der Dominikaner. Diese hatten das Kloster von den Benediktinern als Erstinsassen übernommen, denen, gemäß ihrer Ordensregel "ora et labora" (lat.=bete und arbeite), die mühselige Aufgabe oblag, dem 977/87 gegründeten Kloster zu seiner Auferstehung zu verhelfen.

Deren erstes Bethaus bestand womöglich aus einem hölzernen Provisorium, dessen Baumaterial bei der Rodung des ursprünglich dicht bewaldeten Klosterareals in Massen angefallen war. Dieses dürfte schon bald durch einen ersten Steinbau abgelöst worden sein. Das Baumaterial für diesen gewann man wohl durch die Ausbeutung des "Brechlochs" oberhalb der "Grabenstraße", wo einst ein massiver Fels aus dem dortigen Berghang trat, der sich etwa 8-10 m über dem heutigen Straßenniveau bis über die unterhalb der Straße liegenden Gärten hinweg nach vorne schob, um dann steilwandartig zum "Kleinen Weg" abzufallen.

1065 übergab König Heinrich IV. das Kloster Bischof Einhard von Speyer, unter dessen Nachfolger Johannes I. (1090-1104) der vermutlich schon durch einen weiteren Steinbau ersetzte Kirchenbau 1102 eine bauliche Besserung und Erneuerung erfuhr, vielleicht sogar durch einen kompletten Neubau ersetzt wurde. Wohl in der Gestalt jener in romanischem Stile aufgeführt gewesenen benediktinischen Basilika, auf deren Fundamente man 1979/80 gestoßen war, als man den Kirchenboden für den Einbau einer neuen Heizung öffnete.

Nachdem das Benediktiner-Kloster etwa zwischen 1237 und 1244 (jedenfalls vor 1244) unter Bischof Konrad von Eberstein aufgelöst worden war und derselbe anstelle der Benediktiner dafür die Dominikanerinnen eingewiesen hatte, stellte die benediktinische Basilika so deren erstes Gotteshaus dar. Unter den Dominikanerinnen blühte das Kloster auf und so kamen die Nonnen zu den erforderlichen Mitteln für den Bau ihrer Klosterkirche.

Dieser wurde im Osten mit der Apsis bzw. dem Chor im 5/8-Schluß und dem ersten Joch begonnen. Dabei wurde der Bau über die benediktinische Basilika hinweg errichtet, die dann gemäß dem Fortschritt des Kirchenneubaus sukzessive abgebrochen wurde. So konnte nicht nur das Altmaterial aus dem Abbruch der Vorgängerkirche für den Kirchenneubau verwendet werden, viel wichtiger war, daß so auch die gottesdienstlichen Verrichtungen aufrecht erhalten werden konnten. Indem man hierfür auch einzelne Abschnitte durch Zwischenwände schloß, um diese später dann wieder herauszunehmen. So wuchs der Bau in vier Abschnitten allmählich von Osten nach Westen.

Geht man durch die "Stadthausgasse" und dann weiter um den Bau herum, so sind die einzelnen Bauzäsuren insbesondere an der Südwand deutlich auszumachen. Dabei fällt auf, daß die ersten beiden Abschnitte noch mit gleichförmig zugehauenen Sandsteinen gefertigt sind und so ein schönes gleichmäßiges Mauerwerk aufweisen, während der dritte Abschnitt offensichtlich aus Steinen minderer Qualität gemauert wurde. Es hat den Anschein, daß den Nonnen bei ihrem Kirchenbau wohl zwischenzeitlich das Geld knapp geworden war.

    Südseite der Klosterkirche mit "Kunigundebrunnen"

Dennoch soll der vierte Abschnitt mit der Nonnenempore, der alten Halle und der Nonnen-Krypta darin, der einst prächtigste Teil des Gotteshauses gewesen sein. Sein tragisches Schicksal läutete wohl die Auflösung der von Erschlaffung und Zerfall ergriffenen Nonnenabtei ein, indem diese am 1. September 1553 an die Universität Heidelberg überging. Danach wirtschaftlich ausgebeutet und zur Brache geworden, erfolgte 1568 die Einweisung wallonischer Glaubensflüchtlinge in das leerstehende Kloster. Vom 30-jährigen Krieg in die Flucht getrieben, kehrten diese danach wieder zurück.

Einen schweren Eingriff in die Bausubstanz erfuhr der Kirchenbau dann 1707, als der Westteil vom übrigen Kirchenraum durch eine Scheidemauer getrennt wurde. Ungenutzt begann dieser wegen baulicher Vernachlässigung zu zerfallen. Nach Zwistigkeiten - bereits 1776 beginnend - erfolgte 1802/03 ein größerer Teilabriß des baufällig gewordenen Westteils. Seine Reste wurden schließlich durch die Grünanlage mit der 1871 gepflanzten "Friedenseiche" ersetzt.

Neben dieser schwerwiegenden "Verstümmelung", bei der der ursprünglich 60 m lange Bau auf 45 m gekürzt wurde, hatte das Juwel im gotischen Stile und als einziges Beispiel des reinen Typs der Bettelordenkirchen des Hochmittelalters in der Pfalz noch manch andere Verunstaltung zu erleiden, wozu insbesondere die 1922 anstelle des alten Dachreiters aufgesetzte 15 m hohe und von der damaligen Denkmalpflege bewußt vorgegebene artfremde Glockenstube anzuführen wäre.

Auch das Kircheninnere war mehrfach Änderungen unterworfen. 1890/92 wurden erhebliche Umbauarbeiten mit neugotischer Umgestaltung vorgenommen. Dabei die Scheidemauer von 1707 herausgenommen und durch die heutige abgeflachte Giebelwand ersetzt. In die dabei geschaffene Westempore wurde die 1777 von Johann Georg Geib geschaffene Geiborgel umgesetzt und die Apsis bzw. der Chor mit einem neuen Chorgestühl mit Wandvertäfelung ausgestattet, wobei die aufgedeckten Wandmalereien verputzt wurden. Die mittelalterlichen Glasfenster, darunter der kunsthistorisch besonders wertvolle "Lambrechter Engel", gingen dabei ab.

                 

     Klosterkirche von innen: Blick von der Orgelempore in den Chor mit seinen  mittelalterlichen Seccos 

Bei einer weiteren Restaurierung 1955 wurde die neugotische Ausstattung von 1890/92 wieder beseitigt, die vermutlich gewerblich genutzte Vorhalle als Atrium wieder einbezogen, die Emporen-Treppe um 180° gedreht, eine Niederdruck-Heizung eingebaut und die Chorseccos wieder freigelegt und konserviert. Als regional bedeutendes Kirchen- und Kulturdenkmal ist die alte Klosterkirche durch Denkmalpflege und UNESCO heute unter Schutz gestellt.

11. Die Grabenstraße und der Beutelstein

Beim "Klosterbrunnen" zweigt von der Marktstraße die "Grabenstraße" gegen den "Kirchberg" ab, wie dieser in der "Gründungsurkunde" des Klosters St. Lambrecht so namentlich genannt wird. Was Historiker schon spekulieren ließ, ob nicht schon eine Kirche vor dem ersten St. Lambrechter Klosterbau existiert haben könnte. Nun bestehen noch erhebliche Ungereimtheiten hinsichtlich der bestehenden Gründungsurkunde, die kein Original ist, sondern eine Abschrift, womöglich aber auch erst viel später (verm. 11. Jh.) erstellt wurde. Ihre genauere Untersuchung nach den Regeln der Diplomatik (=Urkundenwissenschaft) steht immer noch aus, obwohl vor Jahren schon angekündigt.

Nach eigener Überzeugung ist die Urkunde ein nachträglich verfaßtes Konstrukt, das auf keiner originären Gründungsurkunde basiert, welche womöglich auch nie so existierte. Sie scheint mehr auf einer histographischen, teleologischen Nachvollziehung des Gründungsaktes zu beruhen, gemäß einer Notwendigkeit, um damit aufgekommene rechtliche Unklarheiten prozessual besser klären zu können. So konnte dabei auch der "Kirchberg" übernommen werden, weil er als solcher schon lange existiert haben dürfte, bevor dann wohl die Gründungsurkunde erstellt wurde.

Dieser selbst dürfte zu seinem Namen gelangt sein als der Bau der ersten Klosterkirche unmittelbar bevorstand. Für dessen nach den mittelalterlichen Regeln zwingend vorgeschriebene Ost-West-Ausrichtung bedurfte es der entsprechenden Fixierung von Geländepunkten im und um das Baugelände herum. Um diese nach ihrer Ermittlung 'ansprechen' zu können, mußte ihnen im Rahmen einer Geländetaufe ein Name zugewiesen werden.

Als markantester Orientierungspunkt erhob sich am westlichen Ende der Geländeterrasse, auf welcher der Kirchenbau aufgeführt werden sollte, der Schauerberg. Mit seinem westlichen Ende diesem zugewandt konnte der Kirchenbau so zu seiner Ost-West-Ausrichtung kommen. Den Bergteil des Schauerbergs, der hierfür die exakte 'Kalibrierung' lieferte, taufte man wohl darum auch als "Kirchberg". (Auf diesen ist übrigens auch die ehemalige St. Pankratius-Pfarrkirche ausgerichtet gewesen, wobei dazu eine weitere Parallele in Niederkirchen besteht, indem dessen Kirche ebenfalls durch einen "Kirchberg" kalibriert ist.)

Von diesem Berg kam dann auch das Baumaterial für den ersten steinernen Klosterbau, indem die beim "Brechloch" (s.o.) gewonnenen Steine von dort den "Kirchberg" hinuntergeschleift wurden, hin zur Kirchenbaustelle. So entstand die Grabenstraße wohl zuerst als "Schleife" für das Baumaterial, um später dann zu einem Weg ausgebaut zu werden, der durch seine Anbindung an eine Fortsetzung hin zum Spangenberg, wo des Bischofs Burg über dem Tal thronte, als "Spangenberger Graben" bezeichnet wurde. Woraus sich dann für die spätere Straße deren heutiger Name ableitete.

Folgen wir nun der Grabenstraße aufwärts Richtung Brechloch, dabei am zuletzt bewirtschafteten und an seinem noch erhaltenen Viehstall mit der Dunggrube davor erkennbaren bäuerlichen Betrieb Lambrechts vorbei, dann den Engpaß hindurch und am von rechts kommenden "Kleinen Weg" vorbei, um schließlich links über ihre steile Rampe in die "Beutelsteinstraße" einzubiegen. Wo diese in ihre Horizontale übergeht, stand im anschließenden bergseitigen Gelände einst die 1898 eingeweihte Turnhalle, als Nachfolgerin der 1864 eingeweihten ältesten Vereinsturnhalle der Pfalz, an die die "Turnstraße" erinnert.

Unweit von ihrem ehemaligen Standort eröffnet sich von der Beutelsteinstraße ein wunderschönes Panorama: umringt vom Kranz seiner Berge liegt Lambrecht in seinen weiten Talkessel gebettet. Wir erkennen das nördlich sich zwischen Eichelberg (links) und Kreuzberg (rechts) drängende Luhrbachtal mit dem spitzen Kegel des "Stoppelkopfes" darüber. An seinem unteren Talauslauf hebt sich, vor allem mit ihrer Turmspitze, die katholische Kirche in ihrem hellgelben Putz deutlich ab. Ebenso hell erstrahlt östlich des Tales, auf dem Sommerberg im unteren Kreuzberghang, das Gebäude der Verbandsgemeindeverwaltung, die ehemalige "Webschule". Unter ihr der Bahnhof und die Schienentrasse der Ludwigsbahn. Östlich davon sticht die silbrige "Gaskugel" bei den Stadtwerken heraus.

Schöner Blick vom "Beutelstein" auf Lambrecht

Im Horizont im Osten stehen Sendemast und Turm auf dem Gipfel des Weinbiets. Als ihr schlankes Pendant ragt der gemauerte Kamin der Firma Marx, erkennbar an der überwiegend grauschwarzen Masse ihrer Dachflächen, gleichsam in den Himmel. Das Industriedenkmal - einst von einer schönen 'Krone' geziert - erinnert an die Zeiten, als die Fabriken in Lambrecht noch mehr Leute beschäftigten als der Ort Einwohner hatte (!).

Wo rechts davon der Schauerberg seinen Anstieg nimmt und eine erste Anhöhe ausbildet, nimmt der prägnante Bau des ehemaligen Altenheims seinen Platz ein. Den Berghang weiter aufwärts treten die Gebäude der "Pfalzakademie" mit Sitz des Biosphärenreservats Pfälzerwald (früher Volkshochschule) hervor. Alles zusammen gruppiert sich um den ruhenden Pol im Zentrum, die in ihrer anmutigen Erscheinung alles übertreffende altehrwürdige Klosterkirche.

12. Die obere Marktstraße mit dem Lindenbrunnen und die Wersche

Lösen wir uns von ihrem reizvollen Anblick und setzen wir unsere Stadttour zum anderen Ende der Beutelsteinstraße fort. Wo diese in die obere Markstraße mündet, breitet sich links und rechts von dieser der Friedhof zu den "Tannen" hin aus. Die Marktstraße abwärts bringt uns an den Platz, wo einst eine "Bleiche" angelegt war zur "natürlichen Wäschepflege" an Licht, Luft und Sonne. Ihre Stelle nimmt heute die Anlage des "Lindenbrunnens" ein.

   "Lindenbrunnen" auf den "Wergen"

Dessen Vorgänger aus dem 19. Jh. hatten vor allem die Holzmacher schwer zugesetzt. Nutzten diese doch sein Wasser und den Sandstein seines Troges zum Schärfen ihrer Äxte, bevor sie in den Wald und dort an ihre Arbeit gingen. So wurden seine einst glatten Oberflächen zuletzt von derart tiefen Schleifscharten durchfurcht, daß er 1967 ersetzt werden mußte. In der ihm dabei von Otto Rumpf, Lachen-Speyerdorf, verliehenen künstlerischen Neugestaltung besteht der Brunnen bis heute, wenn er auch 1994, wegen des Ausbaus der Straße zum "Häuselgarten", um einige Meter in Richtung Friedhof versetzt werden mußte.

Das Gewann, das von hier nach Osten zieht, nennen die Einheimischen die "Wersche", verhochdeutscht "Wergen". Die Bezeichnung rührt wohl von 'vergers' (frz.=Obstgärten) oder 'bergers' (frz. =Schäfer) her. Die dortige westostwärts verlaufende Straße "Auf den Wergen" hat ihren Namen davon. Hinter ihrer nördlichen Häuserzeile verläuft parallel die früher offene und heute geschlossene "Ratzegass".

Die Marktstraße weiter abwärts kommt von rechts die "Karl-Marx-Straße", die nicht nach dem Verfasser des 'Kapitals' benannt ist, sondern nach jenem Commerzienrat und Tuchfabrikanten, dem wir zu Anfang beim Marx'schen Turm schon begegnet sind. Auf der nördlichen Ecke, wo beide Straßen zusammentreffen, stand einst das Wirtshaus mit der Weinstube der 'Ohlerbas', später nur noch Wohnhaus, dessen verputzter Fachwerbau dort eine Engstelle verursachte. In der Eckfläche dahinter, bis zur "Walkstraße" hin, erstreckte sich einst eine Abdeckerei (Tierkadaverwertung), von den Einheimischen "Seifenhof" genannt. Sowohl der hinderliche Eckbau als auch der Seifenhof mußten weichen zugunsten einer zeitgemäßen Umgestaltung des Platzes mit Wohnhaus und kleiner Parkanlage sowie zur Verbreiterung der Marktstraße im dortigen Bereich.

13. Die obere Karl-Marx-Straße und die Gradschank

Biegen wir nun in die "Karl-Marx-Straße" (früher die "Kriegerstraße", davor die "Groß Hohl") ein, so kommt nach nur ca. 30 m von rechts die kleine Stichgasse mit dem Namen "Turnstraße", welche an die erste Turnhalle in Lambrecht und in der Pfalz erinnert (s.o.). Nur kurz danach kommt ebenfalls von rechts der "Spitalgarten", benannt nach einem ehemaligen städtischen Spital (=Krankenhaus), das im Eckgebäude zwischen der sogenannten Straße und der Karl-Marx-Straße in den 70er- und 80er-Jahren des 19. Jh. dort einst unterhalten wurde.

    Der "Gradschankbrunnen"
 

Nach der Linkskurve, welche die Karl-Marx-Straße dort beschreibt, stößt von links die "Bienengasse" zu ihr. Sie erinnert an einen ehemaligen 'Immengarten' innerhalb ihres Verlaufs. Ihr gegenüber steht der "Gradschankbrunnen". Sein Name kommt von 'grands champs' (frz.=große Felder), einem früheren, etwa beim Brunnen beginnenden, breiten Ackersaum, der sich im unteren Hang des Schauerbergs bis etwa zur heutigen Pfalzakademie erstreckte und wo die Lambrechter ihre Gärten, Äcker und Obstwiesen angelegt hatten. Neben dem Brunnen erinnert auch die bei ihm von der Karl-Marx-Straße abzweigende "Gartenstraße" an das frühere der Landwirtschaft dienende Gewann.

14. Die Wallonenstraße und das Zunfthaus

Sein kleines Pendant bildet ein noch heute bestehender 'Gartenstreifen', der parallel unterhalb der 'Gradschank' verläuft und sich entlang des als "Kleine Gradschank" bezeichneten Weges hinzieht, der kurz nach der Gartenstraße ebenfalls rechts von der Karl-Marx-Straße abzweigt. Schräg gegenüber mündet die "Wallonenstraße" (ehemals "Groß Gass") in die Karl-Marx-Straße. Ihre breite Einmündung dient als "Pickplatz" für das jeweils Ostermontag, 7 Uhr, dort zelebrierte Lambrechter "Eierpicken", einem urigen und einzigartigen Osterbrauch in der Region (siehe -->Brauchtum).

Das "Eierpicken" auf dem Pickplatz am oberen Ende der Wallonenstraße

Die Wallonenstraße erinnert an die einstigen Wallonen aus der 'belgischen Wallonie', die als Glaubensflüchtlinge noch vor dem 30-jährigen Krieg (genannt wird hierfür das Jahr 1568) nach St. Lambrecht eingewandert sind und die Tuchmacherei in den Ort brachten. Allein in der Wallonenstraße existierten einst 12 handwerklich arbeitende Tuchmanufakturen mit 70 Webstühlen, der Großteil von zuletzt 51 Handwebereien insgesamt, bevor dann mit dem Einzug des mechanischen Webstuhls die industrielle Tuchproduktion in Lambrecht eingeläutet wurde.

Den Tuchmachern wird dann auch der prächtige dreigeschossige Fachwerkbau in der Eckposition zur Gerberstraße zugeschrieben. Das "Zunfthaus" oder "Patrizierhaus" (s. auch -->Zunfthaus) wie es genannt wird, wurde 1607 auf einem Bruchsteinsockel über einem Gewölbekeller aus dem Jahr 1606 errichtet. Sein aufwendiges Fachwerk prägen Mann-Figuren an Eck- und Bundständern sowie reiche Brüstungsausfachungen in den beiden vorkragenden Obergeschossen aus Andreaskreuzen und zum Teil geschweiften Rauten und besonders der beide Obergeschosse einnehmende polygonale Eckerker mit dem achteckigen Spitzhelm darauf. Seine mit Voluten und Beschlagwerksornamenten gezierten Bügen setzen über einem "Neidkopf" an, worüber sich die Jahreszahl 1607 findet. Über dem traufseitigen schlichten Rechteckportal über einer Freitreppe eingearbeitet ist ein Medaillon mit zwei Wappen und den Initialen HTK und MK (sehr vermutlich für Heinrich Klignet und seine Frau als Erbauer). Der wegen seiner reichen Schmuckformen überregional bedeutende Fachwerkbau wurde 2003-6 einer aufwendigen Restaurierung unterzogen und dient seitdem als Stadthaus, mit Ausstellungsräumen (Palaten- und Tuchweberstube) sowie dem schmucken "Hochzeitszimmer" darin.

                    

              Das Zunfthaus mit seiner prachtvollen Fachwerkfassade als Kulisse des Heimatabends 2007

In seinem Gewölbekeller, wo heute die Stadträte ihre Sitzungen halten, sind in der Decke noch spezielle Haken mit großen Ringen verankert. Sie dienten einst zum Färben des Tuchs, um dieses damit in die ehemals darunter stehenden Küpen (Farbbottiche) tauchen und wieder herausziehen zu können. Sie geben somit Zeugnis von der im Gewölbekeller von der Lambrechter Tuchmacherzunft einst betriebenen ehemaligen St. Lambrechter Tuchfärberei (siehe --> Alte Färberei).

Von den Lambrechter Färbern stammt übrigens die weit verbreitete Redensart vom "Blauen Montag" bzw. vom "Blaumachen". Sie rührt daher, daß immer am Montag blaues Tuch gefärbt wurde. Da die Gesellen über das Wochenende gerne mal einen über den Durst tranken und deshalb dann montags oft nicht zur Arbeit erschienen, nannte man dies "Blauen Montag machen" oder kurz "Blaumachen". Schon beim Lambrechter Sommertagsfest von 1927 war dies Motto für einen Umzugsfestwagen (!).

15. Die Gerberstraße und die Boweree

An eine andere Art von Lambrechter Gewerbefleiß erinnert die "Gerberstraße", nämlich an das Gerben. Zeugnis darüber legt allerdings nur der "Kupferhammer" ab, die ehemalige "Dreiherrenschmiede" am Osteingang von Lambrecht (beim heutigen Netto-Markt). Aufgrund der napoléonischen Kontinentalsperre (ab 1807) konnte die zuvor zum Kupferhammer umgerüstete Eisenschmiede mangels Nachschub kein Kupfer mehr verarbeiten, weshalb ihre Umstellung zu einer Gerberei erfolgte. Wegen der damit verbundenen Verschmutzung mußte der Betrieb in der zweiten Hälfte des 19. Jh. eingestellt werden.

Vom Zunfthaus aus die Gerberstraße abwärts treffen wir wieder auf die Karl-Marx-Straße. Indem wir ihr Richtung Stadtmitte folgen, stößt an ihrer rechten Seite zunächst die "Wiesenstraße" zu ihr. Zusammen mit der gleich danach ebenfalls von rechts kommenden "Färberstraße" und der Karl-Marx-Straße umschließt diese das Eckanwesen der ehemaligen Kohlenhandlung des "Kohlenkaufmann". Gebäudeteile davon mit großdimensionierten Fenstern unter ihren großen Rundbögen geben sich dort noch als Reste ehemaliger Fabrikbauten zu erkennen.

Gegenüber dem Anwesen, wo das "Kellergäßchen" links zur Karl-Marx-Straße tritt, fällt der Blick auf den Mischbau mit seinem massiven Erdgeschoß und dem in prächtigem Fachwerk ausgeführten Obergeschoß darüber. In dessen Fachwerkgefüge treten an Schmuckformen Mann-Figuren und geschweifte Rauten mit nasenbesetzten Andreaskreuzen besonders hervor. Nach einer ehemaligen Datierung am Hoftor mit der Jahreszahl 1606 ist der Bau wohl zeitgleich mit dem Zunfthaus entstanden. Ein Schild, das einst an der Wand zum Kellergäßchen hin angebracht war, enthielt einen Text, wonach dort (sinngemäß) das 'Anbinden von Pferden verboten' war.

    

"Boweree-Brunnen" mit Fachwerkbau aus 1606                 Alter Brunnenstock mit Stadtwappen u. Mundspeier 

Im Wechsel auf die rechte Seite öffnet sich unterhalb der kleine Platz mit dem "Boweree-Brunnen" und seinem (kürzlich) arg verstümmelten Lindenbaum daneben. Dort angelangt, befinden wir uns mitten in der "Boweree", wie der Volksmund diesen alten Ortsteil von Lambrecht nennt. Sein Name kommt von den 'Ochsenställen' auf den Weidewiesen, die sich einst entlang der Wiesenstraße erstreckten und oberhalb dieser sogar ein eigenes Gewann mit Namen "Ochsenwiesen" bildeten, wo das Rindvieh gehalten wurde. Schon die Lambrechter Nonnen hatten dort ihre 'stabula bovaria' (lat. =Ochsenställe), denen dann die französisch sprechenden Wallonen ihre Bezeichnung 'bouverie' (frz. =Ochsenställe) verliehen, woraus dann die "Boweree" wurde.

Die früheren Anwohner dort prägte einst ein besonderer Zusammenhalt, indem sie ihre eigene "Boweree-Kerwe" feierten und mit dem "Boweree-Lied" auch über eine eigene Hymne verfügten. So war es wohl auch die besondere Verbundenheit mit diesem Viertel, die einen 'Bowereeaner' zu der guten Tat bewog, vom Vorläufer des heutigen Brunnens den alten Brunnenstock mit dem alten Lambrechter Wappen und seinen schönen Mundspeiern zu retten, indem er diesen in die Ecke seines Vorgartens stellte, auf daß dieser so der Nachwelt erhalten bliebe. Allerdings ist er 2011 von seinem Standort, wo er jahrzehntelang sein geschichtliches Zeugnis der 'Bowerée' kundtat, entfernt worden, mit bis heute ungewissem Schicksal.

    Der "Seib-Stein" im Brunnengäßchen

Einer der prominentesten Anwohner St. Lambrechts war dort begütert. Zeugnis davon legt der "Seib-Stein" im "Brunnengäßchen" ab, das vom Platz aus, zwischen dem ehemaligen Gaststättengebäude "Zur Linde" und dem Anwesen Purrmann hindurch, eine Verbindung zur Färberstraße schafft. Dort in einer Hauswand eingelassen lautet dessen Inschrift: "JOH. JACOB - SEIB SCHUL - THEIß 1730 - JOH. JACOB - SEIB G=M*B*M", wonach jener genannte Johann Jacob Seib einst Schultheiß (und Gemeindebürgermeister?) von St. Lambrecht war. Nach dem 'Metzgerbeil' auf seinem Stein zu urteilen, war ebensolcher von Beruf wohl Metzger, übte aber darüber hinaus, wie überliefert wird, noch das Amt des 'Zunftschreibers' sowie des 'Floßobmanns' aus.

16. Die Färberstraße

Von der "Färberstraße" aus blicken wir auf den neu gestalteten großen Parkplatz. Dahinter - über dem Speyerbach - auf den Sandsteinbau der alten "Volksschule" mit dem neuen "Ärzte- und Geschäftshaus" im Vordergrund, dann auf den "Fischer in seinem Boot" auf der Giebelwand des "neuen Schulhauses" mit der "Schulturnhalle" davor, schließlich auf das "Vereinsheim des Verkehrsvereins", das an eine Fabrikhalle der Firma Marx anlehnt (von West nach Ost). Kaum vorstellbar sind noch die vielen Fabrikgebäude, die einst von hier und bis fast zu den Gleisen der "Ludwigsbahn" hinauf das Gelände dominierten.

Ansicht Färberstraße: links alter "Fabrikbau" als Wohnhaus, modernes Ärzte- und Geschäftshaus sowie ehemalige Volksschule mit Türmchen (hinten), Parkplatz und Grundschul-Turnhalle (vorn)

So wurde dort in der "Dorfmaschine" als eine von (mindestens) fünf ehemaligen Lambrechter Spinnereien mit der in England erfundenen mechanischen Spinnmaschine Wolle gesponnen. Die Karbonisieranstalt Laubscher (später Reißwollfabrik) ging dort ihrer Tätigkeit nach, bis sie bei Erfenstein eine neue Produktionsstätte errichtete und für deren Betrieb dort Arbeiter ansiedelte, woraus so 1938 die Lambrechter Exklave "Iptestal" entstand.

Die größte Firma am Ort war "Obermaier", Entwickler und Produzent von Spezialtuchmaschinen. Sie siedelte 1922 nach Neustadt um, wo sie sich auf dem Gelände der alten 'Würzmühle' als weltweit agierender Großbetrieb neu etablierte. Auch ein Vorgängerbetrieb der ehemaligen Firma "Häussling" war dort seit 1890 ansässig, nachdem diese Gebäude der zuvor dort ansässig gewesenen "Dritten Tuchfabrik" erworben hatte, bis sie dann 1910 die Produktion in eine ehemalige Grießfabrik bei der "Kuhbrücke" (Kuhbrücker Mühle) verlegte. Überdies wirkte, wenn auch nur für kurze Zeit, eine "Motorradfabrik" vor Ort. Zuletzt sei erwähnt, daß die "Webschule" zur Heranbildung tüchtiger Weber hier ihre Wiege hatte, bevor sie dann auf dem Sommerberg ihren endgültigen Standort fand.

Ansicht Färberstraße: Grundschule mit "Fischer" auf der Giebelwand, links daneben Grundschul-Turnhalle, davor Parkplatz

Nach dem Abgang der dortigen Firmen stellten vor allem Teile des Fabrikareals, die zwischen dem Speyerbach und der Färberstraße lagen, über einen langen Zeitraum eine Industriebrache dar. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen diese dann in den Besitz der Stadt, die danach einen großen Kinderspielplatz mit einem Rollschuhrondell darauf errichten ließ. Ebenso ein Holzhaus, das zeitweilig auch dem Verkehrverein als Unterkunft diente. Beim Jahrhundert-Hochwasser 1978 überflutete der Speyerbach den gesamten Platz und die an ihn anbindenden Straßen. Über die erweiterte Stadtkernsanierung erfolgte schließlich seine Umgestaltung mit dem Bau eines "Regenrückhaltebeckens" und der Anlage der heutigen Parkplätze darüber. Nur weniges erinnert noch an den ehemaligen Industriefleiß dort, wie etwa der Sandsteinbau in der Färberstraße mit der Giebelwand und ihrer 'flach gestuften Treppe' im oberen Abschluß als ein typisches architektonisches Stilmerkmal von Fabrikbauten aus der industriellen Gründerzeit Lambrechts.

17. Die Wiesenstraße und die Fabrikstraße

Über die Karl-Marx-Straße zurück und am Boweree-Brunnen vorbei gelangen wir wieder zur "Wiesenstraße", benannt nach den Wiesen (Ochsen-, Pfarr-, Rohr-, Auwiesen) in der sich den Speyerbach ehemals entlang ziehenden großen Bachaue. In ihrem West-Ost-Verlauf führt sie uns zunächst zur Gaststätte "Lambrechter Gäsbock", dem alten "Stadt-Café" (von Kumpf und davor Bullinger). Unmittelbar an ihrer Ecke nimmt die Wiesenstraße die von rechts kommende "Schillerstraße" auf, die wie die ca. 50 m weiter ebenfalls von rechts kommende "Carlstraße" zur "Kleinen Gradschank" leitet. Die Carlstraße entsprang einer Spende an die Stadt durch jenen Lambrechter Commerzienrat und Tuchfabrikanten Karl/Carl Marx, der für das (1956) von ihm hierfür zur Verfügung gestellte Gelände sich ausbedungen hatte, daß die Straße nach ihm benannt wird.

Gegenüber seiner Straße blicken wir auf die große Fabrik, die dieser gönnerhafte und große Lambrechter seiner Stadt ebenfalls hinterlassen hat. Über mehrere hundert Meter erstreckt sie sich an der Südseite der Wiesenstraße entlang bis zur "Fabrikstraße" hin.  Gegründet wurde die heutige  J. J. Marx AG im Jahr 1585, womit sie das älteste Unternehmen der Pfalz ist. Ursprünglich Tuchfabrik, erfolgte dann unter dem nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden Strukturwandel ihr Umbau in eine Schwertuchfabrik. Zunächst stellte diese konventionelle Filze, später dann mittels neuerer Nadeltechnik Nadelfilze und in weiterer Fortentwicklung der Produktionstechnik auch Spiralgefüge her. Mit ihren Produkten ist sie Zulieferer für die Papierfabrikation (Bespannungen von Papiermaschinen), aber auch für andere Bereiche.

Ihr gegenüber, bei den beiden Straßenschwellen, breitet sich die katholische Kindertagesstätte aus. Mit ihrem neuen Beinamen "St Lambertus" erinnert diese an den fränkischen Grafensohn Landebert (auch Lambert und Lambertus), der im 2. Viertel des 7. Jh. geboren und am Hof des Bischofs von Tongern-Maastricht erzogen wurde. Nach dessen Ermordung durch pfälzische Straßenräuber im Jahr 670 wählte man Lambert zum Oberhirten der Diözese. In die politischen Wirren der damaligen Zeit verwickelt, wurde dieser vertrieben, lebte sieben Jahre im Benediktiner-Kloster Stablo und wurde von dort durch König Pippin II. wieder zurückberufen. 705/6, wohl am 17. September, starb er in Lüttich als Opfer der Blutrache. Als Hausheiliger der salischen Gründerfamilie verehrt, stellte deren Oberhaupt, Otto von Worms, sein St. Lambrechter Kloster unter das Patronat dieses Heiligen. Womit dieser auch zum Namenspatron für das heutige Lambrecht wurde.

Kurz nach der Kindertagesstätte führt von der rechten Straßenseite die Blainviller Straße zum Lambrechter Gemeinschaftshaus mit der Bürgerstube hin. Die "Blainviller Straße" ist nach der Lothringer Gemeinde "Blainville-sûr-L'Eau" (Frankreich) benannt, mit der Lambrecht 1975 eine Städtepartnerschaft eingegangen ist, die mittlerweile allerdings aufgegeben wurde. Das "Gemeinschaftshaus" wurde 1982/3 als Ersatz für die ehemalige Festhalle im Beerental errichtet. Östlich davon erstreckt sich auf den einstigen "Rohrwiesen" die Sportanlage des Turn- und Sportvereins.

    "Untermühle" in der Fabrikstraße

Gegenüber dessen Vereinsheim und Gaststätte "Zur Jahnwiese" mündet die "Fabrikstraße" in die Wiesenstraße. Sie bestand früher nur als "Alter Mühlweg", der zur dortigen "Untermühle" führte mit ihrer charakteristischen Holzschindelverkleidung an Teilen ihres Baues, die auf gedrungenen oktogonalen Stützpfeilern ruhen. Als Ersatz für eine ältere Mühlenanlage wurde diese 1743 errichtet, fungierte zuerst als Mahlmühle, die zwischenzeitlich auch als Würzmühle betrieben wurde, dann aber als Schleif- und Wappenschmiede ihre Dienste verrichtete. 1836 gelangte sie in den Besitz der Firma Marx, die sie 1993 weiterveräußerte. Als bei der Untermühle in den 1860/70er-Jahren große Fabrikbauten entstanden (Marx, Botzong, Strauch), baute man den "Alten Mühlweg" zur Straße aus und gab dieser den Namen "Fabrikstraße". (Ausführlich zu den Lambrechter Mühlen unter -->Mühlen)

18. Das Atzental hinauf zum Sommerberg

Mit ihrem oberen Ende mündet die Fabrikstraße in die Hauptstraße. Gegenüber der Einmündung steht der große Sandsteinbau der ehemaligen "Brauerei Neu" (Kleinbrauerei und Schwarz-Storchen-Bierverlag mit Gaststätte und Veranstaltungssaal), wo zwischenzeitlich auch eine Zweigstelle der AOK sowie eine Zahnarztpraxis untergebracht waren. Der Treppenaufgang links des Gebäudes führt hoch zum Bahnhof, während rechts die Zufahrt zu den "Stadtwerken" mit fußläufiger Fortsetzung aufsteigt. Nach Überquerung der Hauptstraße wollen wir letzteren den Vorzug gewähren.

Links Sandsteinbau der ehemaligen "Brauerei Neu", rechts daneben Auffahrt von der Hauptstraße zu den "Stadtwerken" und Aufgang zum "Atzental"

Mit der Eisenbahn erhielt Lambrecht auch den Zugang zur Saarkohle und somit die Möglichkeit einer Gasversorgung, indem in einer "Gasfabrik" die Kohlevergasung betrieben wurde. Ein "Kohlenhof" mit eigenem Gleisanschluß diente dem Nachschub. Aus diesem Vorläufer und über den Ausbau einer Wasser- und Stromversorgung entwickelten sich dann die heutigen Stadtwerke Lambrecht als leistungsfähiges Energie-Wasser-Querverbund-Unternehmen am Eingang zum "Atzental", wie die dortige Bergdelle genannt wird.

Hinter den Stadtwerken entlang und unter dem Bahnkörper hindurch steigen wir weiter das "Atzental" hinauf. Zunächst im Zick-Zack, dann über eine Anzahl Treppenstufen gelangen wir so auf die "Sommerbergstraße". Sie ist nach dem "Sommerberg" (s.o. Ausführungen zu den "Trockenwiesen") benannt, durch den diese Straße verläuft. Gleich nachdem wir sie erreicht haben, erhebt sich links an der Bergseite das Gebäude Nr. 11, in welchem 1850 die ehemalige Wattefabrik "Häussling" gegründet und ursprünglich betrieben wurde. Hierzu bezog sie ihre "Energie" von einer im Berghang über dem Gebäude entspringenden Quelle, die damals eine sehr starke Schüttung aufwies, so daß damit eine eigene Mühle angetrieben werden konnte.

An besagtes Gebäude schließt sich westlich die Grünanlage mit dem "Gedenkstein der Tuchmacherzunft" an. Letztere existierte bereits vor 1580, bis dann 1978 ihre Auflösung erfolgte. Dokumentiert auf der Tafel des Gedenksteins mit dem weiteren Hinweis darauf, daß das Gelände von der Tuchmacherzunft der Stadt Lambrecht vermacht wurde.

Die sich westlich anschließende "Webschule" (seit 1981 Verwaltungsgebäude der Verbandsgemeinde Lambrecht) wurde 1876 durch die Tuchfabrikanten in einem ehemaligen Fabrikbau der Karbonisieranstalt Laubscher in der Färberstraße eingerichtet, zu dem Zweck, durch qualifizierte Ausbildung des Berufsnachwuchses sich besser gegen die wachsende Konkurrenz behaupten zu können. Wegen Platzmangel wechselte sie von dort zweimal in größere Gebäude in der Nachbarschaft, bevor dann 1900 ein Neubau auf dem Sommerberg eingeweiht werden konnte.

"Webschule" auf dem Sommerberg, heute Sitz der Verbandsgemeindeverwaltung

Durch Anbauten (1915 und weitere danach, zuletzt in den 50er-Jahren) entstand der heutige große Gebäudekomplex, worin sich die Webschule als "Staatliche Ingenieur- und Fachschule für Textilwesen" entwickeln und so den Status einer Hochschule erlangen konnte (1955-1971). Mit der Ausgliederung der Abteilung Textilingenieur an die Fachhochschule in Kaiserslautern (1971) ging dieser Status verloren. Zwar wurden danach noch Textilkaufleute und -techniker ausgebildet, jedoch Ende 1974 wegen Unwirtschaftlichkeit die Schließung vollzogen.

Wo der ortsbildprägende Bau errichtet ist, genießt man einen einzigartigen Ausblick auf Lambrecht. Schon im Mittelalter wurde dieser deshalb wohl auch besonders bevorzugt, insoweit die ältesten Malereien, Zeichnungen und Stiche mit der Darstellung von St. Lambrecht und Grevenhausen ausnahmslos hier ihre Vorlagen fanden. An einer Stelle, wo unweit einst ein Kruzifix (Flurkreuz) stand, von dem der "Kreuzberg" seinen Namen hat.

Herrlicher Panoramablick von der "Webschule"

Wer unsere Stadttour bis hierher aufmerksam begleitet hat, dem dürfte nun vieles als 'bekannt' erscheinen, wenn es sich auch aus einer anderen Perspektive zeigt. Darum sei das sich hier präsentierende Panorama allein dem forschenden Blick des Betrachters überlassen. Nachdem dieser noch einmal über alles hinweg geglitten ist, wird er gewiß dabei auch das nahe Gebäude des Bahnhofs und den kurzen Weg dorthin verinnerlicht haben, wo unsere Stadttour begann und wo sie nun auch wieder endet.

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